Krach nervt, vor allem der der Anderen

Früher war es sicherer: Lärmende Verbrennungsmotoren können Leben retten

Ein Kommentar zu Gypsy Chimps Blogbeitrag
Krach rettet Leben“

Ja, ich muss Gypsy Chimp recht geben: Krach kann Leben retten und kein Krach kann Leben gefährden. Krach warnt uns vor herannahenden Fahrzeugen, wenn die denn laut genug sind. Gypsy Chimp schreibt uns das, weil er um ein Haar von einem dieser leisen Elektroautos überrollt worden wäre. Das ist mir mit einem Elektromotorrad auch Mal so ergangen. Ich kann also gut verstehen, wenn Gypsy Chimp laut knatternde Verbrennungsmotoren als Sicherheitsrelevant einstuft. Allerdings ist er ein leidenschaftlicher Motorradfahrer und stolzer Besitzer einer lärmenden Royal Enfield. Beide Eigenschaften zeigen, dass er eine gewisse Affinität zu lauten Verbrennungsmotoren hat und die habe ich auch. Von daher weiss ich, dass dieser Umstand den Blick auf leise Elektromotoren ein wenig trüben kann. Liest man Gypsy Chimp Beitrag, entsteht der Eindruck, dass die Strassen früher viel sicherer waren. Früher, in der guten alten Zeit, als noch lärmende Verbrennungsmotoren konkurrenzlos den Asphalt beherrschten. Das stimmt aber nicht ganz. Leise Verkehrsteilnehmer gibt es nicht ernst seit dem Boom mit den E-Fahrzeugen. Fahrräder ohne E machen die Straßen schon seit 1818 unsicher. Wird ordentlich in das Pedal getreten, sind diese Zweiräder nicht ganz ungefährlich.

Fahrrad: Leise Gefahr seit 1818

Vor allem in den Niederlanden habe ich so manchen Fahrradweg nur ganz knapp überlebt. Allerdings würde kein Mensch Velos deshalb als Sicherheitsrisiko einstufen. Muss man auch nicht. Irre ich als Fussgänger auf einem holländischen Fahrradweg umher, wird wild geklingelt. Ich springe dann wie ein aufgeschrecktes Huhn beiseite und höre aus der Ferne einen niederländischen Fluch. Sicher, das Ganze ist nicht ungefährlich und knapp wurde es immer dann, wenn ich es mit einem richtigen Velopsychopaten zu tun bekam. Psychopaten stellen aber – Gott sei Dank – die Ausnahme dar. In der Regel sind die Überlebenschancen auf holländischen Radwegen durchaus reell. Anders in der Schweiz. Dort gibt es erstaunlich viele Edelfahrräder, die im Preissegment eines chicen Kleinwagens liegen. Trotzdem sparen deren Besitzer am Zubehör und verzichten auf eine Klingel. Wird man von holländischen Radfahrern mit lautem Geklingel und wilden Flüchen bedacht, fahren einen die helvetischen Designräder kommentarlos über den Haufen. Klar, auch Schweizer können fluchen. Solange aber ihre Fahrräder keinen Schaden nehmen, sind sie im Gegensatz zu den Niederländern vergleichsweise zurückhaltender.

Reelle Überlebenschancen auf holländischen Radwegen

Das niederländische Beispiel zeigt uns eine mögliche Lösung des Lärm-Sicherheits-Problems bei Elektrofahrzeugen. Statt die Umwelt permanent mit lautem Motorengedröhne zu nerven, können die Fahrer von leisen E-Mobilen gezielt klingeln und fluchen. Die Lärmemissionen halten sich so in überschaubaren Grenzen. Zu dem weiß man in den Niederlanden um die Gefährlichkeit der leisen Fahrräder. Holländer, die das ignorieren, werden trotz reeller Überlebenschancen irgendwann dann doch noch in einem darwinistischen Selektionsprozess aussortiert.

Überschaubare Lärmemissionen: Klingeln und Fluchen

Auch wir werden uns an leise E-Fahrzeuge gewöhnen müssen oder wir kommen unter die Räder. Die lauten Bikes, mit denen wir unsere Mitmenschen stören, haben nämlich keine Zukunft. Da hilft es auch nicht, wenn wir den Motorradlärm zum Sound hochstilisieren, so wie es Susy in einem Kommentar zu Gypsy Chimps Text macht. Denn den Lärm eines Motorrades empfinde ich nur dann als Sound, wenn ich selbst auf der Maschine sitze.

