Mit der Royal Enfield in den Puff fahren

Der Begriff Puff bezeichnet in der Schweiz Chaos und Unordnung. In Deutschland hingegen ist mit dem Wort ein Bordell gemeint. Und genau in diesem Sinne wird der Begriff Puff in diesem Text verwendet.

Ja, es gibt so Tage. Tage, an denen man Stress mit der Ehefrau hat und einfach nur ausbrechen will.

Und so ein Tag ist heute. Ich fliehe vor einer konstruktiven ehelichen Auseinandersetzung, da mir so gar nicht nach konstruktiven Konfliktmanagement ist. Und das hat zwei Gründe. Zum einen, weil mich meine Emotionen gerade auf Krawall bürsten, zum anderen, weil mir meine Ehefrau immer dann überlegen ist, wenn man mit einer Situation konstruktiv umgehen muss. Das liegt daran, dass meine Frau in Sachen Gesprächsführung geschult ist. Und grundsätzlich ist das ja nicht schlecht.

Ich hatte schon häufiger Streitgespräche mit Menschen, die in dieser Kampfdisziplin über beachtliches KnowHow verfügen. Das schöne ist, dass solche Menschen all die Tricks und Kniffe der Argumentation kennen und man sie so lange provozieren kann, bis sie der Versuchung erlegen, ihr Wissen und Können in unlauterer und unfairer Art einzusetzen. Dann geht man mit ihnen auf eine Metaebene und führt ihnen ihre eigenen rhetorischen Tricksereien vor Augen. Mit tadelnden Unterton äussert man jetzt die Erwartung, dass das Gespräch ab nun sachbezogen, respektvoll und ergebnisoffen geführt werde solle. Abschliessend wird man mit einem versöhnlichen Lächeln verkünden, dass man sich keine Rechthaberei, sondern das aufrichtige Interesse an der Meinung des anderen wünsche. In diesem Moment hat man sein Gegenüber endlich an den Eiern gepackt und kann nach Herzenslust zudrücken.

Meine Ehefrau hat Eier aus Stahl und das ist nicht das einzige Problem beim Zudrücken. Diese Eier sind nur im übertragenen Sinne da. Greift man danach, packt man voll ins Leere. In ihrer Art zu Diskutieren ist sie integer bis ins Mark. Meine Argumente glitschen an ihren sauberen Ich-Botschaften ab. Sie ist wie ein Aal – einfach nicht zu fassen. Und selbst mit all meiner kommunikativen Hinterlist ziehe ich immer den Kürzeren. Darauf habe ich keine Lust. Nicht jetzt! Ich will mir das nicht antun. Ich will mich nur ein bisschen vergnügen und den Beziehungsstress verdrängen. Also schwinge ich meinen Hintern in den Sattel der Royal Enfield und fahre in den Puff. Nicht in irgendein Bordell, sondern in den Forellenpuff.

Ich mag jetzt nicht die unappetitlichen Bilder visualisieren, die in den Köpfen der phantasiebegabten, aber sachunkundigen Lesenden umher spuken. Deshalb will ich zuerst mit ein paar sodomistischen Vorurteilen aufräumen. Klar, der Besuch in einem Forellenpuff hat etwas Unsittliches. Es ist auch nicht schön, dass die Tiere hier gezwungen werden ihren Körper für Geld zu verkaufen. Und natürlich bekommt das Geld ausschliesslich der Zuhälter. Den Forellen bleibt bei diesem schmutzigen Geschäft am Ende nur das Leid. Aber wenn man mal schnell einen Edelfisch aufreissen will, bietet so ein Bordell reelle Möglichkeiten. Das Ziel des Puffbesuchs ist die schnelle Befriedigung der Triebe. Und das soll hier ein für alle Mal klar sein: Es geht einzig um den Jagdtrieb und um nichts anderes.

Ein Forellenpuff ist ein Ort mit einem Gewässer, in dem Edelfische eingesetzt werden. Das wird gemacht, damit Angler sie fangen können. Hat man eine Forelle am Haken, bezahlt man der Puffmutter oder dem Besitzer des Bordells den Obolus dafür. Es ist so, als würde man den Fisch an der Theke im Supermarkt kaufen. Nur halt mit selber fangen und selber töten. Und wie bei einem richtigen Bordell bleibt auch hier die Romantik voll auf der Strecke. So stehe ich mit meiner Angel vor einem kleinen Teich, in dem sich unzählige ausgehungerte Forellen drängen. Ratlos schaue ich in all die kleinen Fischaugen. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Antibiotika man hier verfüttern muss, damit die Tiere in dieser Enge überleben. Nein, ich kann so etwas nicht. Ich bringe es einfach nicht übers Herz meine Angel auszuwerfen. Nicht hier. Es wäre absolut egal was ich ins Wasser halte, die Fische würden auf jeden Fall anbeissen. Da fehlen der Sportsgeist und das Jagderlebnis.

