Royal-Enfield-Herbst-Tour

Etappe 1: Ein Unfall, Zwei Frauen und ein überforderter Mann

Die Motorradtour beginnt mit einem Unfall – so ein Mist.

Bevor es richtig los geht, muss ich noch zu einem Meeting. Dies bedeutet ca. 1 Stunde Fahrzeit. Von dort soll es dann ab in die Ferien gehen. Zum Meeting will ich also mit einer reisefertig gepackten Maschine. Ich bin schon spät dran und meine Gedanken sind nicht da, wo sie sein sollten, nämlich bei dem, was ich gerade mache. Ich bin im Geiste schon bei dem Treffen, bei dem ich gleich auch physisch anwesend sein soll. Gekleidet bin ich unangemessen. In Unterhose, T-Shirt und Hausschuhen belade ich mein Motorrad. Der Seesack ist festgeschnallt. Auf dem Weg zurück ins Haus stolpere ich über meine Schlappen. Ich schlage der Länge nach hin – Aua. Gutes Schuhwerk und Aufmerksamkeit sind als Unfallschutz nicht zu unterschätzen. Ich hoffe inständig, dass ich beim Fahren wachsamer sein werde. Denn ein Sturz mit dem Motorrad ist fataler, als ein Sturz über die eignen Pantoffeln.

Immer gutes Schuhwerk:
Auch wenn man in Unterhosen das Motorrad bepackt

Nach dem Meeting arbeite ich noch etwas in einem Café. Dann fahre ich zu der Wohnung, in der meine Frau und mein Sohn leben. Morgen soll es von dort aus weiter gehen. Erst nach Österreich und dann nach Italien. Mein Sohn verkündet mir, dass er nicht mitkommt und ich bin enttäuscht. Ich wollten mit ihm in Österreich Fliegenfischen. Mein Sohn findet aber Motorradtouren doof, vor allem wenn er nur auf dem Sozius sitzt.

Ohne Sohn:
Alleine Fischen ist nur halb so schön

So werde ich die nächste Woche allein mit meiner Frau verbringen. Mit Angeln hat die nicht viel am Hut, aber mit Motorrädern. Sie fährt ebenfalls eine Royal Enfield.  Dann gibt es da noch einige kulturelle und berufliche Themen, die uns verbinden und ganz viele Dinge, in denen wir grundverschieden sind. Das sieht man sehr deutlich am Gepäck. Ich bin voll beladen und sie hat nur wenig dabei. Ich will nicht nur angeln, sondern auch fotografieren und bloggen. Entsprechend führe ich Equipment zum Fischen und einen Haufen Elektronik mit mir herum. Mein Frau ist da eher analog unterwegs. Zur Freizeitgestaltung hat sie einzig ein Buch dabei.

Mentalitätsunterschiede:
Ich hab viel – sie nur wenig dabei

Mehr braucht sie auch nicht, denn am Abend unterhält sie sich gern und das immer dann, wenn ich müde und wortkarg bin. Dafür habe ich in meinem Helm eine Sprechanlage, mit der man mit mir im munteren Zustand kommunizieren könnte.  Sie aber verweigert sich dieser Technik.

Gegensprechanlage:
Mit meiner Frau einzig für Selbstgespräche gut

So höre ich unterwegs nur die Stimme der Apple-Karten-App. Eine hypnotisch-freundliche Frauenstimme, die nie scharfzüngig ist und nie ihre Finger in die wunden Punkte meines Lebens legt. Also eine Reisebegleiterin, die so ganz anders als meine Frau kommuniziert. Zugegeben, auf Dauer langweilig, aber während der Fahrt erholsam. Am liebsten höre ich ihr zu, wenn ich hinter meiner Frau herfahre. Die Stimme sagt dann Links herum und meine Frau fährt rechts herum. Natürlich folge ich immer meiner Frau, aber die weibliche Stimme aus der Karten App ist trotzdem stets geduldig mit mir – wie wohltuend.

Apple Karten App:
Stets geduldige Frauenstimme

Stressig wird es nur, wenn meine Frau hinter mir fährt. Sie fährt sportlich und ich, der Langsamfahrer, fühle mich dadurch getrieben. Zudem muss ich nun der Karten-App-Frau folgen und meine Frau biegt trotzdem in die andere Richtung ab. So bin ich ständig gezwungen zu wenden. Ausserdem ist es schon schwer einer Frau zu folgen. Es zwei Frauen gleichzeitig recht zu machen, überfordert mich total. Derart mit meinen Grenzen konfrontiert, beginnt die Reise eines Pantoffelhelden mit aufgeschlagen Knien, Stressmomenten und auch mit erholsamen Streckenabschnitten.