Nicht mein Zylinder: Ergo nicht Sound sondern Krach

So liebe ich den satten Klang meiner Royal Enfield. Wie Gypsy Chimp schreibt, stellt dieses Geräusch die Direktverbindung zwischen dem Zylinder, meinem Hirn und meinem Herzen her. Bei den Motorrädern der anderen kommt diese Verbindung nicht zustande. Im Gegenteil, deren Motorenlärm nervt mich gehörig. Vor allem als ich vor kurzem in der Nähe der Großglocknerstrasse zum Angeln war. Der Lärm der Autos hat es nicht ins nahe Naturschutzgebiet geschafft. Wohl aber das Röhren bestimmter Motorräder. (1)

Motorradfahrer an der Grossglocknerstrasse: Das Röhren der Motoren schafft es bis ins Naturschutzgebiet

Vor allem im Pulk sind laute Töffs echte Plagegeister. Gypsy Chimp schreibt zu Recht, dass Menschen, die diesem Lärm ständig ertragen müssen, nicht zu beneiden sind. Wenn sich Anwohner von stark frequentierten Strassen für Motorradfahrverbote stark machen, kann ich das gut nachvollziehen. Als Motorradfahrer sind wir nun einmal Egoisten, die unsere Mitmenschen rücksichtslos mit Schadstoff- und Lärmemissionen belästigen.

Motorräder: Im Pulk echte Plagegeister

In der amerikanischen Zeichentrickserie South Park werden wir Motorradliebhaber deswegen „Schwuchteln“ genannt. Mein Sohn zeigte mir die amüsante Folge „The F Word“. Dort werden die Bewohner von South Park von lärmenden Harley Fahrern genervt. Die glauben mit ihrem lauten Motorengedröhne besonders cool und männlich zu wirken. Sie hoffen mittels des Lärms Anerkennung und Bewunderung zu bekommen. Die bleibt aber aus. Um das den Harley Fahrern deutlich zu machen, nennen die Bewohner von South Park die lärmenden Biker konsequent „Schwuchteln“. Mit Unterstützung der homosexuellen Community wird der schwulendiskriminierende Begriff in eine Bezeichnung für rücksichtslos laute Motorradfahrer umgemünzt. Der Höhepunkt ist die offizielle Änderung der Wortbedeutungen im Dictionary.  

South Park Episode 13: Umdeutung eines diskriminierenden Begriffs (Bildzitat)

Menschen, die an beliebten Motorradstrecken wohnen, werden diese South Park Folge besonders mögen. Mein Sohn meinte nach der Sendung, dass ich laut South Park Definition eine echte Enfield-Schwuchtel bin, nicht viel besser als die Typen, die am Großglockner genervt haben. Irgendwie hat er da nicht ganz unrecht. Allerdings sind auch die Leute, die regelmässig in den Urlaub fliegen, in Sachen Schadstoff- und Lärmemissionen ziemlich rücksichtslos. Wer an einem Flughafen lebt, weiß davon ein Lied zu singen. Entsprechend der South Park Definition müssten das dann „Holliday-Schwuchteln“ sein. Die Bezeichnung „Tuning-Schwuchtel“ bei Autofahrern bedarf keiner weiteren Erläuterungen. Menschen, die nicht saisonales Obst und Gemüse mögen, sorgen ebenfalls für Lärm und Abgase. Denn das, was sie essen, muss mit lauten Lastwagen und Flugzeugen erst herangeschafft werden. Das wären dann wohl sogenannte „Food-Schwuchteln“. Fleischliebhaber verursachen auch Transporte. Die würden in South Park entsprechend „Maet-Schwuchteln“ genannt. Nicht nur Verbrennungsmotoren, auch Katzen können unangenehm laut werden. Zu dem sind sie eine ernsthafte Bedrohung für schützenswerte Singvögel und andere Kleintiere. Menschen, die Hauskatzen für ihre persönlichen Freude halten, wären laut South Park verdammte „Cat-Schwuchteln“.

