Ich bin OK, du bist OK und der Fisch geht KO

Weinselige Selbstgespräche mit einem Fischkopf und ein kurzer Diskurs zu den wichtigsten tierethischen Positionen.
Der Fischkopf schaut mich vorwurfsvoll an. Er hat auch allen Grund dazu. Denn unterhalb des Kopfes ist von dem Tier nicht mehr viel übrig. Das Rückgrat und die Gräten vermitteln einen trostlosen Eindruck. Hier und da kleben ein paar Hautfetzen am Teller. Nur die Schwanzflosse erinnert an lebendigere Tage. Der Rest vom Fisch wird gerade in meinen Gedärmen metabolisiert.
Dort wird er dann zu einem Teil von mir. Eine schöne Vorstellung. Wenn da nicht diese verdammten Purine wären. Die treiben jetzt meinen Harnsäurespiegel in lichte Höhen, und das werde ich dann als schmerzhafte Gicht spüren. Es ist die letzte Rache der Forelle.
Vegetarisch leben ist halt nicht nur ethisch besser. Es wäre auch der Gesundheit förderlich.

Ich schaue in mein Glas Weisswein und erkenne, dass alles was Spass macht der Gesundheit abträglich ist: Der Fisch, der Wein und die fettigen Bratkartoffeln. In Vino veritas – manchmal liegt im Wein mehr Wahrheit als mir lieb ist.
Also wende ich mich vom Wein ab und lächele den Fischkopf an. Der erwidert meine Freundlichkeit nicht. Und irgendwie war das ja auch zu erwarten. Selbst zu Lebzeiten hätte der Fisch mein Lächeln kommunikativ nicht einordnen können. Fische und Menschen sind halt sehr unterschiedliche Lebensformen.
Trotz aller Unterschiede tut mir der Fisch leid und vom übermässigen Weingenuss rührselig geworden, murmele ich so etwas wie eine Entschuldigung. Die wirkt fadenscheinig, und folgerichtig schaut der Fisch genauso vorwurfsvoll wie bisher. Meine versöhnliche Geste trägt auch nicht zur Linderung des eigenen schlechten Gewissens bei.

Mir wird schlagartig klar, was ich an Fischstäbchen so schätze. Deren Blicke erzeugen kein schlechtes Gewissen. Das Drama überfischter Weltmeere und der grausame Erstickungstod unzähliger Meeresbewohner wird hier mit knusprigen Rechtecken kaschiert.
Ich nehme noch einen tiefen Schluck vom Weisswein und stelle dem Fisch die Gretchenfrage: „War es moralisch vertretbar, dass ich dich gefangen, getötet und gegessen habe?“
Mittlerweile wabert in mir ein Alkoholspiegel, bei dem auch tote Fischköpfe antworten. Aber diese Forelle bleibt stumm.
Ich versuche mich in die Gefühlswelt der Fische hineinzuversetzen, was mir trotz des exzellenten Weissweins nicht gelingt. Fische sind für mich wie Aliens. Ich weiss nicht, was und wie sie empfinden. Und warum sollte mich das auch interessieren?

Zuerst war der Fisch für mich ein Nutztier, dann Nahrung und jetzt ein gesundheitliches Problem. Im Grunde kann mir die Befindlichkeit der Forelle egal sein. Trotzdem bleibt ein Rest Unbehagen. Immerhin ist ein Lebewesen zu Tode gekommen. Und das ziemlich unschön.
Also rülpse ich dezent und versuche mir anstelle des Fisches zu antworten: „All die Jahre habe ich gefressen, um mein Muskelfleisch aufzubauen. Und dann kommst du, tötest mich und eignest dir mit ein paar Bissen meine mühsame Arbeit an. Immerhin habe ich dabei keine Schmerzen gespürt. Auf jeden Fall nicht so wie ihr Menschen das tut. In meinem Gehirn fehlt der Teil, der für das Schmerzempfinden zuständig ist. Auch Rezeptoren, die den Schmerzreiz aufnehmen, sind in meinem Körper selten. Als du mich an einem Haken aus meinem Lebensraum gezerrt hast, war das trotzdem der totale Stress. Ein Gefühl, das so ganz anders ist als beim Homo sapiens. Ihr werdet es nie nachempfinden können. Nur so viel will ich aber vertraten: Schön war es nicht.“
Ich proste dem Fischkopf zu und gratuliere mir zu diesem emphatischen Statement. Es beantwortet aber nicht meine Frage: Habe ich nun moralisch schlecht gehandelt oder nicht?
Grundsätzlich sind ja die Jagd und das Angeln ein grosses Glück für die Menschheit. Denn erst durch das Jagen und Essen von Tieren sind wir Menschen zu dem geworden, was wir heute sind. Also zu vernunftbegabten Säugetieren. Wesen, die zu komplexem Denken fähig sind.