Besser meiner Frau hinterher fahren:
Es zwei Frauen recht zu machen ist einfach nur anstrengend

Fortsetzung: Etappe 2 – Die Geisterstadt, keine mumifizierte Mutter im Schaukelstuhl und ein guzzifahrender Schosshund

Comments

  1. Hallo Thomas,

    fein was von Dir zu lesen.
    Hatte schon gedacht Du wärst der Menschheit irgendwie abhanden gekommen oder im Silentmodus. 😉

    Wie dem auch sei, bin froh das meine Gedanken mich in die Irre geführt haben u. es Dir/Euch gut geht u. Du weiterhin deine RE genießt u. von schönen Touren zu berichten weist.

    Wünsche Euch noch weitere entspannte / interessante Herbsttouren mit netten Begegnungen u. warte schon auf die Fortsetzung der Story.
    Wie immer sehr schön geschrieben u. jede Zeile ist es wert gelesen zu werden.

    So, jetzt mach ich den Schwarzwald wieder unsicher mit dem schwarzen Biest…. Geronimo.

    Bleibt neugierig
    DlzG, Edi

    • Hallo Edi

      Schön von dir zu lesen. Ich hatte viel zu tun und habe mich an einem kleinen Royal-Enfield-Filmchen versucht. Mal schauen ob was draus wird. Das alles war sehr zeitintensiv.

      Ich werde es wohl nicht mehr dieses Jahr schaffen. Aber ich hoffe, dass wir im nächsten Jahr auf einer Tour gemeinsam den Schwarzwald unsicher machen werden.

      Gute Fahrt und pass auf dich auf!

      Herzlich
      Thomas

  2. Oh, mein Gott! Ich musste so sehr lachen. Jetzt kann ich ein wenig, wirklich nur ein wenig, meinen Mann verstehen, der auf der einen oder anderen Tour, mir geduldig hinterher fährt… IM AUTO 😂😂

  3. Ich musste beim Lesen und den Bemerkungen zu Technikinaffinität spontan an „Zen and the Art of Motorcycle Maintenance“ von Robert M. Pirsig denken — falls noch nicht bekannt, unbedingt empfehlenswert!

  4. Wenn die Reise schon so beginnt… dann kanns ja nur schön werden!
    Ein ganz klein wenig hecklastig sieht deine Beladung ja aus. Noch nie hab ich so eine Riesenrolle hintendrauf gesehen (wir beschäftigen uns ja auch eher mit der 35Liter-Frage).

    Übrigens… mit den Frauen im Navi hab ich auch so meine Probleme. Bleiben immer cool, auch wenn man standhaft nicht tut was sie einem sagen. Selbst wenn ich sie übel beschimpft habe, weil ich es einfach besser wusste (sic): Keinerlei Emotionen. „Wenn möglich, bitte wenden.“ Keinerlei Anstalten, mit mir zu diskutieren. Bei einer Frau! Das macht mich kirre.

    Habe die Stimme auf „Tom“ umgeschaltet 🙂

    Euch ne schöne Reise… freu mich schon auf die neuen Texte und Bilder!

    • Wird es – na ja bis auf den operativen Eingriff. Aber davon später.

      Kommst du mit Tom klar? Ich hatte es mal versucht, bin dann aber wieder auf die weibliche Stimme zurückgewechselt. So befremdlich diese Navigationsfrauen auch sind. Ein weibliches Wesen das auch auf Dauer nicht von mir angenervt ist hat etwas faszinierendes.

      Herzliche Grüsse
      Thomas

      • Danke, mit Tom komm ich prima klar. Auch wenn er nüchtern betrachtet ja das gleiche sagt und genauso stoisch reagiert.
        Ich hatte auch mal eine sächsische Stimme. Das hörte sich zwar lustig an, aber aufgrund von Verständnisproblemen bin ich damit des öfteren falsch abgebogen. Tom auf schwizerdütsch würde mir tatsächlich besser liegen. Ob es das von Tomtom gibt?!