Hahntennjoch: Appell an laute Biker
Foto: Stefanie Krebs

Letztendlich verwirklichen sich in unserer individualistischen und konsumorientierten Welt die meisten Menschen auf Kosten anderer. Demnach wären wir alle „Schwuchteln“ – Frauen inbegriffen. Dank South Park verliert der Begriff hier endgültig das Diskriminierende. Ein Umstand, der für alle entlastend sein darf. Nur den lärmgeplagten Menschen, die an Motorradstrecken leben, helfen diese Betrachtungen nicht wirklich weiter. Mit den „Schwuchteln“ ist es wohl wie mit allem. Die Dosis macht das Gift.

Selbstverwirklichung auf Kosten der Anderen:
Leben in einer individualistischen und konsumorientierten Welt

Links

Hier der lesenswerte Text von Gypsy Chimp, auf den sich dieser Kommentar bezieht. (Zugriff: 04.08.2019)

Elektrofahrzeuge haben bei den Freunden von Verbrennungsmotoren oft schlechte Karten. Über einem E-Motor-Shitstorm berichtet Jürgen Theiner in seinem beachtenswerten Blog „Motorprosa -Geschichten aus der Kurve“ (Zugriff: 04.08.2019)

Wie Gypsy Chimp und ich ist auch Jürgen Theiner ein Freund lauter Verbrennungsmotoren. Um so spannender sind seine Erlebnisse mit einem E-Scooter. (Zugriff: 04.08.2019)

JB Töffhandel, mein Royal Enfield Händler glaubt an die Zukunft des E-Motorrades und hat interessante Fahrzeuge im Sortiment. (Zugriff: 04.08.2019)

Die South Park Episode „The F Word“ war umstritten, aber bezüglich der Einschaltquoten sehr erfolgreich. Nur mit der Biker-Serie „Sons of Anarchy“ konnte sie nicht mithalten. Vielleicht ist das laute Motorengedröhne dort einfach spannender gewesen. Mehr dazu in einem englischsprachigen Wikipedia-Artikel. (Zugriff: 04.08.2019)

Die South Park Episode in deutscher Synchronisation zum Anschauen. (Zugriff: 04.08.2019)

Der Begriff „Schwuchtel“ wurde nur in der South Park Episode umgedeutet. Dort wird anhand dieses Wortes gezeigt, dass sich die Sprache in einem stetigen Prozess der Wandlung befindet. In unserer Welt ist „Schwuchtel“ weiterhin ein diskriminierendes Schimpfwort und immer wieder Gegenstand juristischer Auseinandersetzungen. Insbesondere rechte Politiker scheinen hier ein besonderes Bedürfnis zu haben rechtlich Ärger zu bekommen. Mehr dazu auf Wikipedia.

Protestaktion am Hahntennjoch gegen Motorradlärm.

Anmerkung

(1) Nur wenn der Wind ungünstig steht, hört man die Motorräder. In der Regel kann man im nahen Käfertal ungestört die Natur geniessen. Die Fuscher Ache, die hier fliesst, ist ein wunderschöner Fluss zum Fischen.

Naturschutzgebiet an der Grossglocknerstrasse

Comments

  1. Hallo u. guten Morgen Thomas,

    ja das mit der „neuen Gefahr“ von Elektrovehikeln (gleich welcher Gattung) das habe ich auch schon so erlebt.
    Da heißt es die Ohren zu spitzen draussen u. mit allen Sinnen unterwegs zu sein.
    Holland ist für uns ein regelmäßiges Urlaubsziel, da wir dort regelmäßig uns den Holländern anpassen u. unsere Velos mal so richtig benutzen. Hier stehn die Velos meist unbeachtet herum.

    Der Lärm der anderen, egal ob LKw oder Töff oder, oder, kann gewaltig nerven, oh ja, stimmt.
    Ja den Sound meiner Enfield versuche auch hin hin u. wieder zu erleben. Aber seien wir mal ehrlich der Sound der frühen Enfields ist das nicht gerade….. hört sich eher nach ner heiseren kastrierten Katze oder Hund an. 😉 )))))

    Nun ja, ich finde wir leben in einer guten Zeit u. ich freue mich auch „etwas zumindest“ auf die Mobilitätsrevolution, so die denn mich als Individuum weiterhin selbst fahren lässt.

    Lg
    Edi

    • Vielen Dank für den Kommentar, lieber Edi.

      Ja, früher … Ich war jetzt mit jemanden unterwegs, der eine alte Triumpf gefahren ist. Soundmässig war das schon eine andere Grössenordnung als meine Enfield. Abgasmässig auch. Ich musste massiv Abstand halten um nicht eine Kohlenstoffmonoxydvergiftung zu erleiden.