Als wir noch Pflanzen- und Assfresser waren, hatte unser Hirn die Grösse einer Orange. Mit den Herausforderungen der Jagd und der gesteigerten Proteinzufuhr wuchs es dann auf die Grösse eines Kohlkopfes. Ein Kohlkopf, mit dem wir ein höheres Bewusstsein entwickelt haben.
Im Grunde bedeutet das, dass alle menschlichen Innovationen nur dank dem Töten und Essen von Tieren möglich wurden. Wäre der Mensch Vegetarier geblieben, hätte er nie das Motorrad erfunden. Wir würden heute grenzdebil im Grass sitzen, Blätter kauen und Grunzlaute von uns geben.
Aber jetzt ist das Motorrad erfunden und der Mensch forscht und erfindet immer weiter. Dank seinem höheren Bewusstsein ist er auf dem besten Weg, eine gigantische Katastrophe zu verursachen. Der Mensch vernichtet ganze Ökosysteme und verursacht ein Artensterben von monströsem Ausmass. Wir breiten uns immer weiter aus und andere Lebensformen verdrängen wir dabei.
Von allen Säugetieren auf dieser Welt machen wir Menschen mittlerweile 36 % aus. Weitere 60 % sind unsere Nutztiere und der klägliche Rest, läppische 14 % sind Wildtiere.

Und die werden immer weniger. Auch die Artenvielfalt bei Fischen, Vögeln und Insekten nimmt dramatisch ab. Im Pflanzenreich sieht es auch nicht besser aus.
Alle reden vom Klimawandel. Aber das Artensterben ist ein ebenso grosses Problem. Ein Problem, das menschengemacht ist und das wir relativ elegant lösen könnten. Denn eine weitgehend vegetarische Lebensweise würde die Sache massiv entschärfen.
Auf der anderen Seite kann es uns doch egal sein, ob Arten sterben. Immerhin ist es nicht das erste Artenmassensterben in der Geschichte des terrestrischen Lebens. In den letzten 541 Millionen Jahren hat es ganze fünf davon gegeben.
Und was juckt es uns, ob es nun Walfische gibt oder nicht. Lecker waren die sowieso nie.

Wir Menschen sind Teil der Natur und die Entwicklung von Bewusstsein ist ein universelles Prinzip der Evolution. In letzter Konsequenz also auch das Ausrotten ganzer Arten dank diesem Bewusstsein.
Die Natur wird die Katastrophe Mensch genauso locker wegstecken wie alle anderen Katastrophen. Und wenn nicht, dann ist halt etwas früher Schicht im Schacht.
Irgendwann wird die Erde sowieso von der Sonne verbrannt. Dann werden die Grundbausteine des Lebens durchs All fliegen und irgendwo anders eine habitate Zone finden. Dort regnen sie nieder und so kann sich erneut kohlenstoffbasiertes Leben entwickeln.

