Royal-Enfield-Herbst-Tour

Etappe 5: Der Kampf gegen meine Dämonen, Regen und Kälte, der Chauvinist vom Gardasee hat Glück

Angst kriecht in mir hoch und kleine Schweissperlen treten auf meine Stirn. Trotz der Kälte wird mir heiss. Unsere Motorräder stehen abfahrbereit im Unterstand. Draussen regnet es Bindfäden.

„Dann nehmen wir die Brennerautobahn?“

Meine Frau schaut mich in Erwartungen einer Antwort an. Alles in mir sagt nein, trotzdem stimme ich zu. Ursprünglich wollten wir über den Grossglockner nach Italien fahren. Aber die Hochalpenstrasse ist wegen der schlechten Witterung gesperrt. Nun ist die Brennerautobahn der beste Weg, um dem Mistwetter zu entfliehen. Aber ich hasse Autobahnfahrten. Vor allem, wenn ich mit einer altertümlichen Konstruktion wie der Royal Enfield unterwegs bin. Ab 110 Stundenkilometern fühlt man sich auf der Maschine wie mit einem Traktor auf Speed. Das allerdings ist nicht der Grund für meine Abneigung. Die hat tiefere, psychologische Ursachen.

Autobahnpickerl: Tiefere, psychologische Ursachen

Während die Karten-App unsere Route berechnet, macht sich eine ungute Empfindung in meiner Magengegend breit. Bei Autobahnfahrten fühle ich mich mit meiner Enfield sehr unsicher. Das ist weitgehend irrational, aber auf der Autobahn geht mir das Vertrauen in mein Schicksal verloren. Strenggenommen nicht nur auf Autobahnen. Ganz allgemein ist mir das Vertrauen in mich und meinen Körper abhanden gekommen. Vor ein paar Jahren fand ein Ereignis statt, dass mir ziemlich krass meine Sterblichkeit vor Augen geführt hat. Ich hatte Glück, wurde gesund und die Ärzte bescheinigten mir eine gute Prognose. Trotzdem lebe seit dieser Zeit unter einer Art Damoklesschwert. Die Angst vor dem Tod und die Angst davor meine Gesundheit zu verlieren, begleiten mich ständig. Mal spüre ich diese Dämonen stärker und Mal sind sie schwächer. Es ist eine Angst, die mir die Unbeschwertheit in meinem Leben nimmt und das will ich nicht.

Mit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert:
Krasse Erfahrung mit traumatischen Folgen

Deswegen muss ich mich meinen Dämonen stellen. Meine Therapie gegen die Furcht ist das Motorrad. Steige ich dort in den Sattel, verdichten sich die Gefahren des Lebens. Ich setzt mich durch diese Fortbewegungsmethode einem erhöhten Risiko aus. Dieses Risiko kontrolliere ich durch eine Reihe von Massnahmen, wie zum Beispiel Umsicht, Fahrtechnik und Schutzkleidung. Mir geben diese Massnahmen die Illusion, mein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Und das Spannende daran ist, dass dieses Gefühl der Kontrolle auch dann noch bleibt, wenn ich schon längst nicht mehr im Sattel sitze. (1) Es fällt mir durch das Motorradfahren leichter, mit den Unsicherheiten in meinem Leben umzugehen. Auch das ist irrational, aber auf Landstrassen funktioniert diese Strategie wunderbar. Nur wenn ich mit meinem archaischen Gefährt über die Autobahn brettere, klappt es nicht. Dann passiert das Gegenteil. Durchgeschüttelt vom langhubigen Einzylinder, zwischen Lastwagen, die mich zermalmen können und Autos, die an mir vorbei rasen, fühle ich mich extrem unwohl. Die Todesangst, die ich damals bekam und die mich seitdem immer wieder heimsucht, kriecht dann in mir hoch. Es ist ein scheiss Gefühl.

Todesangst: Ein scheiss Gefühl.

In der Aussicht, dass mich diese Empfindung, quer über die Alpen bis zum Gardasee plagen wird, steige ich auf meine Maschine. Über den Gore-Tex-Sachen trage ich Regenzeug und Leuchtweste. Meine Frau besitzt keine Regenjacke. Sie glaubt an die Wasserfestigkeit ihrer Stoffkleidung. In wenigen Kilometern wird sie eines Besseren belehrt werden. Die Lebensschule kann manchmal ziemlich hart sein. Als Kavalier biete ich ihr meine Regenjacke an, aber sie lehnt ab. Eine gute Entscheidung, denn somit ist mein Gewissen beruhigt und ich bleibe trotzdem trocken.