Weitaus weidmännischer ist es, wenn ich jetzt zurück zu meiner Frau fahre und die dann zum Halali bläst. Sie würde mich kommunikativ erlegen und mir am Ende einen Zweig in den Mund stecken. Danach würde sie mich argumentativ ausweiden. Aber auch das wäre anständiger als in diesem Teich Fische zu fangen.

So verzichte ich aufs Angeln und verlasse den Puff. Natürlich habe ich immer noch keine Lust auf ein konstruktives Streitgespräch mit meiner Frau. Deswegen fahre ich nach Hause. Das Schöne ist nämlich, dass ich nicht mit meiner Gattin unter einem Dach lebe. Mit ihr verbringe ich Ferien, Feiertage und Wochenenden.

Jetzt aber kann in mein friedliches Heim fahren. Und dort wartet auf mich etwas besonderes: Eine Jahreskarte für den schönsten und grössten Forellenpuff der Schweiz.

Im Vergleich zu diesem unappetitlichen Etablissement ist es dort richtig geil. Es ist sozusagen ein Forellen-Eros-Center der Extraklasse. Der feuchte Traum eines jeden Anglers.

Und so eine Dauerkarte ist eine echt feine Sache. Ein Jahr lang so oft in den edelsten Edelpuff gehen, wie man mag und kann. Leider liegt dieser Puff weit weg, im Schweizer Kanton Obwalden. Die Rede ist vom Lungerersee.

Wenn man aus dem Nord-Osten der Schweiz kommt und mit einer Royal Enfield dort hin fährt, braucht man ordentlich Sitzfleisch. Das fehlt mir heute. Aber morgen! Morgen möchte ich am Lungerersee Forellen fangen.

Passionierte Angler werden jetzt despektierlich die Nase rümpfen und eigentlich haben sie recht. Der Begriff Forellen-Edelpuff karikiert den Lungerersee unverhältnismässig.

Take & Put Gewässer ist der korrekte Fachausdruck für das, was ich meine. Man entnimmt dem See Forellen und man setzt wieder welche ein. Das Prinzip ist ein Geben und Nehmen und das macht vor allem in diesen Zeiten Sinn.

Der Schweizer Forellenbestand ist nämlich dramatisch zurück gegangen. Und dieser Umstand hat nicht nur mit dem Klimawandel zu tun. Die Gründe sind hausgemacht. Jeden zweiten Tag gibt es in der schönen Schweiz ein von Menschen verursachten Fischsterben. Und das schon seit Jahren. Meist sind es Bauern, die Gülle in die Gewässer einleiten. Die Strafen, die die Landwirte dafür erwarten, fallen in der Regel milde aus. Es gibt für die Bauern keine Anreize mit ihren Giften sorgsamer zu verfahren.

Auch der skrupellose Einsatz von Pestiziden ist eine Ursache, warum der Schweizer Fischbestand zurück geht. In unseren Gewässern wabert ein Gift-Cocktail aus all dem Zeug, das die helvetischen Landwirte grosszügig in der Gegend verteilen. Die Ökologie ist der Schweizer Bauernlobby weitgehend wurscht. Hauptsache die Kasse stimmt. Das findet im Übrigen auch das Schweizer Stimmvolk. Eine Volksinitiative zum Schutze des Wassers wurde fulminant verworfen.

Die Urbanisierung der Gewässer und die Nutzung der Wasserkraft tun ihr Übriges, um den Forellen den Garaus zu machen.

Den Edelfischen fehlt vor allem der Kies, den sie zum Leichen brauchen. Und nicht zuletzt sind da die Vogelfreunde, die den Schutz des Kormorans und Graureihers propagieren. Diese Vögel sind wahre Fisch-Massenmörder. Jeder Angler wird bei deren Fangquote vor Neid erblassen.

Vögel haben nun einmal die bessere Lobby als Fische. Und auch die Angler selbst sind nicht sonderlich beliebt. So wettert der Obwaldener Kantonsrat Joe Vogler gegen die Fischer vom Lungerersee. Am liebsten würde er sie, mitsamt den eingesetzten Forellen, verbannen. Herr Vogler lebt an dem Gewässer und entsprechend verstehe ich seinen Unmut. Ein Forellenpuff in direkter Nachbarschaft ist ähnlich wie ein richtiges Bordell. So eine Institution der käuflichen Liebe erfüllt eine wichtige soziale Funktion, nervt aber die Nachbarschaft. Der viele Publikumsverkehr bringen Lärm und Dreck mit sich. Und dort, wo Prostitution ist, treiben sich auch zwielichtige Burschen herum.