Der Schutz der Arten und der Umwelt ist nur aus einem Grund von Bedeutung. Und diese Bedeutung betrifft uns Menschen. Es betrifft unseren Wunsch nach einem lebenswerten Leben. Denn all diese Tier- und Pflanzenarten, deren Existenz wir bedrohen, sind Teil funktionierender Ökosysteme und wir wissen nicht, was passiert, wenn diese Ökosysteme zusammenbrechen. Vielleicht steht sogar das Überleben unserer Art auf dem Spiel. Und wenn nicht, dann sprechen ein Haufen emotionaler und ästhetischer Gründe dafür, unsere Natur vor uns selbst zu schützen.
In Europa gehen ein Drittel der konsumbedingten Umweltbelastungen auf das Konto unseres Essens. Und die Produktion von tierischen Erzeugnissen hat hier den Hauptanteil. Aufgrund dieser Ausgangslage kann man sagen, dass eine nicht vegetarische Lebensweise moralisch verwerflich ist.
Ob es auch die Tötung des Fisches war, hängt von der tierethischen Sichtweise ab.
Ich schaue mir den Weinpegel in der Flasche an. Dort erkenne ich, dass jetzt genau der richtige Zeitpunkt für philosophische Betrachtungen ist. Die sind nämlich derart komplex, dass ich dazu auch im nüchternen Zustand nicht in der Lage bin. Angeheitert stört mich dieser Umstand aber weniger. Also gehe ich, frisch von der Leber, ans Werk.

Im Kontext Natur, Tiere und Ethik gibt es unterschiedliche Positionen, und alle sind irgendwie problematisch oder gedanklich nicht ausgereift.
Im Anthropozentrismus steht nur das Wohlergehen des Menschen im Zentrum. Es ist sozusagen Artenchauvinismus pur.
Beim Pathozentrismus wird das Leid und das Wohlergehen aller empfindungsfähigen Lebewesen berücksichtigt. Das ist schlecht für die Forellen. Denn über deren Schmerzerleben wissen wir einfach zu wenig, um sie zu schützen.
Die Anhängerinnen und Anhänger des Biozentrismus finden alles Leben schützenswert. Und beim Holismus haben nicht nur Lebewesen einen moralischen Wert. Hier es geht um alles, was es auf der Welt gibt. Belebtes und unbelebtes, ja ganzen Landschaften und Ökosysteme sollen wir um ihrer selbst willen moralisch verpflichtet sein.
Konsequenterweise wäre dann auch das Coronavirus eine schützenswerte Lebensform und das ist mir ehrlich gesagt zu abgedreht.

Irgendwie bringen mich diese Positionen nicht weiter. Also gönne ich mir mehr Wein und wende mich den grossen Philosophen zu.
Beim alten Kant waren die philosophischen Sichtweisen noch überschaubar. Und wenn ich Fleisch esse, werde ich nicht müde, den grossen Denker zu zitieren:
„Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Das Wiener Schnitzel vor mir und das moralische Gesetz in mir.“
Ok, ich zitiere hier nicht ganz korrekt. Kant sprach glaube ich vom Sternenhimmel. Aber ansonsten hatte er eine klare Position.
Emanuel Kant meinte, dass nur die Vernunft als absoluter Wert zählt. Und in Sachen Vernunft kann kein Lebewesen dem Menschen das Wasser reichen. Also hat der Homo sapiens moralische Rechte und die Tiere und die Natur haben das nicht. Tier- und Naturschutz sind moralisch nur dann sinnvoll, wenn sie der Menschheit dienen.

Ja, und dann kam Arthur Schopenhauer und hat die Sache kompliziert gemacht. Er meinte, dass die Fähigkeit zum Mitleid die Basis allen moralischen Denkens ist. Und wenn ein Tier leidet, dann müssen wir hier empathisch sein.
In letzter Konsequenz könnte das bedeuten, dass die Nutzung und das Essen von Tieren moralisch verwerflich wären.
Schopenhauer gilt als Vordenker der Tierethik. Allerdings sagte er auch: „Moral predigen ist leicht, sie begründen hingegen schwer.“ Und hier liegt das ethische Problem. Ähnlich wie das meiner Weinflasche. Die ist nämlich leer.

