Geile Fischknusperli

Ein Schloss hoch über dem Bodensee, zwei Motorräder auf staubigen Strassen und tiefsinnige Betrachtungen zur ehelichen Sexualität.

„Ich möchte mit dir schlafen, bin aber nicht erregt.“

In ein paar Jahren ist dieser Satz das geilste, was du von deiner Frau erwarten darfst oder sie von dir. Das behauptet zumindest mein neuer Podcast-Paartherapeut. Er sieht in diesem Satz die Möglichkeit, Sexualität in einer langjährigen Beziehung zu leben, auch wenn man nicht mehr so viel Lust aufeinander hat.

Ein paar Meter entfernt steht ein junges Paar. Ob ich zu den Beiden hingehen soll, um ihnen diese gute Aussicht mitzuteilen? Ich lasse es und geniesse eine andere gute Aussicht. Vor uns erstreckt sich der Bodensee bis zum Horizont. Und dort, wo der Himmel das Wasser berührt, braut sich ein Unwetter zusammen. Es ist ein grandioses Schauspiel.

Grandios ist auch die Fassade von Schloss Wartensee. Wir sitzen genau davor und schlürfen einen gespritzten Weisswein. Wir, dass sind meine Gattin und ich. Im Gegensatz zu dem jungen Paar können wir auf zwanzig Jahre Ehe zurückblicken. Das haben die Beiden noch vor sich – mehr oder weniger. Anscheinend wollen sie hier ihre Hochzeit feiern. Er ist mit Planungsgesprächen beschäftigt und redet auf eine Mitarbeiterin des Hauses ein. Sie steht hochschwanger daneben und wirkt unglücklich. Ich frage mich ob bei ihnen die Phase der Verliebtheit schon vorbei war, als dieses Kind gezeugt wurde. Mein Podcast-Paartherapeut unterscheidet nämlich zwischen einem leidenschaftlichen Sex der Verliebtheit, die er als Sexualität der Fremdheit, des Begehrens und der Spontanität definiert. Und einem intimen Sex der Liebe, der seiner Meinung nach eine Sexualität des Tageslichts, der Verabredung, der Besprechung der Wünsche und des „Aufeinander eingehens“ ist.

Der Podcast-Paartherapeut beklagt, dass viele Menschen Verliebtheit und Liebe verwechseln. Sie versuchen das Gefühl von Ekstase, Lebendigkeit und dauerhafter Befriedigung aufrecht zu erhalten, was aber nicht gelingen kann – so der Therapeut.

Wenn wir nach einem leidenschaftlichen spontanen Sex der Fremdheit suchen, dann geht das nur in der Fremdheit, nur in der Verliebtheit, nur mit Menschen, die wir nicht kennen – meint er.

Liebe, so sagt der Therapeut, ist Langeweile. Und Langeweile in einer Beziehung ist nicht Ausdruck einer Dysfunktionalität.

Ich finde, dass das junge Paar diese Zusammenhänge kennen sollte. Jemand muss ihnen das sagen, bevor sie den Bund der Ehe eingehen. Ich könnte mich ihnen als Hochzeitsredner andienen und so vielleicht etwas Geld nebenher verdienen. Mein Podcast-Paartherapeut liefert ja genug Zündstoff, um eine ganze Hochzeitsgesellschaft aufzumischen. Das wäre bestimmt spassig.

Aber meine Gattin würde so etwas nicht lustig finden. Die sitzt immer noch neben mir und schaut versonnen auf das Gewitter. Ein Unwetter, das sich immer weiter auf uns zu bewegt. Verstohlen blicke ich sie von der Seite an. Dabei frage ich mich, warum sie mit einem Typen wie mir zusammen ist. Der Podcast-Paartherapeut hat hierfür eine besonders brutale Antwort: Weil viele Menschen die Vertrautheit der Hölle, der Unbekanntheit des Paradieses vorziehen. Ich wende meinen Blick ab und fokussiere ebenfalls das Gewitter. Winde und Regenschauer peitschen den Bodensee auf. Die Wolkenfront zieht unaufhaltsam auf uns zu. Noch aber sitzen wir im Trockenen. Gerne würde ich meine Frau fragen, ob der Paartherapeut mit seiner Theorie der Gewohnheitshölle recht hat. Aber ich traue mich nicht. Vor der Antwort habe ich Angst. Stattdessen sage ich, dass der gespritzte Weisswein lecker ist. Meine Frau bleibt stumm und schaut weiter dem Unwetter zu. Irgendwann realisiert sie meine Aussage und nickt. Mir kommt dabei ein alter Witz in den Sinn.