Am Forellen-Eros-Center Lungerersee ist das nicht anders. Hier muss sich Herr Vogler von einem halbseidenen Blogger wie mir nerven lassen. Und das mache ich gleich mehrmals. Zum einen durch meine Anwesenheit. Zum anderen, weil ich als Royal-Enfield-Enthusiast mit dem Motorrad zum Fischen fahre. Neben der Störung durch meine Person gibt es Lärm und Abgase inklusive.

Aber ich bin nicht der Einzige, der knattert und stinkt. Viele Angler kommen mit dem Auto, was an Wochenenden und Feiertagen mit massiven Parkplatzproblem einher geht.

Kantonsrat Vogler bemängelt, dass sich zu viele Fischer am See herumtreiben. Im Rahmen einer internationalen Aktion wollte Vogler vor einiger Zeit Wasservögel zählen. Sein Fazit: Auf 25 Vögel kommen 97 Fischer und sieben Anglerboote. Vogler spricht hier von einem krassen Missverhältnis. Er vermutet sogar, dass wir Fischer die Wasservögel stören und so vertreiben. Herr Vogler möchte mehr Naturschutz und weniger Angler. Und so sehr ich Herren Voglers Anliegen nachvollziehen kann, so sehr finde ich seine Haltung egoistisch und kurzsichtig.

Ich habe nicht das Privileg an einem schönen Ort wie dem Lungerersee zu wohnen und komme aus einer Industriestadt. Herr Vogler möchte das Privileg des naturnahen Wohnens ja auch nicht mit all zu vielen Menschen teilen. Seine Partei, eine christliche Mitte-Links-Organisation, ist gegen die Zersiedelung der Schweiz. Eine Haltung, die durchaus vernünftig ist. Aber wenn man gegen die Zersiedelung ist, heisst das, dass viele Menschen der Natur entfremdet in urbanen Ballungsräumen leben müssen. Menschen wie ich. Menschen, die fest in Arbeitsabläufe eingebunden sind und durch all diese zivilisatorischen Opfer einen Wohlstand sichern, von dem auch Kantonsrat Vogler profitiert. Denn ohne die Wirtschaftskraft der Ballungsräume würde es auf dem Lande ziemlich ärmlich aussehen.

Die urbane Lebenswelt und die strikte Einbindung in Arbeitsstrukturen haben das Potenzial krank zu machen. Und wer in all dem nicht krank werden will, muss etwas für seine Psychohygiene tun. Meine persönliche Strategie ist hier sehr erfolgreich.

Die Illusion der Freiheit und Naturverbundenheit verschaffe ich mir, in dem ich mich in den Sattel meiner Royal Enfield setzte und zum Fischen an den Lungerersee fahre. Wenn ich dort am Wasser stehe, wähne ich mich im Paradies. Und ziehe ich dann noch ein paar Forellen raus, fühle ich mich wie ein ganzer Kerl. Und auch diese Empfindung ist ein wichtiger Aspekt für mich. Denn als urbaner Mann habe ich es mit starken und emanzipierten Frauen zu tun. Das muss ich irgendwie aushalten. Nicht, dass ich das schlecht finde. Im Gegenteil: Ich bin ein Verfechter der weiblichen Emanzipation. Aber als ein männliches Wesen, das im Patriarchat sozialisiert wurde, brauche ich Refugien, in denen ich mein Mann sein ausleben kann. Und da das Kämpfen gegen Grizzlybären keine geeignete Möglichkeit ist, arbeite ich mich halt an den Forellen ab.

Das, was ich für meine Psychohygiene tue, mag naiv vielleicht sogar lächerlich sein. Und dass ich Tiere quäle und töte, ist vom ethischen Standpunkt auf jeden Fall verwerflich. Genauso, dass ich mit den Anderen eine ökologische Belastung für den Lungerersee darstelle. Da will ich nichts schönreden.

Aber das, was ich mache, hilft mir in meiner Lebenswelt zu bestehen. Und es ist nun einmal so, dass wir alle in einer kapitalistischen Welt leben und unseren Wohlstand damit bezahlen, dass wir die Entfremdung von uns und der Natur in Kauf nehmen. Und um diese Entfremdung zu kompensieren, machen wir lauter Dinge, die nicht gut sind. Zum Beispiel halten wir uns Katzen. Wesen, die mörderisch und massgeblich unsere Artenvielfalt eliminieren. Wir leben mit Hunden, deren Fleischkonsum ein ökologischer Wahnsinn ist. Wir fliegen in die Ferien und Fahren mit umweltschädlichen Verbrennungsmotoren. Wir bauen hässliche Golfplätze und Tennishallen. Wir nerven unsere Mitmenschen, in dem wir in fürchterlichen bunten Klamotten über Waldwege joggen. Oder wir rasen mit Mountainbikes durch die Natur und erschrecken die Wanderer.