Angeheitert und fest entschlossen, meine moralischen Bedenken wegzusaufen, mache ich eine zweite Flasche auf. Die widme ich dem Philosophen Peter Singer. Feierlich nehme ich mir vor, sie auf sein Wohl zu trinken.
Singer ist Australier und, wie bei seinen Landsleuten üblich, ein eher praktischer Denker. Er hält sich erst gar nicht mit der Frage auf, was um seiner selbst willen ethisch geschützt werden soll und was nicht. Kants Vernunft und Schopenhauers Mitleid sind ihm Wurst. Peter Singer behauptet einfach, dass alles Leben mehr oder minder bewusst Interessen verfolgt und dass der Mensch diesen Interessen moralisch verpflichtet ist.
In dem Fall hatte die Forelle ein vitales Interesse, nicht gefressen zu werden. Ein Interesse, das mit meinem nicht vereinbar war. Ich habe sie gefangen und verspeist.
In der Tradition des angelsächsischen Utilitarismus empfiehlt Singer hier, über den Daumen zu kalkulieren und die Interessen des Fisches gegen meine aufzurechnen. Wer am Ende mehr Pluspunkte bekommt, hat moralisch gewonnen.
Ich liebe diese utilitaristischen Milchmädchenrechnungen. Denn zum einen, vergisst man immer ein paar Zusammenhänge mit einzubeziehen, und zum anderen sind die Werte, mit denen man rechnet, willkürlich festzulegen.

Ich schenke mir Wein ein, nehme Stift und Papier und bereite mich auf die grosse Peter-Singer-Moral-Rechnung vor.
Vom Wein beschwingt stimme ich die Internationale an. Eine eingängige Melodie. Nur den Text ändere ich leicht: „Steht auf Forellen dieser Erde, auf zum letzten Gefecht, der Utilitarismus erkämpft des Fisches Recht.“
Der Rest vom Text wird immer abstruser und mein Singen immer schräger.
Dafür kriege ich eine gerade Rechnung hin. Als Wert gebe ich existenziellen Faktoren 10 Punkte und nicht existenziellen Faktoren 1 Punkt.
Und schon habe ich sie: Die Peter-Singer-Moral-Rechnung für eine namenlose Forelle. Auf den Prüfstein stehen zunächst alle negativen Auswirkungen meines Angelausflugs mit dem Motorrad.
Lebenswille der Forelle:
- Existenzieller Wert 10 Punkte
Eine nichtvegetarische Lebensweise und dadurch die Reduktion der Artenvielfalt:
- Existenzieller Wert 10 Punkte
Von meiner Anwesenheit genervte Anwohner am Angelgewässer:
- Nichtexistenzieller Wert 1 Punkt
Von meinem Handeln genervte Tierschützer:
- Nichtexistenzieller Wert 1 Punkt
Insekten, die nach dem Angelausflug tot an meinem Motorradhelm kleben:
- Existenzieller Wert 10 Punkte
Bienenmaden, die ich an einem Hacken aufspiesse, um die Forellen zu ködern:
- Existenzieller Wert 10 Punkte
Umweltverschmutzung und Energieverschwendung durch die An- und Abreise mit dem Motorrad:
- Nichtexistenzieller Wert 1 Punkt
Die Verschmutzung der Küche und den Ärger der Frau, die die Sauerei wegmachen muss:
- Nichtexistenzieller Wert 1 Punkt
Den Ärger der Fischindustrie, die nicht an mir verdienen konnte, weil ich meine Fische selbst fange:
- Nichtexistenzieller Wert 1 Punkt
Das wären 45 Punkte, die gegen das Angeln sprechen würden.

Demgegenüber stehen die positiven Auswirkungen meines Motorrad-Angelausflugs.
Meine Freude am Angeln:
- Nichtexistenzieller Wert 1 Punkt
Meine Lust am Fischessen:
- Nichtexistenzieller Wert 1 Punkt
Meine Freude, auf dem Motorrad zu sitzen und zum Angeln zu fahren:
- Nichtexistenzieller Wert 1 Punkt
Meine Freude, den Fisch zuzubereiten:
- Nichtexistenzieller Wert 1 Punkt
Die vielen kleinen Fische, die jetzt nicht mehr von dieser Forelle gefressen werden:
- Existenzieller Wert 10 Punkte
Die vielen Insekten, die jetzt nicht mehr von dieser Forelle gefressen werden:
- Existenzieller Wert 10 Punkte
Die Freude der Leute, die mir das Patent und das Angelequipment verkauft haben:
- Nichtexistenzieller Wert 1 Punkt
Die Freude der Leute, die mir das Benzin für die An- und Abreise verkauft haben:
- Nichtexistenzieller Wert 1 Punkt
Die Nachbarskatze, die sich über den Fischkopf freuen darf:
- Nichtexistenzieller Wert 1 Punkt
Die Fischindustrie, deren umweltzerstörendes Handeln ich nicht unterstützt habe. Und das, weil ich meine Fische selbst fange:
- Existenzieller Wert 10 Punkte
Das wären 37 Punkte, die für das Angeln und die Tötung des Fisches stehen.
Summa summarum hat die Forelle mit 8 Punkten moralisch gewonnen.