Sie: Hast du was gesagt Liebling?

Er: Ne, das war gestern.

Ich stelle mir die Gretchenfrage: Ist unsere Ehe denn für mich die Hölle der Gewohnheit? Einen Moment denke ich darüber nach und komme zu dem Schluss, dass diese Frage für mich nicht relevant ist. Ich lebe mit meiner besten Freundin zusammen. Mit meiner Frau verbringe ich Wochenenden und gemeinsame Ferien. Damit pendele ich zwischen Hölle und Paradies, zwischen Paradies und Hölle, zwischen Hölle und Hölle oder zwischen Paradies und Paradies. Je nachdem, wie die Frauen so drauf sind. Meistens ist es weder Hölle noch Paradies, sondern irgendetwas dazwischen. Natürlich bin auch ich ein Faktor, der über Himmel oder Hölle entscheidet. Denn die eigene, vor allem die männliche Sozial-Inkompetenz kann das Miteinander wesentlich beeinflussen. Diesen Faktor darf man einfach nicht unterschätzen.

Meine Frau fragte vor einiger Zeit, wie ich es denn mit mir selber aushalten würde – so kompliziert wie ich sei. Sie könne mich nur aus der Distanz ertragen. Und sie würde wahnsinnig werden, wenn sie mit meinen Neurosen leben müsste. Inspiriert durch den Podcast–Paartherapeut würde ich heute antworten: „Ich ziehe die Hölle der Gewohnheit mit mir selbst, dem Paradies des Unbekannten vor. Und das aus einem pragmatischen Grund. Schliesslich kann ich weder Psyche noch Körper austauschen. Natürlich kann ich beides optimieren. Allerdings hat das mit Anstrengung zu tun.  Und von daher ist es durchaus legitim, wenn ich auf das Optimierungspotenzial pfeife. Letztendlich habe ich es mir mit meiner Persönlichkeit in meinem Körper ganz gut eingerichtet. Und Sex finde ich prinzipiell gut. Vor allem wenn ich daran beteiligt bin. Grundsätzlich ist auch nichts gegen den Sex einzuwenden, den ich mit mir selber habe. Immerhin ist das Sex mit dem Menschen, der mir am wichtigsten ist. Auf der anderen Seite schaffe ich es einfach nicht, mich selbst zu Überraschen. Damit hat Selbstbefriedigung etwas vorhersehbares und somit eher langweiliges. Wenn man hier versucht etwas Pepp reinzubringen, kann man grandios scheitern. Dieses Scheitern habe ich eindrucksvoll miterleben dürfen. Ich arbeitete damals als Krankenpfleger im urologischen Bereich. Es war in einer Zeit, als Sexspielzeuge noch etwas verruchtes hatten und sich der experimentierfreudige Mann mit heimischem Gerät behalf. Die Kreativität, die Männer dabei entwickelten, war der Gesundheit nicht immer förderlich. Grundsätzlich unterschieden wir damals mehrere Formen des Penistraumas. Da gab es die Ablederungsverletzungen mit „Entkleidung“ des Penis, wie die Urologen das so treffend nennen. Eine sehr unschöne Angelegenheit bei der Vorhautanteile in drehende Maschinen kommen. Legendär war die Dissertation eines Urologen, der sich in diesem Zusammenhang mit den „Penisverletzungen bei der Masturbation mit Staubsaugern“ befasste. Sein Augenmerk lag auf dem Modell Kobold, einem Handstaubsauger der Firma Vorwerk. Dieses Gerät konnte ein beachtliches zerstörerisches Potenzial freisetzen. Die Position des rotierenden Ventilators wurde so manchem unglückseligen Herren zum Verhängnis. Im Detail will man das Alles gar nicht wissen. Ausser man hat beruflich damit zu tun.