Trockener Kavalier: Gute Entscheidung

Ich bin froh, dass uns das Navi erstmal über verlassene Landstrassen führt. Auch wenn es nicht so schnell geht und uns die Kälte in die Knochen kriecht. Meiner Frau noch mehr als mir, denn die ist nun so ziemlich durchnässt. Entsprechend genervt reagiert sie, als wir nach einer Stunde noch immer keine Autobahn erreicht haben. Auf ein Zeichen von ihr halten wir irgendwo in der österreichischen Wildnis. Meine Frau glaubt, dass ich mich wieder verfahren habe. In Anbetracht der nahenden Autobahn reagiere ich auf diese Vermutung ziemlich ungehalten. Ich zeig ihr mein iPad, und beweise so, dass ich mich exakt an die Anweisungen der App halte. Wenn Sie einen besseren Routenvorschlag habe, so grummele ich, solle sie doch vorfahren und mir nicht auf den Senkel gehen. Meine Frau überzeugt sich, dass wir auf dem rechten Weg sind und mit Erleichterung sieht sie, dass die Landstrassenodyssee bald ein Ende hat. Ein Umstand, der sie versöhnlicher werden lässt. So findet meine Gattin zu ihrem gewohnten Sarkasmus zurück. Im Wissen um meine Autobahnphobie säuselt sie: „Versprich mir bitte, dass du gleich etwas schneller als sechzig fährst.“ Dabei lächelt sie mich schelmisch an.  „Ach, leck mich“, antworte ich gereizt und packe das iPad weg. Meine Frau spielt empört. Sie lässt mich wissen, dass sie sich meinetwegen nun nicht das Naschen angewöhnen wird. Dabei schaut sie mich an, als hätte ich ihr eine billige Aldi-Praline angeboten.

Karten-App: Meine Frau glaubt, dass ich mich wieder verfahren habe.

Um die Sache nicht weiter eskalieren zu lassen, fahren wir los. Der Regen ist zu einem leichten Nieseln geworden. Unaufhaltsam steuern wir auf die verflixte Autobahn zu. In Gedanken gehe ich tausend und eine Möglichkeit durch, wie ich dort zu Schaden kommen könnte. An der Autobahn angekommen, verdränge ich diese Gedanken. Ich fokussiere als Nahziel das nächste Klo und beschleunige auf 90 Stundenkilometer. Die Royal Enfield rollt zuverlässig über den nassen Asphalt. Einzig mein Helm überzeugt bei diesem Wetter nicht. Ist das Visier geschlossen beschlägt meine Brille. Stelle ich das Visier auf die erste Stufe ist es viel zu weit offen. Wind und Wassertropfen verwirbeln im Innern derart, dass es mir die Sicht nimmt. Ich muss also mit ganz offenem Visier fahren. Dort sind die Verwirbelungen nicht ganz so unangenehm. Aber der feine Regen legt sich auf Gesicht und Brillengläser. Immer wieder muss ich den Kinnschutz aufklappen und meine Brille von den Wassertropfen befreien. Dabei fluche ich. Der Shoi Neotec 2 ist ein wirklich guter Helm, aber die Visiereinstellungen sind ein echtes Ausschlusskriterium. Mein nächster Helm wird wieder ein Schubert. Das schwöre ich mir.