Das ist ein klarer Sieg. Ein Grund, dem Fisch in Würde zu gedenken. Und ein Grund, mein moralisch verwerfliches Handeln zu bereuen.
So trinke ich den letzten Wein und stelle den Sonos-Player auf volle Kanne. Dann lasse ich Bachs Matthäus-Passion durch den Raum donnern. Der Choral „O Mensch, bewein‘ dein‘ Sünde gross.“ hat etwas Ergreifendes. Und sogar der Fischkopf scheint mitzuwippen. Oder bin ich vom Wein am wanken?
Ich blicke auf und versuche den Menschen vor mir zu fixieren. Es ist meine beste Freundin. Mit ihr wohne ich zusammen.
Sie trägt Nachthemd und Morgenmantel, wirkt verschlafen und scheint von der Musik alles andere als ergriffen.
„Mach das leiser. Es ist mitten in der Nacht.“
Ich kämpfe gegen einen Schluckauf. Dann versuche ich eine Antwort zu formulieren, und nach etwas Konzentration gelingt mir eine eloquente Erwiderung.
„Hicks! Schon so spät? Kinder wie die Zeit vergeht.“
Meine beste Freundin zieht der Sonos-Box den Stecker und eine unangenehme Stille legt sich über den Raum. Eine Stille, die sich mit ihrem bösen Blick zu einem Vorwurf verdichtet.
Um von dem Abzulenken, setzte ich auf unverfängliches Plaudern.
„Ich habe so angeregt mit dem Fischkopf diskutiert, dass ich gar nicht gemerkt hab, dass du ins Bett gegangen bist.“
Den zugegebenermassen sehr männlichen Scherz unterstreiche ich mit herzhaftem Rülpsen. Aber trotz aller Männlichkeit bin ich ein zutiefst empathischer und sensibler Mensch. Und so merke ich sofort, dass meine Freundin diese Bemühungen um Konversation nicht witzig findet. Schnell versuche ich die Kurve zu kriegen und lenke auf ein ganz anderes Thema.
„Weisst du … Hicks! … dass in unserem Wohnzimmer das Gesamtwerk von Arthur Schopenhauer steht? Viermal habe ich es versucht zu lesen … Hicks! … und viermal bin ich auf den ersten Seiten fulminant gescheitert! Hicks! Und doch kenne ich Schopenhauers Position. Und weisst du auch warum?“
Die Antwort meiner Freundin hat nur bedingt etwas mit meiner Frage zu tun.
„Du bist ja betrunken.“
„Ja … das auch. Hicks! Aber zurück zu Schopenhauer. Alles, was ich über diesen Mann weiss, habe ich mir im Internet zusammengelesen.“
Ich furze laut und eindringlich. Dabei ignoriere ich den angewiderten Blick meiner Freundin. Stattdessen fahre ich fort.
„Ich kann jetzt so tun als wüsste ich etwas über Schopenhauer, ohne wirklich viel zu wissen. Und das hat enorme Vorteile. Und weisst du auch wieso?“
Meine Freundin antwortet nicht. In ihrem Gesichtsausdruck sehe ich erst Ärger und dann Unverständnis. Wahnsinn, was wir Menschen mit ein paar Muskeln kommunikativ so hinkriegen. Forellen können da echt nicht mithalten.
„Weil, wenn ich … Hicks! … mehr über Schopenhauers Positionen wüsste, würde mich das nur beunruhigen. Hicks! Aber sein ungelesenes Gesamtwerk hat etwas wirklich Beruhigendes. Hicks! Und die Buchrücken strahlen so eine nette bildungsbürgerliche Gemütlichkeit aus. Hicks! Man kann davorsitzen, unbeschwert Fleisch und Fisch essen und die Worte bleiben schön im Bücherregal gefangen.“
Ich lächele meine Freundin an und spüre eine plötzliche Übelkeit. Um nicht auf den Esstisch zu kotzen, wanke ich zum Klo. Ich erreiche es nur dank ihrer tatkräftigen Unterstützung.