Neben den Ablederungsverletzungen gab es auch die Penisfrakturen. Hier kann man nur eindringlich davor warnen im Stehen zu masturbieren und dabei auszurutschen. Die Einknickung der Corpora cavernosa mit oder ohne Harnröhrenbeteiligung ist echt scheisse. Wobei das Problem des Ausrutschens eher seltener vorkommt. Viel häufiger ist das gewaltsame Abknicken des Penis im Rahmen des Geschlechtsverkehrs. Deswegen mein Rat an alle Liebhaber des wilden Rittes: Passt auf das Becken der Frau auf. Sonst kann der Abend ganz schnell eine unerwartete Wendung nehmen.

Die Penisamputation mit Durchtrennung der Harnröhre, der Gefässe und Nerven ist keine klassische Masturbationsverletzung. Es sei denn, man besorgt es sich mit einer Guillotine. Hier können verärgerte Ehefrauen eine vitale Gefahr darstellen. Ist einmal ein partnerschaftlicher Disput derart eskaliert, sollte man als Mann klein beigeben und die Herausgabe des abgetrennten Gliedes erwirken. Das ist wichtig. Denn spült die Gattin das Teil im Klo runter, bekommt die Angelegenheit etwas finales. Wird aber der Penis auf Eis gelegt und in einer Plastiktüte sauber verpackt, kann ein versierter Urologe wahre Wunder bewirken. Am besten ist es , wenn man es gar nicht so weit kommen lässt. Ein liebevoller Umgang mit der Gattin und der nötige Respekt in der Ehe sind hier schon mal eine gute Basis.

Nicht zu unterschätzen ist auch die Gefahr der Bissverletzungen. Wobei ich nicht weiss in wie weit in diesem Fall Gattinnen ein Problem darstellen. Ich erinnere mich aber an einen Freund der Freikörperkultur und seinen Schäfermischling Hasso. Der Hund konnte dem leckeren „Würstchen“ einfach nicht widerstehen. Erschwerend kam hinzu, dass der Vierbeiner das Konzept von „Aus“ und „Sitz“ nicht verinnerlicht hatte. Es gab wohl ein längeres Gerangel um die Beute, bevor der Hund vom Herrchen abliess. Das Martyrium des armen Mannes begann aber so richtig mit der Versorgung der Wunde und der anschliessenden Rekonvaleszenz. Seine Behauptung, er hätte nackt einen Kaffee getrunken, worauf der Hund unvermittelt nach seinem Genital schnappte, wurde von verschiedenen Seiten angezweifelt. Es gab die These, dass er sich einen runtergeholt habe, wobei der Spieltrieb mit dem Hund durchging und er mitmachen wollte. Böse Zungen behaupteten, dass es nun gar keine gute Idee ist, wenn man sich von seinem Hund einen blasen lässt.

Und dieser Verdacht der Zoophilie lastete schwer auf dem Mann. Ich merkte, dass er sich furchtbar schämte. Mit Schaudern erinnere ich mich an einige Pflegefachfrauen, die den Mann deutlich spüren liessen, wie sehr sie ihn verachteten. Männer, von denen man glaubt, dass sie sich an niedlichen Hunden vergehen, haben es nicht leicht – auch wenn sie gebissen werden. Prinzipiell kann man aber jedem Mann empfehlen, dass eigene Genital von Haustieren aller Art fern zu halten. Insbesondere im Kontext der Masturbation.

Häufige Fälle der urologischen Praxis sind die sogenannten Kombinationstraumen. Bei diesen Masturbationsverletzungen kommen einschnürende oder ringförmige Utensilien zum Einsatz. Wer hier nicht rechtzeitig zum Urologen geht, muss mit irreversiblen Schäden rechnen. Ich kannte einmal einen Patienten, der sich einen Schlüsselring um den Penis gelegt hatte. Er bekam ihn nicht mehr ab und traute sich nicht zum Arzt. Als er sich dann endlich überwand, war es zu spät. Sein Leben war nur noch mittels einer Penisteilamputation zu retten. Das war echt schlimm. Der Mann hat mir sehr leid getan.

