Geschichte des Schulfilms

Schundfilm und Kinoreform

Räuber mit Pistole: Szene aus dem Film The Great Train Robbery"
Die erregte Phantasie auf das Gewaltsame, Grausame und Brutale hinlenken: Die Kinoreformer glaubten an ein mimetisches Wirkungskonzept und vertraten die Auffassung, dass die Filmrezipition zur Nachahmung verleite. „The Great Train Robbery“ USA 1903 Dauer: 12 Minuten Regie: Edwin S. Porter

Die Geschichte des Schweizer Schulfilms ist eng mit der deutschen Schundfilmdebatte verbunden. (1) Der Begriff Schundfilm lehnt sich an dem Wort Schundliteratur an, dass Ende des 19. Jahrhunderts geprägt wurde. Schundliteratur bezeichnet angeblich unmoralische oder verderbte Lektüre. (2) Mit der Etablierung fester Filmvorführstätten, ungefähr ab 1907, wurde der Begriff auf Filme übertragen, die zu dieser Zeit meist schlichterer Natur waren. Das Filmmaterial, dass bis dahin produziert wurde, basierte auf der Attraktion, dass sich Bilder bewegen konnten. Das war neu und lockte die Menschen an. Während die Brüder Lumière dokumentarische Alltagsszenen drehten, reicherten die Brüder Skladanowsky ihr Filmprogramm mit Varieté-Nummern an. In der Schweiz filmte man Festaufzüge, Wäscherinnen bei der Arbeit und Militärs beim Artillerieschiessen. Vor allem die touristischen Sehenswürdigkeiten, wie der Rheinfall oder der Vierwaldstätter See, waren bevorzugte Filmmotive. Dazu kamen Slapstick-Nummern und Zaubertricks. In Guckkästen, den sogenannten Nickelodeons, konnte man leicht bekleidete Damen bewundern und der französische Illusionist und Theaterbesitzer Georges Méliès experimentierte mit den Frühformen des narrativen Films. Noch galt der Film nicht als Kunst und die Bildungsbürger begegneten dem neuen Medium mit Ablehnung und Skepsis. Ein Pädagoge jener Zeit beklagte sich entsprechend, dass er „grauenvolle Szenen habe ansehen müssen“. Zum Beispiel jene, in der sich ein abgewiesener Liebhaber im Wald erhängte und von einem vorbeikommenden Radfahrer mit einer Luftpumpe wiederbelebt wurde. (3) Heute, über hundert Jahre später, ist eine ähnlich haarsträubende Reanimationsszene, ein beliebter Filmclip im Erste-Hilfe-Unterricht. Die Versuche des Mr. Bean, einen Herzstillstand mit zwei losen Starkstromkabeln zu beheben, bietet einen gelungen Lektionseinstieg. Die Erkenntnis, das Emotionen wesentlich für den Lernprozess sind, hat sich erst in jüngster Zeit durchgesetzt und dank pädagogisch-konstruktivistischer Theorien mutet man den Rezipienten auch eine gewisse Urteilskraft zu. Das war damals anders. Dem Film wurde schon sehr früh ein hohes an Wirksamkeit zugeschrieben und die Heranwachsenden waren dem, nach Ansicht der Kinoreformer, hilflos ausgeliefert. Jugendliche galten als manipulierbar und unfähig sich eigenständig mit Filmen auseinanderzusetzten. (4) Das führte 1907, zur Gründung eines Ausschusses, der das Schundfilmproblem untersuchen sollte. Die „Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens“ im deutschen Hamburg, betraute die „Kommission für lebende Photographien“ mit dieser Aufgabe. Der Ausschuss sollte aus 200 Kinostreifen, diejenigen auswählen, die „im guten Sinne belehrend“ waren. (5) Unter der Leitung des Kinokritikers C. H. Dannmeyer wurden 30 Filme (6) als sittlich unbedenklich qualifiziert und ein Gutachten vorgelegt, dass die zunehmende Verbreitung von Film und Kino als bedenklich einstuft. Dannmeyer sah in den Filmen seiner Zeit ein Zeichen des gesellschaftlichen Verfalls. Allerdings wies er darauf hin, dass Filme, bei „angemessener Gestaltung“, ein „ausgezeichnetes Mittel der Belehrung und Unterhaltung“ sein können. Dannmeyer bemängelte aber, dass im Filmangebot „das Hässliche, Verbildende und sittlich Gefährdende“ überwiegen würde. So empfiehlt er den Schulen, Kinobesuchen erzieherisch entgegen zu wirken. (7) Dannmeyers Gutachten war ein erstes medienpädagogisches Schriftstück, das die Medienrealität analysiert und daraus Handlungsoptionen ableitet. (8) Die bewahrpädagogische Haltung Dannmeyers ohne den systematischen Rückgriff auf erziehungswissenschaftliche Theorien ist ein Merkmal, dass sich bis heute, in vielen medienpädagogischen Schriften wiederfindet. (9) Auch der Kulturpessimismus Dannmeyers ist bis heute prägend für den medienpädagogischen Diskus. Neben dem Kinokritiker Dannmeyer gab es noch weitere führende Protagonisten in Deutschland: Der Lehrer Adolf Sellmann, der Schuldirektor Hermann Lemke, der Pastor Walter Conrad, der Kunsthistoriker Konrad Lange und der Polizist Karl Brunner.