An den Rest des Abends kann ich mich dann nicht mehr so erinnern. Aber irgendwie muss ich ins Bett gekommen sein.
Am nächsten Morgen ist das Erwachen die Hölle.
In meinem Schädel scheint sich eine Kreissäge direkt durch mein Grosshirn zu fräsen.
Die Zähne schmerzen und der Geschmack in meinem Mund ist fürchterlich.
Meine Gelenke werden von der Gicht geplagt und meine beste Freundin wirkt ziemlich sauer. Irgendwie müssen die ethischen Betrachtungen aus dem Ruder gelaufen sein.
Meine elende Gesamtverfassung legen drei gute Vorsätze nah:
- Keine Alkoholexzesse mehr
- Weniger tierische Nahrung
- Finger weg von tiefsinnigen Betrachtungen
Für Ersteres bin ich definitiv zu alt. Alkohol im Übermass überfordert meine körperlichen Fähigkeiten und tut der Gesundheit nicht gut.
Das Zweite tut meiner Gesundheit ebenfalls nicht gut. Zudem ist es schlecht für die Umwelt. Weniger Fleisch und mehr Gemüse werden mich definitiv zu einem besseren Menschen machen.
Und Letzteres? Ethische Gedankenexperimente überfordern meine geistigen Fähigkeiten. Ich sollte mich langsam damit abfinden, dass mir ein tieferes Verständnis dieser Welt auf ewig verborgen bleibt.
Aber wie soll ich mit dieser deprimierenden Erkenntnis umgehen? Ein Mangel an Verständnis macht nur dann Spass, wenn man das Defizit selbst nicht bemerkt. Und wie soll ich nun auf die verschiedenen tierethischen Positionen reagieren?
Am besten mache ich es wie immer im Leben. Ich ignoriere meine Defizite. Sobald der Restalkohol meinen Körper verlassen hat, setze ich mich aufs Motorrad und starte zu einer kleinen Tour. Das belastet zwar auch die Umwelt, lenkt aber ab. Und es befreit den Kopf von nicht bewältigbaren Gedanken.
Und was die tierethischen Positionen anbelangt, da ist die Transaktionsanalyse ein wunderbares Allheilmittel. Sollte mir ein Tierschützer wegen meiner Angelleidenschaft ans Bein pissen, setzte ich auf eine bewährte Formel:
Ich bin OK, du bist OK und der Fisch, der ist nun halt KO.
Vielleicht kann ich ja auf dieser Basis auch das Wohlwollen meiner besten Freundin wiedererlangen.
Und so begegne ich ihr, trotz meines desolaten Allgemeinzustandes, mit einem gewinnenden Lächeln. Den erbärmlichen Mundgeruch kann ich leider nicht kaschieren.
Ich bedanke mich artig, dass sie die Küche aufgeräumt hat. Dabei erwähne ich lobend, dass sie auch mein Erbrochenes auf dem Klo entfernen konnte.
Reumütig gestehe ich, dass mein Alkoholexzess jetzt nicht so optimal war. Zu meiner Verteidigung weise ich darauf hin, dass es sich bei diesem Ausrutscher um einen einmaligen Vorfall handelt.
„Aber so ist das Leben halt“, philosophiere ich mit grosser Geste. „Manchmal entwickeln sich die Dinge nicht so wie sie sollten. Wichtig sei doch nur ein Grundsatz: Ich bin OK, du bist OK …“
Weiter komme ich nicht. Dem Donnerwetter, das nun über mich hereinbricht, bin ich nicht gewachsen. Also lass ich es über mich ergehen.
Das Frauen auch so empfindlich sein müssen. Irgendwie sind mir da die stummen Vorwürfe von angenagten Fischköpfen lieber. Auf der anderen Seite helfen einem die Fischköpfe nicht, wenn man sich auf der Toilette übergeben muss. Und letztendlich ist die Kommunikation mit lebendigen Frauenköpfen weitaus ergiebiger.