Mit einem Staubsaugerrohr und dem dabei entstehenden Vakuumeffekt kann man ebenfalls eine verheerende Wirkung erzielen. Deshalb meine Bitte an alle tabulosen Hausmänner: Haltet Stab und Kronjuwelen vom Ansaugstutzen fern!

Das mit dem Vakuum ist überhaupt eine tückische Sache. Ich erinnere mich an einen Jungen, der es sich mit einer grossen bauchigen Weinflasche besorgt hat. Es war eine dieser Flaschen, die in einem Korb stecken und die man dazu nutzt, um mehrere Liter Wein im Keller zu lagern. Die Flasche hatte eine Öffnung, die für sein erigiertes Glied grade gross genug war. Aber nach einigen genussvollen Bewegungen entstand ein fatales Vakuum. Er bekam sein bestes Stück einfach nicht mehr frei. Der Junge war ein tapferer Bursche. Er hüllte sich in eine Decke und verbarg die Flasche darunter. Mit beiden Händen die Flasche haltend, machte er sich auf eine bemerkenswerte Odyssee. Nach einem strammen Fussmarsch und der Benutzung mehrer öffentlicher Verkehrsmittel erreichte er endlich die urologische Ambulanz. Er war froh, dass er nirgendwo einen Fahrschein vorweisen musste. Denn für den schmerzarmen Transport der Flasche benötigte er beide Hände. Der diensthabende Urologe zerstörte dann einen Teil des Gefässes und löste so das Problem mit dem Vakuum. Der Junge kam mit einem Schrecken davon.

Anders erging es dem Sohn eines Urologen. Der attraktive junge Mann wollte sich erst gar nicht auf Masturbationsverletzungen einlassen. Er hatte für mehrere Damen eine Sexparty organisiert, mit sich selbst als Hahn im Korb. Für den echten Hedonisten ist das ein löbliches Unterfangen. Auf alle Fälle anregender als die Masturbation mit einer Flasche. Es war die Zeit, als es noch kein Viagra gab. Dafür kamen kleine Spritzen zum Einsatz. Mit denen injizierte man ein Medikament in die Schwellkörper und erzeugte so beeindruckende Errektionen. Diese Medikamente hatte der Urologen-Sohn dem Vater aus der Praxis stibitzt. Und auch mit der Dosierung hatte er es nicht so eng gesehen. Das Ergebnis waren dann lauter glückliche Damen und eine Errektion, die mehr Schmerzen als Lust bereitete. Vor allem ging diese Errektion nicht mehr weg. Fachleute sprechen in einem solchen Fall von einem Priapismus. Diese Dauererektion ist ein medizinischer Notfall. Wartet man zu lange nimmt die Erektionsfähigkeit endgültig Schaden. Der arme Kerl musste auf die Intensivstation. Über einen Perfusor wurden dort Medikamente in seinen Schwellkörper gepumpt. Keine schöne Sache.

Und die Moral von der Geschichte? In einem moderaten Setting und mit ein wenig gesundem Menschenverstand ist Sex ungefährlich. Egal ob man es sich nun selbst oder Anderen besorgt. Trotzdem will sich bei mir die Lust auf Sex nicht so recht einstellen. Ich merke, dass mir der Podcast-Paartherapeut nicht guttut. Die Aussagen dieses Mannes schlagen mir voll auf die Libido und ich kann nicht einmal genau sagen warum. Es ist so ein schales Gefühl, das in mir zurückbleibt. Ich trinke den gespritzten Weisswein aus, um diese Empfindung wegzuspülen. Dann spüre ich Hunger.