Wir haben individuelle Mechanismen entwickelt, mit denen wir Psychohygiene betreiben und anderen auf die Nerven gehen. Wir, dass sind sehr viel Menschen, die in der Schweiz leben. Und der Platz ist begrenzt. Deswegen ist es wichtig, dass wir den Platz gut aufteilen. Es muss Räume geben, die wir der Natur zurückgeben und vor uns Menschen schützen. Wir brauchen Räume, in denen wir leben und arbeiten. Und es braucht Räume, die wir zur Erholung nutzen. Räume für Wanderer, Radfahrer, Jogger, Golfer, Tennisspieler oder auch für uns Angler.

Der Lungerersee eignet sich sehr gut als ein Raum für Angler und es ist allzu natürlich, dass ein Anwohner wie Kantonsrat Vogler das nicht gut findet. Ich finde es auch nicht gut, dass in der Nachbarschaft meiner Ehefrau eine Atommülldeponie entstehen soll. Viel lieber würde ich den ganzen Scheiss in Herrn Voglers Vorgarten verbuddeln. Aber das geht nun einmal nicht. Die Nachbarschaft meiner Ehefrau ist halt besser für ein atomares Endlager geeignet. Also müssen wir in den sauren Apfel beissen.

Genauso ist das mit einem Refugium für Angler. Da ist der Lungerersee geeigneter als die Nachbarschaft meiner Frau. Hier sollte Herr Vogler aus Gründen der Solidarität zurückstecken. Was aber kein Freifahrschein für uns Angler ist. Wir müssen uns bemühen die Belastung der Anwohner in Grenzen zu halten. Und das bedeutet, dass wir uns mit dem Interessenkonflikt um den Lungerersee auseinandersetzen. Wir dürfen diesen Konflikt nicht ignorieren. Auf jeden Fall nicht so, wie ich das gelegentlich mit ehelichen Konflikten mache. Es bringt auch nichts, wenn wir mit rhetorischen Tricksereien argumentieren. So etwas ist vielleicht bei einer Alltagsdiskussion legitim. Beim Streit um den Lungerersee werden wir der Problematik nicht gerecht.

Bei der Frage, wie der Lungerersee genutzt werden soll, müssen wir sachbezogen, respektvoll und ergebnisoffen miteinander reden. Rechthaberei bringt uns nicht weiter, aber das aufrichtige Interesse an der Meinung des anderen.

Letztendlich können wir Fischer ja sowieso nicht mitbestimmen. Das ist Sache des Kantons Obwalden und der Menschen in Lungern.

Wir können nur darlegen, was uns der Lungerersee bedeutet. Und wir können uns überlegen, was zu tun ist, damit wir die Menschen vom Lungerersee nicht gegen uns aufbringen. Menschen, wie Kantonsrat Joe Vogler.

Fischergut Rheinsulz

Versierte Angler, die waidmännische Herausforderungen suchen, sind in dem Forellen-Puff fehl am Platz. Wer aber mit kleinen Kindern einen Angelpartie plant, findet dort ein gutes Ausflugsziel. Neben dem Angelteich und diversen Zuchtbecken gibt es ein kleines Restaurant, in dem man die Fische verzehren kann.

Das Fischergut eignet sich auch als Angelausflugsziel für Anfänger. Greenhorns können hier die verschiedensten Angeltechniken ausprobieren und einüben. Und das in einem in einem geschützten Rahmen.

Link: Google Maps

Fischerparadies Lungerersee

Der Lungerersee gehörten zu den beliebtesten Take & Put Gewässern in der Schweiz. Man kann Boote mieten, es gibt ein tolles Restaurant und diverse Übernachtungsmöglichkeiten.

Mehr über die Licht- und Schattenseiten des Sees demnächst auf diesem Blog

Im Paradies ist die Hölle los: Über das Wesen des Paradies und die Vertreibung auf dem Selben. Über Massnahmen zur Rettung des Paradies und über das Entsorgen lästiger Mitbürger im schönen Lungerersee.

Fotogalerie

Die Fotos sind am Fischergut Rheinsulz, am Rhein und am Lungerersee entstanden. Fotografiert wurde mit einer Olympus OMD M5 Mark II und einem iPhone 12.

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