Schulrektor Hermann Lemke mit Kindern
Schulrektor Hermann Lemke: Deutscher Kinoreformer der ersten Stunde

Die Kinoreformbewegung war ein heterogenes Sammelbecken unterschiedlicher Einzelpersonen, Gruppen und Vereinen, die an verschieden Fronten gegen das Kinogewerbe ins Feld zogen. (10) Die Reformbewegung war nicht als Standesorganisation konstituiert und blieb zersplittert. Eine frühe Plattform für die filmbewegten Pädagogen bot der Verlag Lichtbildnerei im deutschen Mönchen-Gladbach. In der Schweiz waren es der Pfarrer Albert Wild und der deutschstämmige Lehrer Christian Beyel, welche die Ideen der Kinoreformbewegung aufgriffen. Beide Herren waren mit Sittlichkeitsvereinen verbunden und schafften sich durch Artikel in Zeitschriften Gehör. Erstmals wurde das Thema 1911 in der, von Wild herausgegeben Publikation „Schweizerische Zeitschrift für Gemeinnützigkeit“ aufgegriffen. Der Titel von Wilds Artikel macht seine Haltung deutlich: Die Bekämpfung des Kinematographenunwesens. Sein Mitstreiter Beyel, der sich schon als Vorsitzender des „Schweizerischen Bundes gegen unsittliche Literatur“ einen Namen gemacht hatte, publizierte 1912 einen Artikel, mit dem er den „verrohenden Einfluss“ des Kinos auf die Jugend anprangerte. (11)

„Wir sahen Spielhöllen mit ihrem feinen Publikum. Wie durch Zauber verwandelte sich dasselbe beim Nahen der Polizei in ein harmloses Musikorchester. Dann wurden wir auf die Insel der Opiumraucher geführt, in den Rauchsälen grinsten uns die erschlafften Gesichter der Rauchenden an. Es folgte der Traum eines Opiumrauchers mit sehr realistischen orientalischen Haremsfreuden. – Vermummte Räuber drangen in ein Schloss, überwältigten die überraschte Gesellschaft und raubten das Schloss aus. – Es folgte der Überfall auf Touristen, ihre Wegführung in eine Räuberhöhle und Erpressungsversuche. – Ein Mann sollte zwischen zwei grossen Steinen zerquetscht werden, welche mit raffinierter Grausamkeit langsam sich gegeneinander bewegten. Eine Frau wurde am Schweif eines Pferdes über weite Felder geschleift. Wir sahen den Kampf zweier Frauen auf Leben und Tod im Meere, den Kampf der Polizei mit den Räubern auf Automobilen und den gelungenen Selbstmord des Verbrecherkönigs, dem es gelingt, im Moment der Verhaftung mit höhnendem Lächeln Gift zu nehmen.“ (12)

