Bubble-Suite – Zerplatzte Träume

Versprochen wird uns eine Nacht in einer ganz besonderen Suite. Ein vollständig transparenter Raum und wenn man im Bett liegt, sollte man in einen Himmel mit tausenden von Sternen schauen. Unzählige Himmelskörper, die über einem atemberaubenden Bergpanorama schimmern. Es klingt echt gut. Aber das, was wir bekommen, ist eine Nacht in einem beschlagenen Plastikzelt – so ganz ohne Sterne. Und statt dem Bergpanorama gibt es die trostlose Aussicht auf grossflächige Werbeplakate. Das Beste aber ist der beheizte Pool. Ein Hot Tube, der mich um ein Haar in Verdacht bringt ein pädophiler Exhibitionist zu sein.

Das Schönste, was man sich schenken kann, ist die Zeit, die man miteinander verbringt. Und wenn man die Zeit an einem ganz besonderen Ort verlebt, dann muss das etwas Wundervolles sein.

Solche Gedanken bewegen mich, als ich auf der verzweifelten Suche nach einem passenden Weihnachtsgeschenk für meine Frau bin. Ein Angebot der Firma Geschenkparadies.ch verspricht Romantik pur. Eine kuppelartige transparente Suite mit dem Blick auf den Sternenhimmel. Die Aussicht auf eine grandiose alpine Kulisse. Die Abgeschiedenheit und Ruhe der Glarner Bergwelt. Und das Beste: Ein beheizter Freiluftpool, in dem man entspannen und dabei die wilden Gämsen in den Berghängen beobachten kann.

Meine Frau ist Glarnerin und die Gegend ist uns nicht fremd. Wenn man hier eine transparente Kuppel und einen Pool in die wunderschöne Landschaft stellt, dann kann da nicht allzu viel schief gehen – denke ich mir zumindestens. Das diese Annahme von Grund auf naiv ist, zeigte mir Geschenkparadies.ch, eine Onlineplattform, die unter anderem mit Geschenkgutscheinen handelt. Einen solchen Gutschein kaufe ich meiner Frau. Und weil sie ein Mensch mit guten Instinkten ist, misstraute sie der Sache von Anfang an. Die Freude, die ich in ihren Augen sehen will, stellt sich einfach nicht ein. Das wird auch nicht besser, als wir realisieren, dass Geschenkparadies.ch mehr Gutscheine verkaufte, als eingelöst werden können. Wir müssen ein Jahr auf die Nacht unter Sternen warten. Der Buchungsvorgang erweist sich dann als aussergewöhnlich kompliziert. Die Veranstalter sind eine Gruppe junger Leute, die sich Abenteuercamp Braunwald nennen. Sie sind der felsenfesten Ansicht, dass die wahren Abenteuer schon bei der Reservierung beginnen. Deswegen geben sie den Starttermin dafür nicht bekannt. Wir müssen das Datum über einen Monat lang täglich abklären. Das Angebot ist anscheinend begehrt und man empfahl mir möglichst schnell zu reservieren. Als es dann soweit ist, buche ich versehentlich das Falsche, was aber von den Anbietern freundlich korrigiert wird.

Endlich ist Sommer und die Bubble-Suite – so nennt sich das Angebot – steht für uns bereit. Wir sind mit unseren Royal Enfields unterwegs und auf dem Weg nach Braunwald nehmen wir den legendären Klausen-Pass. Diese Passstrasse geniesst wegen der Klausenrennen eine gewisse Berühmtheit. Von 1922 bis 1934 traten hier Autos und Motorräder gegeneinander an. Der Pass ist also bestes Royal-Enfield-Gelände. Er gilt als anspruchsvoll. In Anbetracht dieser historischen Gegebenheiten bin selbst ich recht sportlich unterwegs, verliere aber das Rennen gegen meine Frau. Sie fährt nicht nur besser, ihr Motorrad führt auch deutlich weniger Gepäck mit sich. Die Beladung ist beim Anstieg auf die 1948 Meter deutlich spürbar.

