Royal-Enfield-Herbst-Tour

Etappe 2: Die Geisterstadt, keine mumifizierte Mutter im Schaukelstuhl und ein guzzifahrender Schosshund

Eine Geisterstadt ist das Ziel dieser Etappe. Ein verlassener Ort mitten in einer vom Wintersport zerstörten Berglandschaft. Aber das Ziel ist noch weit und die Landschaft, durch die ich gerade fahre, ist schön. Zuerst geht es über den Albis nach Rapperswil. Ich geniesse die frühherbstliche Stimmung. In den Blättern ist schon ein leichtes Gelb zu sehen. Gelegentlich leuchtet am Horizont das Rücklicht meiner Frau, ansonsten bin ich auf der Strasse alleine unterwegs. Auch das geniesse ich.

Am Horizont: Das Rücklicht meiner Frau

Bei Kapplen muss ich an den Zwingli-Film denken, der dieses Jahr in die Kinos kam. Hier oben sind einst katholische und reformierte Verbände auf einander losgegangen. Mich gruselt bei dem Gedanken an all das Leid und die Brutalität. Wobei es im ersten der beiden Kapplerkriege nochmal gut gegangen ist. Dort hatte sich das Fussvolk auf Grund einer gemeinsam genossenen Suppe verbrüdert. Dank dieser Speise sind die Heere dann kampflos auseinander gegangen. Im zweiten Kapplerkrieg hatte man auf eine versöhnliche Mahlzeit verzichtet und die Sache ist nicht so gut gelaufen. Die Schlacht war furchtbar und Huldrych Zwingli fand ein unschönes Ende. Die trivial-historische Lehre, die ich daraus ziehe: Essen verbindet und kulinarische Freuden können Glaubenskriege verhindern. Ich werde diese Erkenntnis auf der Reise beherzigen und mit gutem Essen für den Frieden in meiner Ehe sorgen. Aber ob mir das so einfach gelingen wird?

Essen verhindert Glaubenskriege: Auch in der Ehe
Heiligenskulptur in St. Anton

Meine Gedanken schweifen vom Historienfilm hinüber zur Schlacht, dann zu meiner Ehe und weiter zum Abendessen. Warum nur hat meine Frau dieses Wintersportkaff als Etappenziel erwählt? Ob man zu der Jahreszeit dort überhaupt etwas zu essen bekommt? Und wer zum Kuckuck vermietet dort außerhalb der Wintersaison Zimmer? Sicher so ein Typ, der Psycho gesehen hat. Einer, dem seine Mutter mumifiziert im Schaukelstuhl sitzt und der uns ohne Abendessen unter der Dusche meuchelt. So sehr ich Alfred Hitchcock auch verehre, manchmal hasse ich ihn für die fürchterlichen Vorstellungen und Bilder, die er mit seinen Filmen erzeugt.

Vorstellungen und Bilder im Kopf: Alfred Hitchcock

Hinter dem Hirzel taucht jetzt der Zürichsee auf. Das Sonnenlicht tanzt auf dem Wasser und vertreibt die trüben Gedanken. Ich bin wieder ganz im hier und jetzt. Das Schloss Rapperswil strahlt im Septemberlicht und alles verheisst Ferien. Diese Stimmung trägt mich durch die Ostschweiz und das Fürstentum Lichtenstein. Dann sind wir in Österreich. Irgendwie wirkt die Alpenlandschaft hier wilder und schroffer. Weil ich ein navigationstaugliches iPad im Tankrucksack habe, soll ich vorfahren. Das heißt, meine sportlich fahrende Frau treibt mich von hinten an und die Frau von der Apple-Karten-App sagt mir, wo es lang geht. Das ist zu viel Frauenpower für meine Männerseele. Ich bin genervt. Wenn ich nicht bald was zu essen bekomme, drohen Glaubenskriege. Streit um das richtige Tempo, analoge Karten versus digitale Navigation, mein ungelenkes Kurvenfahren und all die anderen Themen, die dann so spontan hochkommen und das eheliche Zusammenleben in ein Schlachtfeld verwandeln können. Nein, dass will ich nicht. Essen soll heute den Ehefrieden wahren. In meinem Gedanken lasse ich frische Salatblätter knacken und saftige Fleischstückchen brutzeln. Das beruhigt meine Nerven.

Österreich: Die Alpen wirken wilder und schroffer

Es dämmert und wir fahren durch Berglandschaften, in denen die Gerätschaften des Wintersports wie unheimliche Monster wirken. Die Schneekanonen, Skilifte und all das andere Zeug haben im Zwielicht etwas Surreales. Während ich über die zerstörerische Kraft des Tourismus nachdenke, erreichen wir die Geisterstadt St. Anton. Im Winter ist hier die Hölle los. Jetzt aber wirkt der Ort verweist. Wir fahren an geschlossenen Hotels und leeren Pensionen vorbei. Im Dämmerlicht hat diese Szenerie etwas Unheimliches. Es wäre die perfekte Location für einen Zombiefilm. Gott sein Dank gibt es hier keine Zombies und nach einigem hin und her finden wir unsere Unterkunft. Der junge Mann, der uns empfängt, ist freundlich. Ebenso seine Mutter, die sich bester Gesundheit erfreut. Nicht Psycho, sondern gepflegte österreichische Gastlichkeit erwarten uns.