Nachtrag
Weniger Fisch und Fleisch bedeutet weniger kulinarischen Fun, dafür aber einen Beitrag zum Erhalt der Natur und gegen das Artensterben. Und wie kompensiert man das kulinarische Fundefizit am besten? Ich bevorzuge gute Filme, gute Bücher, gute Musik und das Motorradfahren.
Leider mache ich mich mit Letzterem auch zum Klimakiller und somit zum Tiermörder und Artenvernichter. Aber darüber denke ich jetzt nicht nach. Alles hat seine Grenzen – auch die Ethik!
Lieber Thomas! Was hast Du mal wieder für eine geistige Herausforderung geschaffen! In einem Beitrag alle bedeutenden Philosophen mit ihrer Meinung zu Deinem Fisch zu kontaktieren!! Wie hast Du das nur hinbekommen? 😅 Aber Du bist eben auf diesem Gebiet ein Ausnahmetalent! Zu Recht reihst Du Dich also mit Deinem Konterfei problemlos in die Staffel der großen Denker ein! (Und als großer Denker kamst Du ja schon bei meinen «Motorradhelden» rüber!)
Die Beschreibung Deiner gedanklichen Ergüsse beim nicht zu knapp eingeschenkten Wein war genial! Da wir Dich inzwischen persönlich kennenlernen durften, lief diese Vorstellung kinoreif vor meinen Augen ab!
Die ersteren Gedanken um die Ernährungssituation auf der immer volleren Welt im vermeintlichen Widerspruch zu den körperlichen Genüssen sind äußerst aktuell. Mal sehen, was in dieser Hinsicht die Zukunft bringt. Zu unseren Lebzeiten werde ich allerdings auf Genüsse (wohl dosiert, da sonst inflationär) nicht verzichten wollen!
In diesem Sinne «Prost» und «guten Appetit»!
Liebe Ulla
Dank für deine schöne Rückmeldung. Mich in bei den grossen Denkern einzureihen ist nichts weiter als ein Anfall von Hybris. Man gönnt seinem sich ja sonst nichts. Ausser natürlich Wein und Fisch. 🙂 Letzteres wohldossiert zu konsumieren ist eine gute Entscheidung. Denn, wie sagte schon Paracelsus, die Dosis macht die Gicht. 🤔 Oder so ähnlich. Gerne denke ich an den Besuch bei euch zurück und den Wein und die Leckereien, die ich bei euch geniessen durfte.
Herzliche Grüsse Thomas
Oje, so tiefsinnige Gedanken! Da hat der Alkohol ja was ausgelöst. Ich bin in der Frage der Tierethik ja immer für einen Mittelweg. Man muss ja nicht gleich auf alles verzichten, was fragwürdig ist, aber «etwas weniger Fleischkonsum» geht in die richtige Richtung.
Ein indischer Freund hat mir einmal erklärt, warum es in Indien so viele Vegetarier gibt: Die müssen die Tiere selber fangen, töten, ausnehmen, zerlegen und zubereiten. Da überlegt man sich bald, ob man nicht mit Gemüse und Reis besser fährt. Ach ja, und die Religion hilft natürlich auch beim Vegetarismus: Wenn du damit rechnen musst, dass du als Tier wiedergeboren wirst, ist es eine kluge Strategie, auf Fleisch zu verzichten.
Viele Grüße vom SinnlosReisenden
Ja, vor den Gefahren von Ethik und Alkohol – vor allem in Kombination – kann man gar nicht oft genug warnen.
Du machst mir mit dem Hinweis auf Wiedergeburt und Karma Angst. Ich hege die Hoffnung, dass ich da drum herum komme. Wenn nicht, und mich die Gerechtigkeit fernöstlichen Glaubens treffen sollte, steht es übel um mich. Leben um Leben würde ich als Insekt fristen, in ständiger Angst vor Killerwindschutzscheiben und Mörderscheinwerfern, die mich irgendwann treffen und in den Kreislauf der Wiederkehrenden werfen würde. Dann kämmen all die Leben als Fisch, der gefangen und verspeist wird und dann noch die Leben als Schwein und Rind, deren Schicksal es ist, als Currywurst zu enden: Zerhackt und in den eigenen Darm gepresst. Irgendwie spendet da das Fegefeuer der Katholischen Kirche mehr Trost.
