Geschichte des Schulfilms

Krieg und NS-Propaganda

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Lehrfilme in NS-Deutschland: „Reichsanstalt für Film und Bild“ (RWU)

Während der Zeit des zweiten Weltkriegs, kam die Schulfilmproduktion in der Schweiz praktisch zum Erliegen, weil das benötigte Personal Militärdienst leisten musste. Aus
Deutschland konnte man keine neuen Filme einkaufen, denn das was in der NS-Zeit produziert wurde, stand unter dem Verdacht einer faschistischen und völkischen Weltanschauung. Viele deutsche Lehrfilme dienten damals der Wehrerziehung. Ein besonders unappetitliches Genre waren die rassenhygienischen Filme. Als Spielfilm konzipiert wurde die Fallgeschichte „Ich klage an“ (1941) von Wolfgang Liebeneiner, der sich dem Thema Euthanasie widmet. In dem Film tötet ein Mediziner seine Frau, die an multipler Sklerose leidet. Anfangs von Gewissensbissen gequält, stellt der Arzt den Mord als humane Sterbehilfe dar und begründet sein Handeln mit ökonomischen Nützlichkeitserwägungen. Ziel des Filmes war es eine öffentliche Akzeptanz für die Euthanasiegesetzte zu schaffen. (1) Aber auch Dokumentarfilme wie „Dasein ohne Leben“ (1942) bereiteten die Menschen auf die systematischen Euthanasiemorde im NS-Deutschland vor. Eine speziell geschnittene Fassung des Films, richtete sich an medizinisches Fachpersonal und zeigte in Halbnahen und Grossaufnahmen Beispiele „unwerten Lebens“. Grotesk mutet die Geschichte des Ufa-Kulturfilmers Kurt Stefan an. In seinem antibritischen Euthanasiefilm „Die englische Krankheit“ erklärt er die Briten zu einem Volk von rachitischen und erbkranken Zombies, die auf heimtückische Art Deutschland Schaden zufügen wollen. Das Thema setzt er filmtechnisch gekonnt um und erweckt vordergründig den Eindruck von Evidenz. Nach dem Krieg blieb Stefan weiterhin im Filmgeschäft. Seine Auftraggeber waren nicht mehr Nazis sondern die Schädlingsbekämpfungsindustrie. Mit den gleichen filmtechnischen Stilmitteln, mit denen er die Engländer diffamierte, rückte er nun Fliegen, Borkenkäfern und Parasiten zu leibe. (2) Lehrfilme vertrieb man in der NS-Zeit über die, 1934 gegründete „Reichsstelle für den Unterrichtsfilm“. Ab 1940 wurde die Institution in „Reichsanstalt für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht“ umbenannt. Bis 1944 wurden hier 876 Filme hergestellt und 830.000 Kopien ausgeliefert. Nach dem Krieg, musst das Filmmaterial von den nationalsozialistischen und militaristischen Inhalten befreit werden. Es erstaunt, dass nur 13 Prozent der Filme als tendenziös eingestuft wurden und in weiteren 20 Prozent NS-Symbole und problematische Texte entfernt werden mussten. Was übrig blieb konnte seinen Weg in die Klassenzimmer der Nachkriegszeit finden. (3)

Filmplakat „Ich klage an“ D 1941 mit schönem jungem Frauengesicht.
Filmplakat „Ich klage an“ D 1941: Hinter dem Codewort T-4 verbirgt sich der systematische Massmord, an Menschen die als „lebensunwert“ diffamiert wurden. Spielfilme, Kulturfilme und Lehrfilme hatten die Aufgabe für Rückhalt in der Bevölkerung zu sorgen. Allein im Entstehungsjahr der beiden Filme wurden laut Hartheimer Statistik 35.049 Menschen ermordet.
Filmplakat: Die englische Krankheit
Die englische Krankheit D 1941: Der dreizehnminütige antibritische Film spricht einer ganzen Nation das Existenzrecht ab.
Porträt: Bernhard Rust in Uniform mit Stift und Akten.
Bernhard Rust: Auf Initiative des „Reichsministers für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung“ wurde 1934 die „Reichsstelle für den Unterrichtsfilm (RfdU) gegründet.
Beleuchter, Kameramann auf einem altertümlichen Dolly mit Kamera und Stativ. Ein Helfer im weissen Kittel schiebt die Konstruktion.
Aufnahmesaal der RWU: Die hier hergestellten Filme unterlagen keinerlei staatlicher Zensur. So wurden dort vergleichsweise wenige Propagandafilme, aber viele Unterrichtsfilme
zu Sachthemen produziert.

Quellenangaben

  • (1) Vgl. Reichert, R. (2007): Im Kino der Humanwissenschaften. [transcript], Bielefeld, S.194
  • (2) Vgl. Reichert, R. (2007): Im Kino der Humanwissenschaften. [transcript], Bielefeld, S.197-205
  • (3) Vgl. Pauligk, Ch., Bach, S.: Technik-(t)raum Unterrichtsfilm. In: L.A. Multimedia 3-2009, Braunschweig

Nächstes Kapitel: Das Erbe der Kinoreformer und Schulfilmer

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