Dafür geht es recht rasant wieder runter nach Linthal. Hier müssen wir die Motorräder stehen lassen, denn unser Ziel – Braunwald – ist weitgehend fahrzeugfrei. Am Bahnhof finden wir Schliessfächer für unsere Motorradausrüstung. Zwischen Fünf und sieben Franken kosten die Fächer pro Nacht. Befreit von Helm und Protektoren fahren wir in einer Standseilbahn die Berge rauf. Langsam tauchen wir in den Dunst der Wolken. Während ich unten noch in meinen Motorradklamotten geschwitzt habe, erwartet mich in den Bergen Regen und Kälte. Trotzdem bin ich guter Dinge, denn für morgen schon soll das Wetter besser werden. Zwei Übernachtungen habe ich gebucht. Die Glarner Bergwelt hat also alle Chancen, sich von ihrer Schokoladenseite zu präsentieren.

Die Seilbahn, in die wir umsteigen müssten, fährt leider nicht mehr. Also bemühen wir uns um ein Elektrotaxi, eines der wenigen Fahrzeuge, die hier oben eine Fahrerlaubnis haben. Der Preis bewegt sich in einem Rahmen, bei dem ich normalerweise eine Strechlimosine, Champagner und zwei leicht bekleidete Hosttessen erwartet hätte. Die verkehren aber im autofreien Braunwald nicht. Das Gefährt ist eine Art Gegenentwurf zur Strechlimosine. Ein Kleinnutzfahrzeug für Bergbauern. Wir verstauen unser Gepäck auf der lehmigen Ladefläche und nehmen in einer zugigen Kabine Platz. Dort friere ich mich den Berg rauf. Die Welt hier oben hüllt sich in Nebel und Nieselregen.

An unserem Ziel angekommen, werden wir an der Seilbahnstation abgeladen. Die Station und ein grosser, verlassener Kinderspielplatz strahlen eine gewisse Trostlosigkeit aus. Um mir Mut zu machen, lese ich nochmals den Text, mit dem man uns hierhergelockt hat.

«Die Natur von einer ganz neuen Perspektive erleben. Noch nie war eine Übernachtung im Freien so spektakulär und einfach zugleich. Erleben Sie zusammen mit Ihrer Begleitung eine Übernachtung in einer fünf Billionen Sterne Suite und beobachten Sie Sternschnuppen gemütlich vom Bett oder vom Hottube aus.“

Dann betreten wir eine Holzfläche auf der unzählige Plastikstühle und Tische gestapelt sind. Im Winter werden hier Skitouristen unter freiem Himmel bewirtet. Im Sommer ist der Ort eine verwaiste Abstellfläche. Die Bettwäsche, die wir extra bezahlen müssen, holen wir aus einer schmuddeligen Plastikkiste, die sich vor einer Hütte in einem halboffenen Unterstand befindet. Ein Haufen Gerümpel ist hier unordentlich übereinandergestapelt. Der Ort hat den Charme einer Müllhalde.

Die Blicke meiner Frau sind Vorwürfe, die mich aus dem unergründlichen Grün ihrer Iris erreichen. Ich bin von ihren wunderschönen Augen fasziniert. Wie schafft sie es nur, mir mit diesen Blicken völlige Inkompetenz zu unterstellen? Nicht nur allgemeine Inkompetenz, sondern die spezielle Inkompetenz bei der Auswahl von Ferienzielen und romantischen Geschenken. Diese differenzierte kommunikative Fähigkeit meiner Gattin beeindruckt mich jedes Mal zutiefst.

Meine ganze Hoffnung liegt nun bei der Unterkunft. Die transparente Kuppel und der Hottube im Freien wirken echt stilvoll auf dem Foto. Dabei müsste ich es doch besser wissen. Ich habe Film und digitale Medien studiert. Wie man Bildmaterial manipuliert und wie man mit dem geschickten Spiel mit der Perspektive die Realität verfremden kann, ist mir hinlänglich bekannt. Die kommunistischen Machthaber in der ehemaligen Sowiejtunion haben es in dieser Kunst zu einer gewissen Meisterschaft gebracht. Allerdings verfügten die über ein hohes Mass an krimineller Energie. Bei schweizer Unternehmen gehe ich einfach von mehr Integrität aus. Ich werde enttäuscht.