      Herzlich
      Thomas

  2. Guter Schluss! So isses. 👍🏻 Und gute Links!

    Ich breche jetzt in den Urlaub auf und hoffe, dass South Parks Fangemeinde klein ist. 😄 Freue mich schon darauf, dann wieder bei Dir zu lesen.

    Horrido!

    • Ich wünsche dir einen schönen Urlaub.

      Fahr vorsichtig! Ich bin auf deine Berichte gespannt. Da meine Reaktion etwas spät kommt, wird das nicht mehr all zu lange dauern 🙂

      Herzlich
      Thomas

  3. Gut geschrieben! Ich fahre sehr gerne und oft Motorrad, störe aber ungern andere Leute. Und ich finde, dass das möglich ist. Diese „Loud Pipes save Lives“ Scheiss hat mich immer mächtig gestört. Es is die gleiche „Nach mir die Sinnflut“ Einstellung wie die Waffenliebhaber in den USA und die Tempolimit-Hasser in Deutschland. Wir sollen uns nicht auf Kosten anderer Menschen unseren Spass haben, oder? Rücksicht ist das oberste Gebot. Und wenn Motorradfahrer das nicht verinnerlichen, werden immer mehr Straßen für uns gesperrt.

    • Vielen Dank für den Beitrag.

      Rücksicht ist das oberste Gebot – da bin ich ganz deiner Meinung. Tempolimithasser und Waffennarren sind mir genauso suspekt wie Motorradlärmfetischisten.

      Herzlich
      Thomas

  4. Haha, wir sind gleich sozialisiert. JE-DES-MAL wenn ich so eine Angeber-Harleybande mit 5.000 Dezibel vorbeirauschen sehe, muss ich an die Southpark-Fags denken.

    Ich war neulich im Tal von Mittersil. Abends war es schön ruhig – bis auf die Motorräder. Da kreischt eine Enduro durch den Wald, da wummert eine Harley durch da, dort sägt ein Joghurtbecher mit 15.000 Touren durch den Ort. Widerlich. Würde ich im Großglocknervorland wohnen, ich würde nach kurzer Zeit Motorräder hassen.

    • Es lebe die Sozialisation durch die Popkultur. Ich habe am Wochenende mit meinem Sohn die South Park Folgen „Selbstentzündung“ und „Tourette“ gesehen. War lustig. Die South Park Fags sind natürlich unübertroffen. Vielen Dank für deinen Kommentar.

      Herzlich
      Thomas

  5. Ich weiß gar nicht was ihr alle habt.

    Mit den beiden Subwoofern im Heck, der aktiven Frequenzweiche unter dem Beifahrersitz und dem aufgerüsteten Frontsystem höre ich von dem ganzen Lärm der anderen nichts mehr sobald meine Headunit die »42« anzeigt. Dafür sorgen die drei Endstufen unter der Rücksitzbank.

    Zudem wir wissen doch alle das »42« ganz klar die Antwort ist – auch bei dem Lautstärkeregler.

    Spätestens wenn bei »When« von Opeth die Sekunde 27 erreicht ist, kann keine Maschine mit »verlorenem« dB-Killer mehr mithalten… Und ich ernte mehr Blicke im Auto als eine Japan-Supersportler im 1. Gang in der Innenstadt bei Tempo 60.

    PS: Nein, ich meine das nicht ernst. Endstufen, Subwoofer und neue Frontsysteme baue ich schon länger nicht mehr ins Auto – Motorradfahren ist teuer genug und ich pendle nicht mehr jedes Wochenende 240 km auf der Autobahn hin und her.

    PPS: Also Opeth höre ich dann doch gerne, aber der Rest stimmt nicht.

    PPPS: »When« gibt’s auf YT übrigens auch als Lyrics-Video. 😉

  6. Da bin ich froh, dass du das nicht ernst meinst und die Tinnitusgefahr bei dir und deinen Mitmenschen in einem angemessen Rahmen hälst.

    Dank dir konnte ich einer meiner zahlreichen kulturellen Bildungslücken schliessen und Opeth hören. Ich bin zwar sonst nicht so der Metal-Fan, aber die Musik war spannend. Eine gute Erfahrung. Vielen Dank dafür und den lustigen Beitrag.

    Herzlich
    Thomas

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