Geschichte des Schulfilms
Vorgeschichte des Schulfilms

Jede Geschichte hat eine Vorgeschichte. Die des Schweizer Schulfilms beginnt am 7. Mai 1896 auf der Landesausstellung in Genf. Im Palais des Fées bestaunte damals das Publikum den Cinématographen der Brüder Lumière. Die Kinooperateure demonstrierten das Aufnehmen, Entwickeln und Vorführen von Filmbildern. Es war das erste Mal, dass die sogenannten „lebenden Photographien“ öffentlich in der Schweiz gezeigt wurden. Ob damals auch Lehrer unter den Besuchern waren und ob sich das Publikum Gedanken über die erzieherischen Möglichkeiten des revolutionären Mediums gemacht haben, ist nicht überliefert. Die ersten, welche die neue Technik in der Schweiz nutzten, waren Schausteller. Allen voran der Bieler Kino-Pionier Georges Hipleh-Walt (1857-1940). Seine Zelt-Kinematographen waren Jahrmarktsattraktionen und die erste Grossform des Kinos. (1) Die Vorführungen waren beliebt und galten als spektakulär. Ausgestattet mit luxuriösen Orchester und mächtigen Dampflokomobilgeneratoren eroberte Hipleh-Walt die Herzen der Jugend. Es ist anzunehmen, dass Schweizer Lehrer dem neuen Medium mit Skepsis begegneten. Die erste dokumentierte Pädagogenreaktion im deutschsprachigen Raum stammt aus dem Jahr 1902. Ein Leser der Münchener Neusten Nachrichten beklagt sich über die niveaulosen Filme und hob die Möglichkeiten des Mediums als Erziehungsmittel hervor:
«Der Biograph ist eine Erfindung von bedeutendem erzieherischem Werthe und wäre es nur wünschenswerth, wenn seine hervorragende Eigenschaft als Objekt für Anschauungsunterricht besser ausgenützt würde. Daß man sich dann natürlich größter Wahrheit befleißigen müsste, ist klar, dafür gewinnt der Apparat aber auch an Werth und ist wie nichts Anderes im Stande, dem Volke ein wahrhafter Belehrer und Unterhalter zu sein.» (2)
Der Schreiber griff damit die Grundgedanken der deutschen Kinoreformbewegung vorweg (3), welche die Entwicklung des Schweizer Lehrfilms stark beeinflussen sollte. (4) Mit der Etablierung der festen Filmspielstätten ab 1905 in Deutschland äusserten sich die Kinoreformer immer häufiger in der Presse. Es brach die Schundfilmdebatte los, die von Kinoreformern und Kinofachpresse leidenschaftlich geführt wurde. Vielleicht etwas zu leidenschaftlich wie ein Zeitzeuge erklärte:
«Wohl mehr als neun Zehntel alles dessen, was in den letzten Jahren über das Lichtspielwesen, seine mannigfachen Beziehungen zum Recht und zur Kultur, geschrieben ist, gehört der deutschen Literatur an.»(5)
Wurden in Deutschland, in dieser Anfangszeit, vergleichsweise wenige Filme gemacht, war die Schweiz ein filmisches Niemandsland, dass höchstens als Filmkulisse für ausländische Filmemacher taugte. Allerdings wurden Filme leidenschaftlich geschaut und die Schausteller reicherten das Programm mit kleinen Eigenproduktionen an. Mit dem neuen Medium liess sich gutes Geld verdienen und unter den Kino-Schaustellern wurden brachiale Verdrängungskämpfe ausgetragen. (1) Die Einrichtung von festen Spielstätten lag also nahe. Mit diesem Begehren traten nun endgültig die Lehrer und Bildungsbürger auf den Plan, die in den Schweizer Städte- und Gemeinderäten Konzessionen erfolgreich verhinderten. (1) Es war der Jesuitenpater Abbé Joseph Joye (1852–1919) der den Wert des Films für die Jugendarbeit erkannt und es 1906 schaffte, das erste Schweizer Kino in Basel zu eröffnen. (6) Der Hobbyfotograf und Filmliebhaber Joye zeigte und kommentierte dort, im Rahmen einer Sonntagsschule, Filme die der Erbauung, Belehrung und Unterhaltung dienen sollten. Er war ein unermüdlicher Sammler. Seine Kollektion umfasste schliesslich um die 2000 Titel und ist heute einer der bedeutendsten Bestände der Filmgeschichte. Joye war wohl der erste Schweizer, der das noch junge Medium gezielt für die Bildungsarbeit einsetzte. (6) Mit seinem Kino Borri beginnt die Geschichte des Schweizer Schulfilms.







Quellenangaben
- (1) Vgl. Mariann Sträuli, M., Schärer, A.: Die weisse Leinwand, wo alles lebendig ist – Zur Wädenswiler Kinogeschichte. In: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 2003, S. 53 – 69.
- (2) Vgl. Vermischtes – Der Biograph als Lügner. In: Der Komet, Nr. 876, 4.1.1902, S. 9-10.
- (3) Vgl. Diederichs, H. (1996): Frühgeschichte deutscher Filmtheorie. Ihre Entstehung und Entwicklung bis zum Ersten Weltkrieg, Habilitationsschrift im Fach Soziologie am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der J. W. Goethe-Universität Frankfurt am Main, S.25
- (4) Vgl. Gertiser, A. (2011): Schul- und Lehrfilme. In: Schaufenster Schweiz. Dokumentarische Gebrauchsfilme 1896 – 1964, Limmat Verlag, Zürich, S.389
- (5) Vgl. Hellwig, A. (Rezension) Fr. Hallgren: Kinematografien ett bildningsmedel. In: Bild und Film, Nr. 7/8, 1914/15, S. 166.
- (6) Vgl. http://www.borromaeum.ch/kino_borri.php Zugriff: 3.5.2012