Meine Frau hat keine Lust auf die Küche des Schickimicki-Schlosses, in dem wir die Nacht verbringen werden. Sie schlägt etwas Gutbürgerliches vor und das ist ganz nach meinem Geschmack. In der Nähe gibt es einen Familienbetrieb. Eine Beiz in einem uralten Haus. Im Gartenbereich hat man denselben grandiosen Ausblick auf den Bodensee. Serviert werden Fischknusperli und Salat. Dazu trinken wir sprudelndes Wasser und trockenen Weisswein. Das gemeinsame Mahl ist köstlich.

Während des Genusses unterhalten wir uns über die Motorradtour durch ein sommerlich heisses Appenzell. Die Dörfer wirkten heute wie ausgestorben. Staubige Fassaden und Trockenheit prägten die Stimmung. Ganz anders als jetzt. Das Gewitter ist nämlich über uns und der Regen prasselt herab. Ich freue mich über das gute Timing, denn die Fischknusperli sind verdrückt und der letzte Happen Salat verschwindet mit den ersten Tropfen in meinem Mund. Während Blitze den Himmel erhellen, fliehen wir mit Wasser und Wein in die Gaststube. Dort tauschen wir weiter unsere Eindrücke aus. Dazu wird uns der Nachtisch kredenzt. Es gibt Vanilleeis mit Beeren und Rahm. Am Schluss gönnen wir uns Grappa und einen starken Espresso. Vertrautheit prägt das Zusammensein. Von Langeweile keine Spur. Vielleicht weil wir durch die Phasen der räumlichen und zeitlichen Trennung immer wieder zu einer Fremdheit finden, aus der wir uns die Vertrautheit neu erarbeiten müssen. Das wirkt einer Beziehungsroutine entgegen. Und der Sex? Nichts gegen guten Sex, aber so richtig feine Fischknusperli sind halt auch was Geiles. Und gegen meine Freude am Essen können die deprimierenden Weisheiten des Podcast-Paartherapeuten überhaupt nichts ausrichten. In dieser Beziehung bin ich psychisch robust.

Vorspiel

Ein paar Stunden früher: Wir sind auf den Weg zum Schloss. Der Asphalt flimmert in der Hitze des Mittags. Das Brummen und Vibrieren meiner Royal Enfield lullt mich ein. Die Luft ist trocken und selbst der Fahrtwind bringt keine Erfrischung. Ich schwitze in der Wachsjacke und mein Körper fühlt sich nass und klebrig an. Auf zwei Dinge habe ich Lust: Kalt Duschen und etwas erfrischendes trinken. Dann sehe ich die Frau bei der Gartenarbeit. Sie trägt einen knappen Bikini. Es ist nur ein kurzer Blick: Beachtliche Brüste, ein wohlgeformter Hintern und schon ist sie wieder aus meinem Sichtfeld.  

„Sex wäre auch mal wieder gut“, sage ich zu mir und mein Gehirn verarbeitet den Wunsch mit bemerkenswerter Effektivität. Sofort visualisiert es frivole Szenen. Szenen, die sich mit Gedankenfetzen mischen. Dabei werden die erotischen Bilder von Zitaten zersetzt und so ihrer Lust beraubt. Es sind die Aussagen des Paartherapeuten, der in diesem Podcast verstörendes von sich gibt. Zumindest in meiner Wahrnehmung. Denn objektiv betrachtet hat das, was der Mann sagt, Hand und Fuss. Es kommen Textzeilen dazu, die ich vor kurzem gelesen habe. Sie stammen von einem Professor, der so richtig geile Begriffe verwendet. Zum Beispiel solche wie „sexuelle Diskordanz“.