Shoi Neotec 2: Guter Helm, schlechte Visiereinstellungen

Der Kaffee vom Frühstück macht sich drängend bemerkbar. Aber weit und breit ist kein Autobahnklo zu sehen. Ich habe keine Lust jetzt einzunässen. Es gibt Schöneres als mit voll gepisster Hose die Alpen zu überqueren. Bei dem Kampf gegen den Harndrang und dem ständigen Ringen um eine klare Sicht bleibt mir keine Zeit für meine Dämonen. Mir fällt es erst auf, als ich mich an einem Rastplatz mit einem tiefen Seufzen erleichtere. Ich hatte gar keine Angst. Bis zur nächsten Raststätte fahre ich nun mit hundert Kilometern in der Stunde. Der Regen wird immer schwächer und hört irgendwann ganz auf. Dort angekommen, gönnen wir uns zwei doppelte Espressi und je einen vollen Tank. Dann geht es weiter Richtung Brenner. Die Strasse ist trocken. Kolonnen von Lastwagen kämpfen gegen den Höhenunterschied. Ich ziehe mit Vollgas vorbei. Hundertzehn Stundenkilometer kitzele ich aus dem Motor. Meine Frau ist nur noch als kleiner Punkt im Rückspiegel zu sehen. Was bei einer zeitgemässen Motorradkonstruktion nicht sonderlich spektakulär ist, fühlt sich auf einer Royal Enfield Classik ziemlich wild an. Das ist Motorradfahren pur. Ich komme in einen Flow. Es ist keine Angst in mir. Der Herbst grüsst mich in seiner ganzen Farbenpracht und ich spüre eine Art freudiger Erwartung. Es ist ein Gefühl wie damals in meiner Jugend, als ich zu dieser Jahreszeit über die Alpen gefahren bin. Meine Ziele waren die Fährhäfen Norditaliens. Die Schiffe, die mich zu meinen Sehnsuchtsorten in Asien und Nordafrika gebracht haben. Mein Gott, war das schön. Tränen laufen mir über die Wangen. Ich habe meine Angst überwunden und für diesen Moment meine Dämonen besiegt. Und ich spüre sie wieder: Diese unbeschwerte Abenteuerlust von einst. Ich fliege mit der Enfield über den Asphalt und pures Glück strömt durch meine Adern. Dankbarkeit breitet sich in mir aus. Dankbarkeit dafür, dass ich leben darf, dass ich das alles hier mit allen Sinnen aufnehmen kann.

Pures Glück: Der Herbst grüsst

In Italien, kurz nach der Grenze machen wir halt. „Du bist gut gefahren“, lobt mich meine Frau und das macht mich stolz. Ich glaube, sie hat mich noch nie wegen meinem Fahrstil gelobt. Misstrauisch fragt sie, ob es auf dem Männerklo einen geheimen Jungbrunnen gegeben hat. Kein Jungbrunnen erwiderte ich selbstbewusst. So ein bisschen was im Stehen pinkeln, macht aus jedem Pantoffelhelden einen ganzen Kerl. Meine Frau schaut noch misstrauischer. Stehend urinieren ist bei ihr immer ein Reizthema. Also reden wir über etwas anderes. Wir einigen uns für Italien auf eine Arbeitsteilung. Ich fahre vor und navigiere und sie bezahlt an den Mautstellen. Ich habe meiner Frau sowieso die gesamten Finanzen übergeben. Von Geld verstehe ich nicht viel. Ich weiss, wie man es ausgibt. Aber meine Frau weiss, wie man es zusammenhält. Deswegen ist es bei ihr am besten aufgehoben.

Autobahnrastplatz: Geheimer Jungbrunnen auf dem Männerklo

Die Autobahn führt uns die Berge herunter. Vollgasfahren bedeutet auf der Enfield jetzt hundertdreissig bis hundertvierzig Stundenkilometer. Es fühlt sich an wie im Windkanal. Mein Kopf ist wunderbar leer. Die Konzentration liegt bei dem, was ich mache. Elegant überhole ich Lastwagen um Lastwagen. Danach ordne mich wieder auf der rechten Spur ein. Es ist wie ein Tanz der Fahrzeuge. Panta rhei – alles fliesst. Ich, das Motorrad, die Strasse und der Verkehr werden eins. Nur einmal, als es zu gefährlich gewesen wäre, zwischen zwei Lastwagen reinzufahren, drückt mich eine BMW GS von hinten, überholt mich rechts und kommt mir dabei sehr nah. Ich will schon auf den italienischen Verkehr schimpfen, da sehe ich das deutsche Nummernschild. Ich ärgere mich über meine eigenen Vorurteile und entschuldige mich insgeheim bei den italienischen Verkehrsteilnehmern.  