Die transparente Suite entpuppt sich als billiges Plastikzelt, in der sich eine erstaunlich vielfältige Fauna von Stechfliegen ein Stelldichein gibt. Von der Natur sieht man in dem durchsichtigen Plastik wenig. Dafür wird der Ort von überdimensionalen Werbeflächen dominiert. Skifahrende Kinder und wandernde Familien werben dort für die Beliebtheit des Ortes, an dem wir uns befinden. Auch das fast mannshohe Plakat eines holzverarbeitenden Betriebs vermittelt die gediegene Atmosphäre eines Industriegebiets. Ich bin wieder beeindruckt. Zwei Fragen beschäftigen mich.

Frage 1: Wieviel Lieblosigkeit und Geschmacklosigkeit muss ein Mensch besitzen, um hier in der schönen Bergwelt einen so hässlichen Ort zu schaffen?

Frage 2: Wieviel Dreistigkeit braucht man, um mit Fotos für diesen Ort zu werben, die all das nicht zeigen?

Während ich darüber nachdenke, versucht meine Frau einen konstruktiven Ansatz zu finden.

„Ich schlage vor, dass wir uns in diesen Hottube setzen und uns dann besaufen.“ 

Meine Frau trinkt selten Alkohol und wenn, dann nur in moderaten Mengen. Wenn sie im Besaufen die beste Lösung sieht, dann muss etwas Schlimmes passiert sein. Ich schaue mich um und stelle fest, dass dieser Ort schlimm genug ist. Trotzdem versuche ich es mit einem Kontrastprogramm.

„Ich könnte auch den Anbieter dieses Angebotes hier hoch zitieren und ihm dann die Ohren langziehen.“

Bei der Vorstellung lächele ich. Normalerweise bin ich gegen jede Form von körperlicher Gewalt. Aber in diesem Fall stelle ich mir vor, wie ich dem Typen eine Lektion in Waterbording erteile – hier in diesem Hottube. Meine Frau erkennt meine Gedanken und ich muss ihr hoch und heilig versprechen, erst dann zu reklamieren, wenn wir wieder abgereist sind.

Zähneknirschend lege ich ihr einen Schwur ab. Dann entledigen wir uns der Kleider und kriechen in diesen überdimensionalen Badezuber. Das Wasser sollte vorgeheizt sein, hat aber gegen die Kälte keine Chance. Ich friere und beobachte meinen viel zu dicken Bauch, der von diversen LED-Lämpchen in wechselnden Farben erleuchtet wird. Mein Glied ist auf Grund der Kälte zu einem kleinen Stummelschwänzchen geschrumpft. Es wirkt wie eine Seepocke, die es sich in meinem Schritt bequem gemacht hat. Vor allem in den Farben Gelb, Magenta und Grün sieht es grotesk aus.

Meine Frau reicht mir ein Glas Wein, das ich sofort hinunterkippe. Sie schenkt nach und auch das trinke ich in einem Zug aus. Nach dem dritten Glas wird endlich die Wassertemperatur erträglich. Vor mir ist ein Werbebanner des Hottube-Dealers. Auf dem Foto sitzt eine ganze Kinderschar in dem Freiluftbad und starrt uns an. Ich frage mich, wie hier eine romantisch-sinnliche Stimmung aufkommen soll, wenn einen so viele Kinderaugen anglotzen. Dass dieses Plakat eine Warnung sein soll, wird mir erst später klar – leider zu spät.

Ich spiele mit der Bedienung des Pools und es beginnt zu blubbern. Meine Frau bittet mich auf den Wirlpool-Effekt zu verzichten. Es würde zuviel Wärme verloren gehen. Ich gehorche und in einer Übersprunghandlung strecke ich den Kindern die Zunge raus. Danach trinke ich weiter und versinke bis zum Hals in der lauwarme Brühe.