Ich frage mich, wie man in der Sexualität zu einer angemessenen Sprache findet. In der Zweisamkeit oder in der Öffentlichkeit. Ich muss an einen Blog denken, dessen Autor sich mutig dem Thema der erotischen Phantasien angenommen hat. Leider scheitert er. Zumindest nach meinem Sprachempfinden. Lese ich die Texte, begreife ich die Banalität der Kopulation. Selbst in der Variation sehe ich die Redundanz solcher Phantasien. Bei diesen Geschichten stellen sich bei mir abwechselnd Fremdschämen oder Lachkrämpfe ein. Damit will ich mir kein allgemein gültiges Urteil anmassen. Es gibt sicher Leser und Leserinnen, die davon angesprochen werden. Aber bei mir ist das anders. Wenn ich dem Begriff Brustwarze begegne, assoziiere ich sofort etwas pathologisches. Irgendeine unangenehme Hornhautwucherung bei dem man ein Warzenmittel benötigt. Steife oder harte Nippel will ich instinktiv durch die Lasche ziehen. Dabei martert dann ein Karnevalsohrwurm mein Musikempfinden. Der Begriff Nippel ist für mich untrennbar mit Mike Krüger verbunden. Aber nie mit dem Bereich der Brust, den ich so gerne liebkose. Das Ding, dass mich fasziniert, weil ich es seit Anbeginn meiner Tage begehre, kann weder Warze noch Nippel sein. Aber letztendlich ist „Ding“ auch nicht besser als die anderen Ausdrücke. Bei all meinen Vorbehalten hat es doch etwas Anerkennenswertes, dass sich der Autor an solche Inhalte wagt. Die deutsche Sprache macht es ihm und uns schwer, wenn es um Sex geht. Entweder klingt das, was wir ausdrücken steril medizinisch, scheisse psychologisch, verklemmt schwülstig oder unangemessen vulgär. Einfach so normal über Sex reden geht irgendwie nicht.

Und dann denke ich an das Lutherzitat: “In der Woche zwier, schadet weder Dir noch mir”. Ich frage mich, ob ich als Katholik, protestantischen Quantitätsansprüchen auf Dauer genügen kann. Sollte ich eine Jahresstatistik führen und einen unteren Wert definieren, bei dem dann die Alarmglocken läuten? Ist es legitim, wenn es Abende gibt, an denen ich ein gutes Glas Rotwein dem Orgasmus vorziehe? Oder ist das ein untrügliches Zeichen dafür, dass ich ein alter Sack werde?

Wieder hüpfen meine Gedanken zum Professor. Der schreibt von „unersättlichen Frauen, die den Mann überfordern“. Oder von „Frauen, die zu wenig liebevoll zu ihren Gatten sind“. Das liesst sich lustig. Aber eigentlich sind es hammerharte Stereotype. Sie bringen mich nicht weiter. Ich frage mich was ich eigentlich in sexueller Hinsicht vom Leben erwarte. Welche Erfahrungen will ich noch machen? Was muss ich mir nicht mehr antun? 

Wenn die Fachleute, bei all den Fragen nicht hilfreich sind, sollte ich vielleicht wieder die grossen Brüste von eben visualisieren. Die thematische Auseinandersetzung auf emotionaler Ebene kann ja nie schaden. Aber leider gelingt mir das nicht mehr. Die Lust auf Sex ist bei all diesen Überlegungen verflogen. 

„Scheisse“, fluche ich. „Ich werde dieses Jahr siebenundfünfzig und mit jedem Jahr geht auch ein Teil meiner sexuellen Attraktivität verloren. Die Zeit für erotische Abenteuer verrinnt zwischen meinen Fingern. Und am Ende werde ich all das, was ich nicht getan habe, bereuen.“

Der Gedanke deprimiert mich. Aber das schöne am Motorradfahren ist, dass die Gedanken kommen und sofort vom Fahrtwind fortgetragen werden. All diese Gedanken sind nicht mehr als ein Hintergrundrauschen. Ein Rauschen, das mich nicht vom Hier und Jetzt ablenken kann. Ich fliege über die Landstrasse, nehme die Welt in mich auf und schon bald sind es neue Eindrücke, die andere Gedanken fliessen lassen. Gedanken, die dann wieder verweht werden. Und das ist gut so, denn das Meiste davon ist unwichtig. Die wichtigen Gedanken holen mich ein, wenn ich von der Maschine steige. Und dann muss ich mich wohl oder übel genauer damit auseinandersetzen. 

Anmerkung

Der Paartherapeut, dessen Aussagen mich hier bewegen, ist Gast in einem Podcast, der sich mit der Frage beschäftigt, was denn nun genau Liebe ist. Der Podcast gehört zu Reihe Wieprechts Wahrheiten – Antworten auf alles, was das Leben fragt und ist bei Audible Studios erschienen.