Autobahn: Alles fliesst

Nach 5 Stunden fahren wir von der Autobahn ab. Das Ziel ist fast erreicht. Fast – denn wir stehen im Stau. Ich spüre meinen Rücken und mache die Übungen, die mir mein Physiotherapeut empfohlen hat:

Bei Beschwerden im Lendenwirbelbereich soll ich den Oberkörper gerade und steif halten. Dann gilt es in fliessenden Bewegungen das Becken vor und zurück zu bewegen. Ich mache es mit Inbrunst. Der Helm ist aufgeklappt. Die warmen Sonnenstrahlen streicheln mein Gesicht und meine Augen sind geschlossen. Das Nachlassen des Schmerzes entlockt mir ein tiefes Stöhnen. Dabei denke ich noch, dass das was ich hier tue für andere merkwürdig aussehen muss. Man könnte fast den Eindruck bekommen, dass ich meinen Tankrucksack begatte. Vorsichtig öffne ich meine Augen und versuche herauszufinden, ob mich jemand beobachtet hat. Drei ältere Damen im Auto neben mir schauen mich entsetzt an. Neben diesem Entsetzten spiegeln sich eine Mischung aus Ekel und Faszination in ihren Augen. Ich versuche die unangenehme Situation zu überspielen und lächele die Damen freundlich an. Dabei winke ich ihnen zu. Ein kurzer Moment der Empörung schlägt mir entgegen. Dann wenden die Drei synchron ihre Köpfe ab. Die Damen starren angestrengt geradeaus und geben mir keine Möglichkeit, mich mittels Zeichensprache zu erklären. Entweder sollte ich auf diese Übung im Stau verzichten oder meine Mitmenschen mit einem Schild vorwarnen. Aufschrift: „Ich bin kein Perverser – mein Physiotherapeut kann es bezeugen.“ Im Rückspiegel sehe ich meine Frau, die ein paar Autos hinter mir steht. Gut, dass sie die peinliche Szene nicht mitbekommen hat.

Kein Perverser: Der Physiotherapeut kann es bezeugen

Die Abendsonne taucht alles in ein wunderbares Gold. Wir sind beim Hotel ankommen. Zum Licht passt die kitschige Aufschrift unserer Bleibe: Aquila D’Oro. Google spricht von einem gehobenen Hotel mit Blick auf den Gardasee. Auf jeden Fall wird es besser sein von dem hässlichen Bau in Richtung See zu schauen, als umgekehrt. Für die Uferpromenade ist das Haus keine ästhetische Verschönerung.

In unserer schweren Motorradmontur treten wir ein und hoffen auf gehobene Gastlichkeit.

Die wilden Helmfrisuren, die wir zur Schau tragen, dürften für jeden Coiffeur einen Affront darstellen. Aber niemand ist im Inneren des Hauses zu sehen. Schon gar kein Coiffeur. Die Rezeption ist verwaist. Wir stellen unsere Helme auf den Tresen und klingeln. Nichts passiert. Nach einer Weile taucht ein älterer Herr auf und signalisiert uns, dass er jemanden holen wird. Aber niemand kommt. Ich einige mich mit meiner Frau, dass sie hier wartet und die Formalitäten erledigt. Ich werde derweil die Motorräder abladen. Während ich die Spanngurte aufrollen will, kommt meine Frau aus dem Hotel. Sie wirkt irritiert.

„Ich glaube, wir haben den Rezeptionisten beim Abendessen gestört. Er ist etwas unfreundlich. Vor allem will er die Formalitäten nicht mit mir als Frau klären. Als Ehemann musst du das machen.“

Jetzt bin ich irritiert. Ein Chauvinist und meine Frau hat ihn nicht zur Schnecke gemacht? Ich frag meine Frau, wie der Mann das angestellt hat. Was ist sein Geheimnis. Es gibt kein Geheimnis offenbart sie mir. Es war eine lange Fahrt und sie hat keine Lust sich an diesem schönen Abend mit irgendeinem Deppen rumzuärgern. Ich verstehe das und als formvollendeter Kavalier übernehme ich die mir zugetragene Aufgabe. Wobei ich mir das Adjektiv „formvollendet“ nie in Gegenwart meiner Frau zuschreiben würde. Denn die bezieht das immer nur auf meinen Bauchansatz.