Die Nebelschwaden kriechen über die Werbeflächen und vermögen sie nicht zu verschleiern. Hinter mir tanzt ein überdimensionaler Zwerg Bartel vor einer ebenso grossen Wandergruppe. Die Werbefläche mit der regionalen Märchenfigur und den fröhlichen Berggängern wirkt grafisch misslungen. Ich frage mich, welche Drogen die Typen in dieser Werbeagentur konsumieren, bevor sie solche Plakate gestalten. Ich weiss es nicht. Aber ich beneide die Leute darum, denn genau diese Drogen könnte ich jetzt auch gebrauchen. Ich schaffe es einfach nicht mir diesen Ort schön zu saufen.

Später suchen wir das durchsichtige Plastikgartenzelt auf. Bevor wir uns in die gemietete Bettwäsche verkriechen, richte ich noch ein Stechfliegenmassaker an. Die Tiere sind bei den niedrigen Temperaturen nicht sonderlich agil und ich töte sie alle. Es ist schon von Vorteil ein Warmblüter zu sein.

Dann lege ich mich weinschwer ins Bett. Die Wolken sind aufgerissen und der Mond bescheint die hässlichen Werbeflächen. Vor dem Einschlafen starre ich auf die skifahrenden Kleinkinder. Kleinkinder, die in dieser Grösse wie Monster wirken. Monster, die mich durch einen unruhigen Schlaf verfolgen. Ich träume von meiner Reklamation beim Abenteuercamp Braunwald und bei Geschenkparadies. Es sind Träume voller Konflikte und Auseinandersetzung. Als ich aufwache, bin ich sauer. Sauer auf die Leute, die mir mit gefakten Bildern viel Geld abgeknöpft haben. Sauer auf mich, weil ich mich habe reinlegen lassen. Ich muss dringend zu mehr Wohlwollen finden.

Das gelingt mir in dem Ausflugslokal an der Seilbahn. Hier wird nichts versprochen, was nicht eingehalten werden kann. Das Lokal sieht aus wie ein typisches schweizer Ausflugslokal. Und das Angebot und die Preise entsprechen dem eines typischen Ausflugslokals. Zu dem sind die Leute höflich und freundlich. Mehr erwarte ich von einem touristischen Angebot nicht. Man bekommt das, was versprochen wird und die Menschen sind nett zu einem.

Auch die Glarner Bergwelt zeigt sich heute freundlich. Es ist eine beeindruckende Bergkulisse. Das Läuten der vielen Kuhglocken vermittelt das Gefühl einer heilen Welt.

Ich beschliesse mich in den Hottube zu setzen, den ich vorgeheizt habe, ein Buch zu lesen und zwischen den Zeilen das Bergpanorama zu geniessen. Akustisch begleitet von den vielen Glöcklein, dem Säuseln des Windes, der über die Bergwiesen tanzt und dem Blubbern des Hottubes.

Ein wenig später sitzt meine Frau in einem Liegestuhl und ich habe es mir im Zuber bequem gemacht. Am Tag ist die Temperatur angenehm und auch mein Glied findet wieder zu einer Grösse, bei der man eine eindeutige Aussage zu meinem biologischen Geschlecht machen kann. Ich spüre ein Wohlgefühl.

Ich bin in letzter Zeit einfach nicht zum Lesen gekommen. Jetzt widme ich mich einem Buch mit dem Titel „Motorprosa – Geschichten aus der Kurve“. Es ist das Werk des motorradbegeisterten Bloggers Jürgen Theiner und handelt von den vielen Maschinen, die er mit Inbrunst die Berge rauf und runter getrieben hat. Das war sicher nicht ganz leise und ich bin froh hier im autofreien Braunwald keine Motorengeräusche zu vernehmen.