Ähnlich der aktuellen Diskussion um die Gewalt in Videospielen, die mit realer Jugendgewalt in Zusammenhang gebracht wird, folgerte Beyel, dass das Kino „eine wahre Hochschule des Verbrechens sei“. Er bemängelte, dass die bewegten Bilder, „die nervös an den Augen vorbeihasten und zu schädlichen Nervenreizungen führen“, „die erregte Phantasie auf das Gewaltsame, Grausame und Brutale hinlenken würde“. (13) Solche unwissenschaftlichen Thesen wurden gesellschaftlich als plausibel empfunden und führten, sowohl in Deutschland, als auch in der Schweiz zu weitreichenden Restriktionen (14). Fast ein Jahrhundert später kommt der populäre deutsche Hirnforscher Manfred Spitzer zu ähnlichen Ergebnissen und diagnostiziert schlicht „Bildschirmmedien […] machen dumm, dick und gewalttätig“. (15) Spitzer beruft sich dabei zwar auf wissenschaftliche Erkenntnisse, die er aber, nach Meinung von Medienpädagogen und Psychologen, sehr einseitig, populistisch und unseriös interpretiert und damit ganz in der Tradition der Kinoreformer steht. Mark Twain sagte mal „Geschichte wiederholt sich nicht. Sie reimt sich nur“ und die Reime der Kinoreformbewegung sind noch deutlich wahrnehmbar. Damals, Mitte der 1910er Jahren, ebbte der Widerstand gegen das Medium Film erst einmal ab. Während des ersten Weltkriegs wurde das propagandistische Potenzial des Mediums erkannt und das Kino stand nun in den Diensten nationaler Interessen. Mit den historischen Monumentalfilmen aus Italien und dänischen Dramen, in denen der Filmstar Astra Nielsen auftrat, stiess das Medium Film auch im Schweizer Bildungsbürgertum auf mehr Akzeptanz. Nach dem Krieg wurden Filme in den unterschiedlichsten wirtschaftlichen Bereichen eingesetzt. Auch die Nutzung zur Volksbildung und im schulischen Kontext stand zur Debatte. Christian Beyel bekam den Vorsitz im Verein „Schweizerische Kommission für Kinoreform“, wo er nun versöhnlichere Töne anschlug. Beyel gab zu, dass das Kino ein „Kulturfaktor von grosser Bedeutung“ sei. Die neue Strategie hiess nun, das Schlechte mit dem Guten bekämpfen. Anstelle von Schundfilmen sollten „einwandfreie“ Filme hergestellt und gezeigt werden. (16) Einen Anfang machte der Verein mit einem Säuglingspflegefilm, der, begleitet von einem ärztlichen Vortrag, in allen grösseren deutsch-schweizer Städten vorgeführt wurde. Filmvorträge zu den verschiedensten Wissensgebieten folgten. Allerdings konnten eine Reihe von Vorstellungen nicht realisiert werden, weil die Verleihgebühren der Filme zu hoch waren. (17) Die Reform des Kinos konnte also nicht der Privatwirtschaft überlassen werden. Es bedurfte der staatlichen Förderung, eine Erkenntnis, zu der man auch in Deutschland gelangte. Die Kinoreformbewegung schuf so den Grundstein für staatliche Filmförderprogramme. (18) Dank dieser Leistung können heutzutage Autorenfilmer, neben der kommerziellen Konkurrenz des US-Amerikanischen Studiofilms bestehen. Damals begann man darüber nachzudenken, mit staatlicher Förderung nichtkommerzielle Volkskinos und Gemeindelichtspielhäuser zu eröffnen, staatliche Filmbildstellen einzurichten und das Medium Film in die Schule zu bringen. Aus der Kinoreformbewegung wurde die Schulfilmbewegung geboren.

Filmplakat: Quo Vadis
Die Akzeptanz des Mediums Film steig beim Schweizer Bildungsbürgertum. Anstelle der schlichten Filme der ersten Jahre bietet Italien aufwendige Historienspektakel.
Stummfilmstar Asta Nielsen: wollüstiger dänischer Kuss
Der Stummfilmstar Asta Nielsen war bei Bildungsbürgern beliebt. Ihr „wollüstiger dänischer Kuss“ sollte der Jugend aber vorenthalten bleiben.
Armeereportage CH 1917: Der erste Weltkrieg machte die Bedeutung des Films als Propagandamittel bewusst. Dieses Potential sollte, nach dem Krieg, zu Bildungszwecken genutzt werden.