Das Prädikat „Biker Wellcome“ kann eher nicht verliehen werden

An der Rezeption steht ein steifer und hagerer Mann. Vielleicht etwas älter als ich. Blicke, so heisst es, können mehr sagen als tausend Worte. Dieser abschätzige Blick erzählt mir eine ganze Lebensgeschichte. Ein Drama, dass man Beruf und Vorurteil nennen könnte. Mit seinen Augen, ja mit seinem ganzen Habitus sagt mir der Mann, dass er wahrlich schon in gehobeneren Häusern gearbeitet hat. Das er sich im Glanz der grossen Grandhotels sonnen durfte und das er besseres als diese mittelmässige Absteige verdient hat. Aber dieses Haus hier hat wirklich besseres als solche Kundschaft wie uns verdient. Das hier ist keine Absteige für mittellose Mopedfahrer.

Ich wuchte ihm meinen schweren Militärseesack vor die Rezeption und lege ein Knäul von Spanngurten auf den Tresen. Dann begrüsse ich den Mann auf Italienisch. In englischer Sprache frage ich, wo das Problem ist. Ich bin reserviert und betont höflich.

Sein missbilligender Blick wandert von den Spanngurten zu meinem Helm. Die Kopfbedeckung liegt immer noch da und verunziert sein Hoheitsgebiet. Der Mann räuspert sich und begrüsst mich ebenfalls. Dann fährt er in italienischer Sprache fort. Das was er sagt, klingt irgendwie gewichtig. Er scheint mir der Typ Mensch zu sein, bei dem selbst die Fürze den Eindruck von tiefsinniger Bedeutsamkeit hinterlassen. Ein wenig beneide ich ihn um diese naturgegebene Autorität. Ich weise ihn darauf hin, dass ich kein Wort verstanden habe, worauf er mir mehrere Papiere zu schiebt. Die DIN-A-4-Blätter sind ebenfalls in italienischer Sprache gehalten und mit sehr viel Kleingedruckten versehen. In englischer Sprache fordert der Rezeptionist, dass ich unterschreiben soll. Es könnte der Kaufvertrag für einen Staubsauger oder das Schuldbekenntnis zu einem Doppelmord sein. Also versuche ich aus ihm herauszukriegen, was das für Papiere sind. Leider erfolglos.

Nach der geilen Autobahntour wäre ich jetzt durchaus in der Stimmung mit dem Herrn eine Kafkaeske zu performen, aber meine Frau will aufs Zimmer. Sie besteht darauf, dass ich endlich unterschreibe. Ich find das doof. Bürokratische Chauvinisten, die auf die Unterschrift des Ehemannes bestehen und Motorradreisende als unzumutbare Belästigung begreifen, würden eine Begegnung mit meiner Frau nie unbeschadet überstehen. Vor allem wenn sie einen Hang zu überbordender Bürokratie haben. Der hier hat ein wahnsinniges Glück, denn meine Frau ist müde. Ich finde das ungerecht, weil ich nie so viel Glück bei meiner Frau habe. Wenn ich den Chauvinisten raushängen lasse, werde ich von ihr immer zur Schnecke gemacht, egal ob sie müde oder munter ist. So unterschreibe ich resigniert. Der Chauvinist vom Gardasee nimmt die Papiere mit spitzen Fingern entgegen. Er wirkt immer noch angepisst und wird nie erfahren, wie viel Glück er doch gehabt hat.

Abendessen: Mittelmässig und teuer

Das Abendessen ist teuer und mittelmässig. Der Kellner gibt sich ähnlich bürokratisch, wie der Mann an der Rezeption. Es scheint wohl an der Aura des Hauses zu liegen. Da wir aber reichlich bestellen, ist er recht freundlich zu uns. Beim Frühstück geniessen wir das beeindruckende Panorama über den Gardasee. Sogar der Rezeptionist schenkt uns am Morgen ein kurzes Lächeln. Und zwar in dem Moment, in dem er uns die saftige Rechnung vorlegt. Da soll mal jemand behaupten, dass Geld nicht glücklich macht.

Mich machen seit neuesten Autobahnfahrten mit der Royal Enfield Classic glücklich und heute will ich es nochmals wissen. Wissen, ob ich die Autostrada-Dämonen endgültig besiegt sind.