Die Ruhe des Morgens ist ein Genuss. Bis zu dem Moment als die Seilbahn mit ohrenbetäubendem Lärm anspringt. Wir sind nicht die einzigen, die die schöne Bergwelt geniessen wollen. Denn schon bald bevölkern Horden von Kindern den Spielplatz und eine Kakophonie von Stimmen erfüllt die Luft. Immer wieder durchdrungen mit Fetzen von Popmusik, die aus den Lautsprechern des Restaurants zu uns hinübergetragen werden. Das Ganze vermischt mit dem Quitschen und Dröhnen der Seilbahn. Unzählige Wanderer, Spaziergänger und andere Bergbegeisterte ergiessen sich aus den Gondeln und zeigen, dass Braunwald ein beliebtes Naherholungsgebiet ist.

Ich versuche mich auf mein Buch zu konzentrieren. Es gelingt mir nicht. Der Hauptgrund ist der Umstand, dass der Hottube direkt über einer Station des Zwerg-Bartel-Erlebnis-Pfades liegt. Immer wieder bleiben Familien stehen und beflissene Eltern lesen von dem dort angebrachten Schild eine Geschichte vor. Die lokale Märchenfigur scheint recht beliebt zu sein. Ich kann den Text bald auswendig und hätte gute Lust die Tafel abzumontieren. Aber die Kinder können nichts dafür, dass irgendwelche Deppen an diesem exponierten Ort eine Unterkunft errichtet haben.

Ich lege mein Buch beiseite und erhebe mich aus dem Hottube. Dann bleibe ich vor Schreck erstarrt stehen. Nackt wie Gott mich schuf und wie unzählige Mahlzeiten mich formten, stehe ich nun vor einer aufgebrachten Kinderschar.

Zwischen dem Hottube und dem Spielplatz existiert kein Sichtschutz. Das war mir bis jetzt nicht aufgefallen.

Ein kleiner Junge zeigt auf meine Lenden und sagt etwas zu seiner Mutter. Ich kann es nicht verstehen. Wahrscheinlich artikuliert er so etwas wie: „Guck mal Mama. Das sieht aus wie ein Penis – nur viel kleiner.“ Auch die Mutter schaut jetzt zu mir und in ihrer Mimik erkenne ich Empörung und Ekel.

Die Farbe meines Gesichtes wechselt zwischen hochrot und aschfahl. Nach einigen Schrecksekunden lasse ich mich wieder in den Hottube plumpsen. Wasser spritzt auf das Buch und ich denke: „Scheisse! Ich sitze in der Falle.“

Von oben brennt die Sonne erbarmungslos auf mein Haupt. Auch diesen Umstand hatte ich bis jetzt nicht realisiert. Ich gehe meine Optionen durch.

Das Handtuch liegt in diesem verdammten Gartenzelt und dient gerade unzähligen Fliegen als Kackfläche. Meine Frau hat sich vom Acker gemacht. Sie ist dem Trubel des Ortes entflohen, um in den Bergen Ruhe zu finden. Niemand kann mir das Handtuch bringen. Ausser einem Taschenbuch besitze ich nichts, um meine Blösse zu verdecken. Wenn ich jetzt aufstehe, gerate ich in den Verdacht ein pädophiler Exhibitionist zu sein. Entweder werden mich die Eltern dann lynchen oder die Glarner Kantonspolizei verhaftet mich. Als mutmasslicher Pädophiler würde ich auf diese Weise in irgendeinem Knast mit homoerotischen Gewaltexzessen in Berührung kommen. Ein solches Ferienerlebnis würde dann jenseits eines Erfahrungshorizontes liegen, den ich nie überschreiten will. Langsam wird mir klar, warum sich der Veranstalter Abenteuercamp Braunwald nennt. Ich schaue auf meinen Schritt. Mein Glied ist bei all diesen Gedanken wieder auf minimale Grösse geschrumpft. Und auch wenn dieses Format jetzt perfekt passen würden, beschliesse ich, dass mein bestes Stück nicht zu einem integralen Bestandteil des Zwerg-Bartel-Erlebnis-Pfades werden darf. Stoisch bleibe ich in dem Hottube sitzen und warte auf den Tod durch Hitzschlag. Oder auf den Umstand, dass mich meine Frau aus dieser misslichen Lage befreit. Die kommt aber nicht. Durst quält mich und während ich gestern noch in diesem Hottube gefroren habe, werde ich jetzt weichgekocht. Mein Schweiss vermengt sich mit dem Wasser. Ein Fettfilm schwimmt auf der Wasseroberfläche und die Regenbogenfarben glänzen in der Sonne. Mit dieser Brühe werde ich meinen quälenden Durst auf keinen Fall stillen. Soviel ist sicher. Wenn mich jetzt noch jemand retten kann, dann ist es der Buchautor, der mich spitzbübisch vom Cover anlächelt. Schnell erhebe ich mich aus dem Zuber, greife nach dem Buch und halte es vor meine Blösse. Dort sitzt Jürgen Theiner als Lichtgestalt im weissen Motorradcombi und mit einem weissen Helm. Er ist die letzte Bastion der Sittlichkeit zwischen meiner Nacktheit und der Kinderschar auf dem Spielplatz.