Motorradtouren am Bodensee

Der Bodensee ist ein guter Ausgangs- oder Endpunkt für Motorradtouren durch die Grossregion Ost-Schweiz. Nähere Informationen dazu gibt es bei Motorrad und Touren.

Royal-Enfield-Sommer-Tour: Die vierte von 4 besonderen Unterkünften in der Schweiz

Bewertung

Vom Schlosshotel Wartensee hat man eine atemberaubende Panoramasicht auf den Bodensse, bis hin nach Deutschland und nach Österreich. Umgeben ist das Schloss von einer schönen Parkanlage. das Zimmer war gut und das Ambiente im Hotel gediegen. Die hauseigene Küche kann ich nicht beurteilen. Gutbürgerlich speisen kann man im Restaurant Windegg.

Bildergalerie

Comments

    • Danke für diesen Kommentar der viel Interpretationsspielraum bietet und von daher den Geist anregt.

      Bei 5883 Menschen, die seit Beginn der Epidemie in der Schweiz mit oder an COVID19 verstorbenen sind, ist es durchaus erstaunlich, dass ein solcher Beitrag publiziert wird. Ob nun tiefsinnig oder eher nicht, ist dabei nebensächlich. Es stellt sich die berechtigte Frage ob eine solche Veröffentlichung als pietätlos und als ignorant einzustufen ist.

      Vielleicht ist es das. Es ist aber auch der Versuch der Ablenkung vom Furchtbaren. Die Sehnsucht nach einem Leben mit ganz normalen Problemen, die einen auch ohne Corona plagen. Die Verdrängung der Tatsache, dass ich wegen einer Quarantäne das Weihnachtsfest alleine, ohne die Menschen verbringen muss, die mir lieb und teuer sind. Das Wissen darum, dass ich zu einer Risikogruppe gehöre und in der Triage die Arschkarte bekommen würde. Und vor allem der innige Wunsch, nicht immer daran zu denken

      Weiter stell sich die Frage, ob es ignorant war mit einem Motorrad durch den Corona-Sommer 2020 zu fahren. Und ob es idiotisch war, in dieser Zeit in Hotels und Gaststuben einzukehren. Mit diesen Fragen setzte ich mich im nächsten und letzten Teil meiner Royal-Enfield-Sommer-Tour auseinander.

      Beste Grüsse

  1. Nun, an COVID19 hab ich beim Lesen überhaupt gar nicht gedacht.
    Eigentlich habe ich drei Empfehlungen:
    1. Schick den Paartherapeuten zum Teufel.
    2. ebenso analytische Professoren.
    3. mach halt einfach das, was dir gut tut, ohne viel nachzudenken.
    Das hilft.

  2. Tja, Thomas, was soll ich zu so offenen Worten sagen? Ich denke, dass Du dieses komplexe Thema typisch «Mann» angehst, nämlich über den Kopf. Eine Frau würde wohl eher gar nicht so ausführlich darüber nachdenken sonden erst mal die Wäsche richten, dann einkaufen, die Spülmaschine leeren und sich anschließend völlig überrascht riesig freuen, dass «Bärchen» einen Haufen Kerzen angezündet hat und mit zwei Gläsern Rotwein in der Tür steht. So einfach ist das! 😜
    Aber natürlich ein Kompliment für Deine Recherche, wie riskant «Mann» so lebt. 😄
    Und schließlich: Vergiss den Podcast! Die wahren Erkenntnisse bietet das Leben! 😍

    • Ach, liebe Ulla wie recht du hast. Ein bisschen mehr weiblicher Pragmatismus würde mir durchaus gut tun.

      Aber ich bin ja total neidisch auf «Bärchen», denn mein Weg zur Holden ist mit zwei Gläsern Wein und ein paar Kerzen nicht beschritten. Das Leeren der Spülmaschine und andere Hausarbeiten gehören unweigerlich zu meinen Aufgaben. Also ich finde die Arbeitsteilung ist bei euch eindeutig besser geregelt. 🙂

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