Quellenangaben

  • (1) Vgl. Gertiser, A. (2011): Schul- und Lehrfilme. In: Schaufenster Schweiz. Dokumentarische Gebrauchsfilme 1896 – 1964, Limmat Verlag, Zürich, S.389
  • (2) Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Schundliteratur Zugriff: 10.5.2012
  • (3) Vgl. Gertiser, A. (2011): Schul- und Lehrfilme. In: Schaufenster Schweiz. Dokumentarische Gebrauchsfilme 1896 – 1964, Limmat Verlag, Zürich, S.390
  • (4) Vgl. Walberg, H. (2011): Film-Bildung im Zeichen des Fremden. [transcript], Bielefeld, S.26
  • (5) Vgl. Pauligk, Ch., Bach, S.: Technik-(t)raum Unterrichtsfilm. In: L.A. Multimedia 3-2009, Braunschweig
  • (6) Vgl. Baumann, Heidrun (1994): Kinematographie in der Schule. Von den Anfängen des Unterrichtsfilms. In: FWU-Magazin Nr. 6/1994, S. 8 ff., Grünwald
  • (7) Vgl. Dannmeyer, C. H. (1907): Bericht der Kommission für Lebende Photographien: erstattet am 17. April 1907. Kampen
  • (8) Vgl. Hüther, Jürgen (2002): Die Kinoreformer 1907 – 1920. Wegbereiter der Medienpädagogik. In: medien + erziehung, Jahrgang 46, Heft 4, S. 248-251.
  • (9) Vgl. Walberg, H. (2011): Film-Bildung im Zeichen des Fremden. [transcript], Bielefeld, S.18
  • (10) Vgl. Gertiser, A. (2011): Schul- und Lehrfilme. In: Schaufenster Schweiz. Dokumentarische Gebrauchsfilme 1896 – 1964, Limmat Verlag, Zürich, S.390
  • (11) Vgl. Gertiser, A. (2011): Schul- und Lehrfilme. In: Schaufenster Schweiz. Dokumentarische Gebrauchsfilme 1896 – 1964, Limmat Verlag, Zürich, S.391
  • (12) Vgl. Beyel, Ch. (1924): Der Kinematograph und seine Gefahren. In: Schweizerische Zeitschrift für Gemeinnützigkeit, 51 Jg., Nr. 6, S. 180-184
  • (13) Vgl. Gertiser, A. (2011): Schul- und Lehrfilme. In: Schaufenster Schweiz. Dokumentarische Gebrauchsfilme 1896 – 1964, Limmat Verlag, Zürich, S.392
  • (14) Vgl. Walberg, H. (2011): Film-Bildung im Zeichen des Fremden. [transcript], Bielefeld, S.30
  • (15) Vgl. Spitzer, M. (2006): Vorsicht Bildschirm, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, S. 245
  • (16) Vgl. Gertiser, A. (2011): Schul- und Lehrfilme. In: Schaufenster Schweiz. Dokumentarische Gebrauchsfilme 1896 – 1964, Limmat Verlag, Zürich, S.393
  • (17) Vgl. Gertiser, A. (2011): Schul- und Lehrfilme. In: Schaufenster Schweiz. Dokumentarische Gebrauchsfilme 1896 – 1964, Limmat Verlag, Zürich, S.393- 294
  • (18) Vgl. Walberg, H. (2011): Film-Bildung im Zeichen des Fremden. [transcript], Bielefeld, S.30
  • (19) Vgl. Diederichs, H. (1996): Frühgeschichte deutscher Filmtheorie. Ihre Entstehung und Entwicklung bis zum Ersten Weltkrieg, Habilitationsschrift im Fach Soziologie am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der J. W. Goethe-Universität Frankfurt am Main, S.25
  • (20) Vgl. Gertiser, A. (2011): Schul- und Lehrfilme. In: Schaufenster Schweiz. Dokumentarische Gebrauchsfilme 1896 – 1964, Limmat Verlag, Zürich, S.390
  • (21) Vgl. Walberg, H. (2011): Film-Bildung im Zeichen des Fremden. [transcript], Bielefeld, S. 26
  • (22) Vgl. Walberg, H. (2011): Film-Bildung im Zeichen des Fremden. [transcript], Bielefeld, S.27
  • (23) Vgl. Walberg, H. (2011): Film-Bildung im Zeichen des Fremden. [transcript], Bielefeld, S.22-23

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