Benommen klettere ich aus dem Zuber und wanke zum transparenten Gartenzelt. Dort verscheuche ich die Fliegen und trockne mich ab. Wieder bekleidet suche ich die Hütte mit dem Gerümpelhaufen auf. Hier befindet sich ein Kühlschrank und eine kleine Kochstelle. Ich trinke erfrischendes Wasser und nehme das Ambiente in mich auf. Der Raum wirkt wie die Küche in einer heruntergekommenen Unterkunft für Wanderarbeiter. Lieblosigkeit scheint beim Abenteuercamp Braunwald ein Geschäftsprinzip zu sein. Ein weiteres Geschäftsprinzip ist es, mit wenig Aufwand und geringen Investitionen viel Geld zu machen. Die Übernachtung hier kostet soviel wie in einem guten Hotel. Dafür wird ein billiges Plastikzelt geboten. Sanitäre Einrichtungen gibt es keine. Man muss das Klo der Seilbahn benutzen oder darf dort eine kostpflichtige Dusche nehmen. Auf Service verzichten die Anbieter ganz. Alle Anleitungen und Informationen sind in einem dicken Nachschlagewerk zusammengefasst. Man braucht Stunden, wenn man das alles lesen wollte.

Nach dem Trinken meldet sich meine Blase und ich gehe zur Seilbahn, um meine Notdurft zu verrichten. Die Toiletten sehen aus, als hätte eine Gruppe schielender Jungs ein Wettpinkeln veranstaltet. Ich pfeife anerkennend durch die Zähne. Diese Burschen müssen während des Ausscheidungsvorgangs wahre Pioretten gedreht haben und mein ganzes Mitgefühl gilt dem Reinigungspersonal. Die kommen hier in regelmässigen Abständen. So beschliesse ich ihnen den Vortritt zu lassen und verlasse diesen Ort unverrichteter Dinge – vorerst.

Als ich zurück zu der Unterkunft komme, sitzt zwischen der Stuhlansammlung ein junges Pärchen. Sie wirken nicht sonderlich glücklich. Wahrscheinlich sind es auch Kunden des Geschenkparadises und haben ein Angebot des Abenteuercamp gebucht. Ich spreche sie an. Die junge Frau hat ihrem Mann einen Aufenthalt in der Panoramayurte geschenkt. Es klingt wie eine Entschuldigung, als sie das berichtet. Ich fühle Solidarität. Das mongolische Rundzelt steht etwas abseits und wirkt in den Glarner Alpen merkwürdig deplatziert.

