Geschichte des Schulfilms

Das Erbe der Kinoreformer und Schulfilmer

Tag des Bremer Rundfunks“ 1955: In den 1950er Jahren fand ein Paradigmenwechsel
statt. Die Frage war nicht mehr was macht der Film mit dem Zuschauer, sondern was macht der Zuschauer mit dem Film. Ansonsten beherrscht der Muff der 50er die medienpädagogische Haltung: Mittels Film sollen Werte und Vorbilder vermitteln werden:
„Härte gegen sich selbst, statt gegen den Feind. Faire Haltung im Wettkampf. Männlicher Mut und Einsatz für eine gute Sache.“ (Keilhacker, Keilhacker 1953)

Die Kinoreformer und Schulfilmer gingen der Frage nach: was macht der Film mit dem Rezipienten. Ihre Vorstellung vom Menschen war eine mechanische. (1) Damit standen sie dem Behaviorismus nah. Entsprechend diesem pädagogischen Paradigma ist Film ein audio-visueller Input. Die Verarbeitung im zentralen Nervensystem beschreibt die Theorie als Blackbox. Nach dem Input macht es also im Oberstübchen irgendwie „putput“ und am Ende steht ein berechenbarer Output, so ungefähr war die These. Mit dem Paradigmenwechsel zum Kognitivismus stellte sich die Frage anders herum: Was macht der Rezipient mit dem Film. Es ging also darum die Blackbox Hirn zu knacken und das „putput“ näher zu bestimmen. Die Kognitivisten akzeptieren den Menschen zunehmend als Individuum, das nicht fremd“ gesteuert“ sondern selbstständig ist und die Reize der Umwelt unterschiedlich verarbeiten kann. Allerdings schaffte die Vorstellung vom aktiven Rezipienten erst 20 Jahre später, mit dem Konstruktivismus, den Weg in Filmpädagogik. Prägend für die 1950er Jahren war der Medienpädagoge Martin Keilhacker (1894- 1989). In Film und Fernsehen sah er ein grosses Potential für die Bildung. Erziehung zur Medienkompetenz und Kritikfähigkeit war sein Ziel. Geprägt von seiner Zeit stand er dennoch der Bewahrpädagogik nah und traute den Kindern und Jugendlichen nicht allzu viel zu. So schrieb Keilhacker 1953, das Mehrdeutigkeiten und Unsicherheiten im Film, in der Vorpubertät für Verwirrung sorgen können und grundsätzlich riskant sind. (2) In den 1960er Jahren wechselte die Haltung der Medienpädagogen von einer konservativen, normsetzenden zu einer kritisch-emanzipatorischen Erziehung. Die Heranwachsenden sollten einen eigenständigen und kritischen Umgang mit Film und Fernsehen finden. (2) Letzteres geriet in den 1970er und 1980er Jahren in den Fokus der Medienpädagogen. In den 1990er Jahren war dann die Beschäftigung mit dem Medium Computer zentral und der Film geriet in Vergessenheit. Ab den 2000er Jahren rückte das Medium Film wieder ins Bewusstsein der erzieherischen Medienarbeit und in jüngster Zeit beginnt eine neue Auseinandersetzung mit den Genre Schulfilm. Hier war seit der Schulfilmbewegung nicht mehr viel passiert. Nach dem Krieg widmete sich das Schulfernsehen dem Thema und produziert anfangs trockene Formate, in denen sich ein Moderator als Fernsehlehrer empfahl, um dann einen mehr oder weniger langweiligen Vortrag zu halten. Das pädagogische Konzept dieser Sendungen, schien auf ein Wilhelm-Busch-Zitat aufzubauen:

Wenn alles schläft und einer spricht, so nennt man dieses Unterricht.“

Mittlerweile hat sich dieses Konzept geändert. Im Schulfernsehen werden kleine Reportagen oder Dokumentationen gezeigt, die gut in den Unterricht einzubauen sind.