Frühstück: Beeindruckendes Panorama des Gardasee

Randbemerkung

(1) Dass Zweiratsicherheitstechnik unser Verhalten auch dann noch prägt, wenn wir nicht mehr im Sattel sitzen, ist zutiefst menschlich. Eine wissenschaftliche Studie hat gezeigt, dass Menschen viel lockerer mit Risiken umgehen, wenn sie einen Fahrradhelm tragen und das nicht nur im Sattel. Unter einem Vorwand mussten die Probanden auch beim Online-Zocken einen Helm tragen, während sie im Stuhl vor dem Computer sassen. Die Spieler mit Helm haben sich öfter für eine risikoreiche Varianten des Spiels entschieden.

Quelle: SPIEGEL Online

Fortsetzung: Etappe 6: Die schöne Nackte vom Campingplatz – Fifty shades of green – Blümchensex und das Sado-Maso-Missverständnis

REISEETAPPE 1: EIN UNFALL, ZWEI FRAUEN UND EIN ÜBERFORDERTER MANN

REISEETAPPE 2: DIE GEISTERSTADT, KEINE MUMIFIZIERTE MUTTER IM SCHAUKELSTUHL UND EIN GUZZIFAHRENDER SCHOSSHUND

REISEETAPPE 3: DIE AMPUTATION DES GROSSZEHS, ORIENTIERUNGSLOS INS ZILLERTAL UND EIN SCHLÜPFRIGES LIED ZUM ABENDESSEN

Reiseetappe 4: GUT DASS WIR KEINE JÄGER UND SAMMLER SIND, GOD SAVE THE QUEEN UND DER FISCHER VON DER TRAURIGEN GESTALT

Autostrada-Dämonen: Sind sie endgültig besiegt?

Comments

  1. Guten Morgen mein Freund, lieber Thomas,

    so langsam merke ich durch deine Erzählweise und diesen Blog, wer Du bist und was Dich ausmacht. Das ist schön.
    Ja unsere Dämonen im Kopf können uns schwer zu schaffen machen. Das geht mir in der Tat genau so.
    Wenngleich die Gründe dafür woanders liegen.
    Du bist also in guter Gesellschaft was das angeht. 🙂

    Nur wenn wir uns unseren Dämonen stellen, können wir sie auch besiegen. Das hast Du längst auch erkannt.
    Das ist mir z.B. bewußt geworden, als ich vor einigen Jahren mit schweren Panikattacken zu kämpfen hatte, in den tollsten Situationen. Das war nicht immer leicht.

    Genießen wir das Leben doch besser so gut es geht und wie es uns möglich ist, haben wir keine Angst vor dem was kommt, was immer es auch ist und was das Schicksal für uns bereit hält.

    „Cheer up my brother, live in the sunshine, we’ll understand it all, by and by“

    Lg von deinem Freund,
    Edi

    • Lieber Edi

      Vielen Dank für deine Rückmeldung. Es ist schön von dir zu lesen.

      Ja, stellen wir uns unseren Dämonen und geniessen wir das Leben.

      Herzlich, dein Freund
      Thomas

  2. Da ist alles dabei.. Wetter, Angst, Ärger – nicht jeder Meter auf dem Motorrad ist schön. Aber schön, dass Du mit Deinem bissigen Humor so genial drüber schreiben kannst!! Gefällt mir!

    Beste Grüsse aus Südtirol,
    Jürgen

      • Ich danke Dir, Thomas!! Der Harley-Kauf war ja wirklich cool *g* – das Härteste war aber, dass der Verkäufer keine Ahnung hatte, WELCHE Maschine er verkaufte. Die Nr. 110 der 110th Anniversary Edition verkauft man doch nicht 😉

        Beste Grüsse aus den verschneiten Alpen,
        Jürgen

  3. Du bist ganz schön mutig, Thomas, so offen über Deine Gefühle zu schreiben. Kompliment! Daher regt dieser Text zum Nachdenken an. Aber Gott sei Dank ist auch wieder ein ordentlicher Schuss Ironie dabei! Tragik und Humor ganz eng beieinander – eigentlich ein rheinisches Charaktermerkmal!
    Alles Gute! Ulla

    • Liebe Ulla

      Es hat auch etwas Befreiendes über Empfindungen zu schreiben.

      Sicher beeinflusst auch meine rheinländische Herkunft die Art, wie ich schreibe.

      Über deine Rückmeldung hier freue ich sehr. Danke!

      Herzlich
      Thomas

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