    • Hallo Thomas,

      dein Blog ist klasse. Vielfältig, interessant & in vielem
      ‚anders‘ als die meisten. Die Enfield hat mich von der ersten Sekunde an als ich sie erblickt habe verzaubert. Aktuell sind meine Frau und ich auf Weltreise mit einem anderen Motorrad, aber wenn wir wieder in Europa sesshaft sind möchte ich eine Enfield für Touren & tgl. Strecken haben 🙂.
      Sehr interessant, dass deine Frau und Sohn in einer anderen Wohnung leben, und ihr gemeinsam Touren fahrt. Ein ganz anderes Konzept des nicht-zusammen-zusammenlebens. Das fasziniert mich wirklich, im positiven Sinn, schön wenn es für euch drei so funktioniert!
      Nett zu lesen, dass du auch über Schwächen schreibst:
      Ich navigiere auch mit Garmin GPS, parallel Google Maps, und natürlich ist in fremden Ländern eine Karte dabei! Aber nur mit der Karte wären meine Frau und ich verloren, da bin ich kein Held zugegeben.
      Über deine längeren Reisen der früheren Jahre zu lesen ist faszinierend, speziell Syrien, wie es damals war. Wir wollen in ein paar Jahren dort hin reisen, mit einem Syrischen Freund.
      Wir schleppen auch Laptop, Kamera, Festplatten…mit uns herum um die Reise zu dokumentieren und zu veröffentlichen, das braucht Platz und nervt manchmal, aber ohne geht es nicht.
      Jetzt, mit 35, genießen wir erst mal das Abenteuer der weiten Welt.

      Herzliche Grüße aus Batumi, Georgien,
      Mae & Kay Nusser

      whentravelbites.de

      • Liebe May und lieber Kay

        Vielen Dank für die schöne Rückmeldung.

        Meine Frau und ich arbeiten an unterschiedlichen Orten und sind auch ganz froh unsere Freiräume zu haben.

        Ich beneide euch beide. Bin gerade dabei euren Blog zu entdecken. Ich wünsche euch eine gute Reise und bin neugierig von euren Abenteuern zu lesen. Georgien muss ein fazinierendes Land sein.

        Euren Blog habe ich abonniert. https://whentravelbites.de

        Schöne Fotos habt ihr dort.

        Auf einer so grossen Reise würde ich auch nicht auf ein gutes Navigationssystem verzichten wollen.

        Euer Motorrad macht von der Beladung her einen soliden Eindruck.

        Ich würde mich freuen, wenn wir in Kontakt bleiben.

        Gebt auf euch acht!

        Herzliche Grüsse
        Thomas

  5. Hallo Namensvetter, eine herrliche Geschichte mitten aus dem Leben! Du hast einen gesunden Humor und einen tollen Schreibstil! Bitte weiter so!
    Gruß Jürgen Koch aus Thüringen in D

  6. hahahahahahaha,

    einfach härrrlisch deine Frauen. Ist ja ein gigantischer Seesack.Ist der aus schweizer Marinebeständen? Was passiert denn wenn die brachiale Leistung der majesty urplötzlich einsetzt? Kann es sein daß du die meiste Zeit auf dem Hinterrad fährst? Ultramarin bzw. Königsblau wäre dies nicht die perfekte Farbe für ihre Majestät? Freue mich schon auf den nächsten Teil.
    LIEBEn Gruß
    rudi rüpel

    • Lieber Rudi Rüpel

      Von einer Marine würde ich in einem Binnenland wie der Schweiz nicht gerade sprechen. Das ganze nennt sich hier Motorbootkompanie. Allerdings hat es auf den Schweizer Gewässern schon gewaltige Seeschlachten gegeben, aber das ist eine andere Geschichte. Als Kriegsdienstverweigerer kaufe ich meine Militärseesäcke im Züricher Bambushaus. Das ist ein von Hippiefrauen geführten Laden, der sich auf Militärkleidung spezialisiert hat. Die Chefin ist eine intime Kennerin der Materie und sagte mir, dass der Seesack einmal in einer Sondereinheit der Bundeswehr gedient hat. Ob es die Motor-Hinterrad-Sturmeinheit war weiss ich nicht. Es erstaunt mich selber, dass ich mit dem Teil, mit beiden Rädern fest auf dem Boden bleide.

      Blau ist eine schöne Farbe. Ich hatte einmal eine blaue BMW R80. Die Enfield hier habe ich in Grün gewählt, weil das so schön zu meinem Angleroutfit passt und weil ich Farben mag, die sich in die Natur einfügen. Mehr zu Thema grüne Enfield habe ich hier geschrieben:

      https://derhalbhartemann.com/startseite/abenteuer-enfield/battle-und-green/

      Herzliche Grüsse
      DER HALBHARTE MANN

  7. Hab ichs doch geahnt. Bei dir hat sogar en oller Seesack eine ganz eigene erzählenswerte Geschichte. Und dann darf ich lesen daß du genau wie ich ein Vaterlandsverräter bist. Mir hat mal jemand erzählt daß in der Schweiz jeder ran muß, ob er will oder nicht. Und ich schätze deine Verweigerungsstrategie würde noch so manche Geschichte hergeben.

    mit halbwegs halbgaren militärischen Gruß
    rudi rüpel

    Ach ja, und das mit den Hippiefrauen hört sich auch sehr interessant an.

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