Ich frage warum sie jetzt nicht das Panorama in der Yurte geniessen und statt dessen hier in diesem Freiluft-Stuhllager Zuflucht suchen. Ein Platz, wo man statt der Berge einen trostlosen Sichtschutz anstarren muss. Sie sagen, dass es in der Yurte unerträglich heiss ist und es davor keine Sitzgelegenheit gibt. Anscheinend hat der Anbieter aus Gründen der Gewinnmaximierung auf die Anschaffung von zwei Klappstühlen verzichtet. Und der Gewinn, den Abenteuercamp Braunwald macht, dürfte gewaltig sein, denn auch die Yurte ist nicht billig. Ich frage, ob die Beiden mit ihrer Wahl zufrieden sind. Die junge Frau schaut resigniert zur Seilbahn und meint, dass sie es sich romantischer vorgestellt hat. Irgendwie ruhiger und abgelegener. Reklamieren wollen sie aber nicht. Und darin glaube ich ein weiteres Geschäftsprinzip von Abenteuercamp Braunwald und Geschenkparadies.ch zu erkennen. Trotz des überteuerten Angebots und der Diskrepanz zwischen Beschreibung und Realität werden nur wenige Menschen reklamieren. Die Angebote sind ja Geschenke, die man von lieben Menschen bekommt und dort möchte man natürlich nicht rummeckern und so den Eindruck erwecken, dass die Sachen doch nicht so toll sind. Ausserdem: Einem geschwenkten Gaul schaut man nicht ins Maul.

Royal-Enfield-Sommer-Tour: Die zweite von 4 besonderen Unterkünften in der Schweiz

Bewertung

Meine Einschätzung zu Geschenkparadies.ch: Auf mich hat dieses Unternehmen keinen guten Eindruck gemacht.

Gültigkeit des Gutscheins: Die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Gültigkeit von Gutscheinen umgeht die Firma, in dem sie erklärt, dass ihre Gutscheine Ticketcharakter haben und deshalb nur für ein spezielles Event, ein bestimmtes Datum oder einen definierten Zeitraum einlösbar sind. In meinem Fall verkauft Geschenkparadies mehr „Tickets“, als eingelöst werden konnten. Durch den engen zeitlichen Rahmen bedeutet dieser Umstand administrativer Aufwand, Unsicherheit und Stress. Lese ich in den sozialen Medien, so bekomme ich den Eindruck, dass Geschenkparadies.ch nicht wenige Gutscheine verkauft, für die sie dann keine Gegenleistung erbringen muss.

Die Beschreibung des Reiseangebotes: Die Beschreibung des Angebotes wich in eklatanter Weise von dem ab, was wir vorgefunden haben. Die Bilder vermittelten keinen realistischen Eindruck und haben mich über den wahren Charakter des Reisearangements getäuscht.

Reklamation: Auf meine Reklamation reagierte Geschenkparadies.ch ungewöhnlich scharf. Auf die wesentlichen Reklamationsgründe wurde gar nicht eingegangen. Als Blogger wurde ich vom Geschäftsführer darauf hingewiesen, dass ein kritischer Beitrag über diese Angelegenheit juristische Folgen haben könne. Ein Schelm, der hier eine Drohung vermutet.

Geschenkgutscheine: Nach meinen Erfahrungen mit Geschenkparadies.ch werde ich auf das Verschenken von Gutscheinen verzichten. Stattdessen kann man ja den Link auf ein Event oder ein touristisches Angebot ausdrucken und in eine Glückwuschkarte legen. Zum Beispiel in Form eines QR Codes. Dazu verschenkt man dann Bargeld. Auf diese Weise gibt es keine Probleme mit der Gültigkeit des Gutscheins. Die Beschenkten haben keinen Ärger mit dem Anbieter und weniger administrativen Aufwand.

Meine Einschätzung zum Abenteuercamp Braunwald: Hoher Preis und wenig Leistung. Besonders stossend ist der Umstand, dass das, was in Bild und Text versprochen wird, vor Ort ganz anders wirkt. Ich habe selten ein touristisches Arrangement erlebt, das derart von Lieblosigkeit und Geschmacklosigkeit geprägt ist. Der Preis für das Ganze zeugt von einer unerhörten Dreistigkeit.

Auf mich macht das den Eindruck, als würden jugendliche Tourismus-Dilettanten das grosse Geld machen wollen. Und mit dem Grundsatz der Prospektwahrheit nehmen sie es dabei nicht so genau. Anscheinend sind die jungen Leute damit erfolgreich.