Herzliche Grüsse
Hey Thomas,
danke für Deinen lesenswerten Beitrag.
Frag mal eine Bärin wie sie sich so ernährt und ob sie sich ein Problem macht weil sie gerne Lachs isst und manchmal sogar den Luxus genießt nur den Rogen zu verspeisen.
Ich persönlich lehne im Bereich meiner Ernährung sämtliche Vordenker und Dogmatiker ab, ich brauche sie nicht, seit meiner Kindheit höre einfach auf meinen Körper und gebe ihm wonach er verlangt. Sämtliche Warnungen daß dieses und jenes ungesund sind erreichen mich nicht. Am ungeSÜNDEsten ist es garnichts zu essen.
Sünde? Hach herrje Thomas, bitte frag die Bärin welche Religion sie ausübt.
LIEBEn Gruß
rudi rüpel
Lieber RudiRüpel
Danke für deinen Kommentar. Ich freue mich von dir zu lesen. Hier ein paar kontroverse Gedanken dazu.
Es gibt Bären, die würden behaupten, dass Wanderer extrem lecker sind, insbesondere wenn sie sich während der Mahlzeit noch wehren. Und du hast recht, dass man das dem Bären nicht übel nehmen darf. Der Bär ist – es sei ihm gegönnt – ein moralisches Objekt. Er darf Moral für sich beanspruchen, muss aber nicht moralisch Handeln. Denn er weiss ja nicht, dass das Verspeissen von Wanderern ethisch verwerflich ist. Der Bär kann aufgrund seines Mangels an Bewusstsein und Interlekt keine Verantwortung für sein Handeln übernehmen. Wir hingegen sind moralische Subjekte. Das heisst, dass wir – dank unserem genialen Grosshirn – reflektieren können, was wir tun. Entsprechend müssen wir für unser Handeln Verantwortung übernehmen. Das ist zum einen doof, weil wir ethisch abwägen müssen ob es moralisch OK ist, wenn wir ein Lebewesen verspeisen. Auf der anderen Seite essen wir nicht nach Schweiss stinkende Wanderer und das noch dazu roh und ungewaschenen, garniert mit hässlicher Funktionskleidung. Wir können unsere Nahrungsmittel gezielter aussuchen und vor es dem Essen raffiniert und schmackhaft zubereiten. In ethischen Ernährungsfragen ist es keine gute Idee beim Bären Rat zu suchen. Finde ich zumindest.
Darum, dass du beim Essen auf deinen Körper hören kannst, beneide ich dich. Wenn ich auf meinen Körper höre, dann sagt der mir, dass ich reichlich Industriezucker essen soll und das viel Fett in Kombination mit Kohlenhydraten eine super Idee ist. Und wennn ich auf diese Ratschläge höre, behaupt mein Körper im Nachhinein etwas anderes. Mir bleibt also nichts anders übrig, als Bären und meinen Körper als Ratgeber zu ignorieren. Wohl oder übel muss ich auf meinen Verstand setzen. Naja, mit dem ist es auch nicht immer so weit her. In einer Sache sind wir hier aber einer Meinung: Dokmatiker behagen mir ebensowenig.
Ob da Bären der gleichen Meinung sind, wage ich allerdings zu bezweifeln. Ich glaube die essen dogmatische Wanderer genauso gern, wie naturliebende Freigeister.
Herzliche Grüsse aus der Schweiz 🇨🇭
Thomas
Thomaaaaas,
nein was habe ich gelacht! Du hast so einen wunderbaren Humor.
LIEBEn Gruß
rudi