Wie das Schulfernsehen unterlagen auch die Film- und Bildstellen einem Wandel. In den 1990er Jahren wurden sie zu Medienzentren umfunktioniert oder verschwanden ganz. Die Technischen Veränderungen dieser Zeit betrafen die Medienformate. So wurde der 16mm-Film ab den 1980er Jahren von der Videokassette abgelöst. Nicht unbedingt zur Freude der Lehrpersonen, denn Video bedeutete das Ende der grossen Leinwände und damit den Abschied von qualitativ hochwertigen Bildern. Stattdessen schaute man nun in kleine Fernsehröhren. Qualitätseinbussen mussten die Lehrer nicht nur in Sachen Bild hinnehmen. Die Videotechnik machte die Filmproduktion vergleichsweise kostengünstig und jeder der es konnte oder auch nicht hatte nun die Möglichkeit zur Kamera zu greifen. Das Förderte die Produktion schlecht gemachter und billig hergestellter Produkte. Der grosse Vorteil der Videotechnik lag bei den Fernsehaufnahmen. Zu mindestens in der Schweiz. Hier können Lehrer solche Aufnahmen legal im Unterricht zeigen. Die deutschen Kollegen dürfen das nur bei Schulfernsehsendungen. Andere Fernsehaufnahmen sind in bundesdeutschen Klassenzimmern illegal. Allerdings werden nicht wenige aufrechte Lehrer gegen das bildungsfeindliche Urheberrecht Deutschlands verstossen, denn viele Fernsehbeiträge können als hochwertige Lehrmittel verwendet werden. Mit Abbe Josef Joye haben dieseLehrer einen würdigen, wenn auch inoffiziellen, Schutzheiligen. Joye wickelte sich sogar Filmstreifen um seinen Bauch, um sie über die Grenze zu schmuggeln. (3) Denn die mediendidaktische Bildungsarbeit erforderte schon in den Anfangszeiten eine gute Portion zivilen Ungehorsams. Bei aller Widerstandsromantik sollten sich die Lehrer bewusst sein, dass zukünftig in den Klassenzimmern ein rauerer Wind wehen wird. Mit den Kopiermöglichkeiten der digitalen Medien ist damit zu rechnen, dass der Streit um das Urheberrecht an Härte gewinnt. Insbesondere die USA setzten sich international für Restriktionen ein. Hollywoodfilme sind für die Vereinigten Staaten ein wirtschaftlich wichtiger Exportfaktor. Eine Ironie der Geschichte ist, dass hinter dieser Haltung, die wohl gigantischste Urheberrechtsverletzung aller Zeiten steht. In den USA hielten, in der Anfangszeit des Films, die New Yorker Motion Picture Patents Company das Monopol am Filmgeschäft. Um deren restriktiven Auflagen zu entgehen, flüchteten unabhängige Filmproduzenten, wie Carl Laemmle (Universalstudios), nach Hollywood und gründeten dort die grossen Produktionsfirmen, die noch heute den internationalen Filmmarkt beherrschen. Ihr mutiger Gesetztesverstoss ermöglichte erst die Entwicklung der innovativen Hollywoodkultur, die das Filmerleben so vieler Menschen prägte und immer noch prägt. Hätten sich die Produzenten damals an das New Yorker Recht gehalten, wären viele wunderbare Filme nie gedreht worden. Heute suggerieren diese Firmen über die DVDIntros, dass selbst das legale Kopieren, zum Eigengebrauch, ein Kapitalverbrechen ist, dass mit jahrelanger Haft bestraft wird. Ein YouTube-Autor bemerkt dazu passend: Wer seine Firma auf dem Boden einer Patentrechtsverletzung aufbaut und dann rigoros den Schutz des geistigen Eigentums fordert, muss „Eier aus Stahl“ haben.

„Eier aus Stahl“ Der Filmpionier Carl Laemmle war einer der „Unabhängigen“, die sich über die Patente der Motion Picture Patents Company hinwegsetzte. In einer ausgestorbenen Gegend bei Los Angeles, die heute als Hollywood bekannt ist, kaufte er eine 170 Hektar
große Hühnerfarm und errichtet dort die Universal City Studios. (Wikipedia)
Das Schulfernsehen war in den 1960 und 70er Jahren als gefilmter Unterricht konzipiert. Seit den 1980er- Jahren wird dieses Modell der Wissensvermittlung im Fernsehen nicht mehr eingesetzt. Schulfernsehen versteht sich als Partner und nicht als Ersatz des Lehrers. Das Gesicht der Schulfernsehsendungen hat sich daher auch von moderierten Studiosendungen hin zu Features und Dokumentationen gewandelt. Bei der Erstellung der Sendungen wird darauf geachtet, dass die Inhalte eine leichte Integration in das Curriculum des Schulunterrichts erlauben. (wikipedia 2012)

Quellenangaben

  • (1) Vgl. Walberg, H. (2011): Film-Bildung im Zeichen des Fremden. [transcript], Bielefeld, S. 36
  • (2) Vgl. Walberg, H. (2011): Film-Bildung im Zeichen des Fremden. [transcript], Bielefeld, S.56
  • (3) Vgl. Dumont, H. (1987): Geschichte des Schweizer Films, Schweizer Filmarchiv. S.24-25

Nächstes Kapitel: Filmpädagogik nach 1945

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