Infos zum Klausenpass

Der Klausenpass gehört zu den schönsten Motorradstrecken der Schweiz. Er liegt zentral und lässt sich gut in kleinere oder grössere Touren integrieren. Für klassische Motorräder oder Oldtimer ist der Klausenpass ein Muss. Nähere Informationen gibt es bei Motorrad und Touren.

Und so gut hatte es im Internet ausgesehen

Bildergalerie

Comments

    • Braunwald ist traumhaft schön, wenn man nicht gerade – wie ich – unter die «Räuber» gerät. Das war der bisher heftigste Reinfall, den ich in der Schweiz erlebt habe.

    • Der Begriff Nebenhölle trifft es ganz gut. Und ja, nachts ist es lausig kalt. Dafür wird man tagsüber in dem Ding weich gekocht. Mit diesen Eigenschaften ermöglicht die Plastikkonstruktion ein Erleben von klimatischen Extremen. Beim Hersteller gibt es keine Hinweise, dass er das Dings für Übernachtungen empfiehlt. Der weiss schon warum. 🙂

  1. Dass Ihr ein derartiges Fiasko erleben musstet, tut mir sehr leid. Aber… Wäre es Euch besser ergangen, säße ich da jetzt vermutlich nicht tränenüberstömt mit absoluter Schnapp-Atmung, denn irgendwie kann ich nicht anders, als mich köööstlich zu amüsieren. (Sorry!!!)

    PS:
    Danke – Dein Beitrag hat mir diesen – eigentlich mega-üblen –
    Tag erhellt! 😀

    • Vielen Dank deine schöne Rückmeldung. Ich freue mich, wenn ich ein wenig zur Erheiterung, an einem der nicht so optimalen Tag beigetragen habe. Gratulation zu deinem Blog. http://www.motorrado.de. Das mit den Motorradgaragen war interessant. Gestern Abend, als ich mich mit meiner Enfield über die Autobahn gefroren habe, musste ich an deinen Blog denken. 🥶 Den Beitrag über warme Winterklamoten sollte ich heute unbedingt lesen. 🙂

  2. Ja, lieber Rudi Rüpel, der Begriff „Braun“ ist eindeutig negativ belegt. Als hollywoodsozialisierter Mensch, habe ich mir da erstmal ein Wald voller Nazischurken in einem Indianer-Jones-Film vorgestellt. Aber diese Assoziation trügt. Braunwald ist eine echt schöne Gegend. Es ist ganz toll da, wenn man nicht gerade ein überteuertes Plastikzelt bucht. 🙂

  3. Hallo Thomas

    Ich seh schon, ein gesponserter Beitrag ist das nicht. 😀

    Es tut mir leid, dass Du so schmerzhaft erleben musstest, wie gross der Unterschied von Werbung und Realität sein kann.

    Allerdings freut es mich sehr, dass Du als Blogger die knallharte Wahrheit berichtest.
    Gerade wir Blogger haben die Pflicht zu berichten, wie etwas wirklich ist – und nicht wie es in der Fantasie sein könnte.

    Habe manchmal den Eindruck, dass bei den ’sponsored Posts› die Masslatte nach unten rutscht – zum Leidwesen der Leser, welche nach ehrliche Beiträge suchen.

    Ich drücke Dir die Daumen, dass Eure nächsten Ausflüge Euch dafür umso mehr entschädigen.

    Liebe Grüsse
    Dominique

    P.S.

    Berichte doch bitte, ob es noch Reaktionen von Geschenkparadies.ch oder vom Abenteuercamp Braunwald gab.

    • Hallo Dominique

      Es ist schön von dir zu lesen. Die ungeschönte Sicht ist auch eine Qualität, die ich bei deinem Blog schätze. Auf deine Tourenbeschreibungen ist immer Verlass.

      Die Reaktion der Anbieter wird kommen, wenn ich mir jetzt die Zeit nehme und sie auf Google bewerte.

      Ich halte dich auf dem Laufenden.

      Liebe Grüsse
      Thomas

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