Monster im Zwielicht: Vom Wintersport zerstörte Berglandschaften

Zum Abendessen müssen wir aber in den Ortskern runter – zu Fuß, denn ich möchte zu dieser Gelegenheit ein Bier trinken. „Das schaffst du schon“, ermuntert mich meine Frau. Sie ist zehn Jahre jünger als ich und entsprechend agiler. Es gibt ja Männer, die legen sich in meinem Alter eine junge Geliebte zu. Mir wäre das zu anstrengend. So wanke ich, vom Motorradfahren müde, durch die leeren Strassen der Geisterstadt. Was fehlt sind klappernde Fensterläden im Wind. Allerdings bin ich hier nicht im wilden Westen. Das ist das ordentliche Österreich und da sind alle Fensterläden fest verschlossen.

Geisterstadt St. Anton: Kulisse für einen Zombie-Film

Meine Frau fragt, wie das Lokal heisst, dass man uns empfohlen hat und ich erwidere: „Maximilian“. Sie schaut mich mit einem zugekniffenen Auge an. „Du kannst dir doch sonst nie einen Namen merken.“ Dann unterstellt sie mir, dass ich nur etwas behalte, wenns ums Essen geht. Beleidigt weise ich darauf hin, dass das der Name des berühmten Kaisers aus dem Hause Habsburg ist. „Maximilian, genannt der letzte Ritter“, doziere ich. Nun ist meine Frau von meinem Wissen beeindruckt und ein überlegenes Lächeln huscht über meine Lippen. Ich verrate ihr nicht, dass ich meine Kenntnisse über diesen Mann aus einem schnulzigen Historienfilm habe. In den seltenen Momenten, in denen mich meine Frau bewundert, muss ich das auch geniessen. Also streue ich noch ein paar geschichtliche Details und versuche dabei einen belesenen Eindruck zu machen. Schon krass, wie schlechte Historienfilme unser Bild von der Geschichte prägen. Der Zwingli-Film war auch nicht viel besser als die Maximilian-Schmonzette.

Geisterstadt St. Anton: Leere Arpartments

Im Lokal genießen wir das gemeinsame Essen. Gut zubereitete Eiweise, Kohlenhydrate und andere Nährstoffe lassen uns einträchtig und friedlich beisammensitzen. Da wir an unterschiedlichen Orten wohnen und verschiedene Lebensweisen pflegen, gibt es viel zu erzählen. Während meine Frau einen tadelnden Blick auf meinen Bauchansatz wirft, gönne ich mir noch einen Nachtisch. Danach geht es satt und müde zurück ins Hotel. Ich murre, weil mir der Fuss weh tut. Mit verständnisvollem Nicken hört sich meine Frau die Schilderung des Symptoms an. Dann diagnostiziert sie Wehleidigkeit und verkündet das Laufen genau die richtige Medizin dagegen ist. Ich habe Mühe mit ihr Schritt zu halten und fühle mich neben ihr alt. Im Bett liege ich noch eine Weile wach, lausche ihrem leichten Schnarchen und den Rufen der Käuzchen. Mein Zeh schmerzt verdächtig und ich mache das, was richtige Männer in Sachen Gesundheit immer machen: Ich ignoriere das Problem. Auch beim Aufstehen wage ich es nicht auf den Zeh zu schauen. Das Anziehen des Motorradstiefels wird zur Qual.

Geisterstadt St. Anton: Geschlossene Pensionen, geschlossene Fensterläden

Draußen steht neben meiner Enfield eine wunderschöne Moto Guzzi. Sie strahlt weiss und sauber. Ihr Fahrer wirkt wie ein gealterter Rocker, der mit seinem Schoßhündchen Gassi geht. Dieser optische Widerspruch fasziniert mich. Aber der Mann ist kein Rocker, sondern ein freundlicher Herr aus Frankreich.

Eine schöne Guzzi, ein süsser Hund
und eine geniale Diebstahlsicherung:
Mit einem einzigen resoluten Wuff macht mir der kleine Kerl klar,
dass ich mich verpissen soll.

Er unternimmt mit seiner Partnerin, dem Hund und einem befreundeten Paar eine Motorradtour. Der Hund reist im Tankrucksack. Wir winken zum Abschied und machen uns auf zur nächsten Etappe: dem Großglockner. Der Fuss tut immer mehr weh und ich ahne schon: Mit Fussschmerzen ist es wie mit merkwürdigen Motorgeräuschen. Wenn man der Sache nicht auf den Grund geht, hat man früher oder später ein Problem. Ignorieren ist auf Dauer nie eine erfolgreiche Strategie.

On Tour: Freundlicher Herr aus Frankreich mit Frau, Hund und einem befreundeten Ehepaar

Fortsetzung folgt: Etappe 3 – Die Amputation des Grosszehs, orientierungslos ins Zillertal und ein schlüpfriges Lied zum Abendessen

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Comments

  1. Ich hätte ja noch gerne mehr gelesen, schade aber auch gut, die Spannung bleibt erhalten.
    Hoffe der „dicke Onkel“ musste nicht wirklich geopfert werden um die Berggeister zu besänftigen, Thomas.

    DLzG,
    Edi

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