Motorrad-Basis-Kurs

Ein Monat nach dem Moto Basis Kurs: Leuchtweste und Fahrsicherheitstraining haben den Nimbus des uncoolen. Beides macht das Fahren aber deutlich sicherer.

Ich stehe im Hang auf einem Trial Motorrad und vermisse den Sattel meiner Royal Enfield. Die Maschine vor mir stürzt und auch ich kann das Gleichgewicht nicht mehr halten. Der Fahrlehrer nimmt’s gelassen. Geduldig und freundlich hilft er mir beim Aufstehen. Ich bin nun zum vierten Mal hingefallen und damit im Motorrad-Basiskurs der König der Ungeschickten. Es ist nicht der einzige unrühmlichen Titel, den ich an diesem Tag erlangen werde.

Um mich herum erstreckt sich das Trainingsgelände des TCS in Batzenheit. Der Zürichsee ist ganz in der Nähe. Die grosse Anlage, mit den unterschiedlichen Übungssstrecken ist beeindruckend. Autos schleudern auf nasen Kurven oder kämpfen sich künstliche Hügel hinauf. Deren Untergrund sieht abenteuerlich aus. Eine Gruppe Motorräder fährt auf das Testgelände.

Vor einer Stunde war ich angekommen und hatte erst einmal das Seminargebäude aufgesucht. Dort gibt es ein Restaurant und die Schulungsräume. Als Royal-Enfield-Fahrer war ich zu spät und bis auf die Knochen durchgefroren. Es ist April und oben auf dem Hirzel liegt noch Schnee. Für den Weg vom tiefsten Aargau bis nach Batzenheit hatte ich eine gefühlte Ewigkeit gebraucht. Exakt gemessen auch: Drei Stunden war ich unterwegs, unter Vermeidung von Autobahnen und der Innenstadt von Zürich. Drei Mal länger als mit einem modernen Fahrzeug. Mobiltätsmässig habe ich mich mit der Enfield in die 1950er Jahre zurückkatapultiert. Nach heutigen Massstäben ist das kein Motorrad, sondern ein Anachronismus mit ABS. Wer so etwas als Alltagsfahrzeug fährt ist Liebhaber oder bekloppt. Bei mir trifft wahrscheinlich beides zu. Die Leute denen ich im Seminarraum begegne fahren alle richtige Motorräder, also Maschinen mit denen man in angemessener Zeit sein Ziel erreicht. Ich wirke daneben wie ein Mofafahrer auf der falschen Veranstaltung. Trotzdem werde ich freundlich aufgenommen. Ich tröste mich damit, dass auch der Weg das Ziel sein kann.

Man möchte meinen, dass man in einem Motorrad-Basiskurs Menschen antrifft, die jung sind und keine Ahnung vom Motorradfahren haben. Das Gegenteil ist der Fall. Die meisten sind älter und erfahrene Verkehrsteilnehmer. Sie wissen auf was sie sich beim Motorradfahren einlassen und genau aus diesem Grund sind sie da. Zum Beispiel das Paar, das mit der Triumph Explorer und der grossen BMW GS Fernreisen unternimmt und sich hier jedes Jahr für die Saison fit macht. Oder der berufserfahrene Busfahrer aus Horgen, für den Haarnadelkurven und schwierige Verkehrssituationen zum Berufsalltag gehören. Er weiss, dass Motorräder nichts für Leichtsinnige sind.

Die beiden Fahrlehrer, die den Kurs leiten beginnen mit der Begrüssungsrunde, nehmen dann unsere Bedürfnisse auf und informieren über den Ablauf. Anschliessend erläutern sie, wo sie unseren Wünschen nachkommen können. Alles wirkt wie ein Musterbeispiel für erwachsenenbildnerische Veranstaltungen. Die Fahrlehrer agieren routiniert und folgen einem Schulungskonzept, dass von agogischen Profis entworfen wurde. Wie sollte es auch anders sein, schliesslich veranstaltet das Ganze der Touring Club der Schweiz. Der Tag ist gut rhythmisiert. Praxisübungen und Theorieteile wechsel stimmig miteinander ab.

Nach der Gleichgewichtsübung auf den Trial Maschinen bin ich froh auf meiner Enfield zu sitzen. Wir fahren uns auf der Trainingsstrecke ein und üben die Fortbewegung im Schritttempo. Dann ist Bremsen das Thema. Ein Test zeigt, dass der Bremsweg mit jedem Stundenkilometer dramatisch zunimmt. Allen ist klar, dass es Sinn macht, wenn man sich an die Geschwindigkeitsbegrenzungen hält. Theoretisch war es das auch vorher. Aber es ist schon etwas anderes, wenn man es praktisch spüren kann. Wir üben das scharfe Bremsen. Das ABS meiner Enfield ist für mich ungewohnt. Irgendwie mag ich nicht voll in die Klötze gehen, überwinde meine Scheu und mache es einfach. Mein Fehler ist, dass ich dabei das Hindernis auf der Strasse fixiere und nicht den Horizont. Letzteres ist wichtig. um besser das Gleichgewicht zu halten. Nach einigen Bremsübungen gelingt es mir endlich.

Mit 60 Stundenkilometer ist der Bremsweg dramatisch länger als mit 50. Theoretisch ist das jedem klar. Aber als praktische Erfahrung ist es viel eindrücklicher.

Das Kurventraining wird mit einem Theorieteil eingeleitet und hier zeigt sich das wir Teilnehmende unterschiedliche Theorien zu dem Thema haben. Die Fahrlehrer zeigen uns die Vor- und Nachteile der verschiedenen Möglichkeiten auf und am Ende werden die meisten Theorien verworfen. Die folgenschweren Nachteile überwiegen. Studien zeigen, dass vor allem die falsche Linienführung für Kurvenunfälle verantwortlich ist. In diesem Zusammenhang warnen und die Fahrlehrer vor den Video-Tutorials von motorradonline.de (1). Hier wird den Zuschauenden eine Linienführung suggeriert, die sie gefährlich nah an die Gegenfahrbahn führt. Ziemlich heftig ist dieses Video, in dem die Redakteure von trial and error, Schutzengeln und Spaß fabulieren, während die Fahrer ihre Köpfe sorglos in die Gegenfahrbahn halten. Bei dem Horgener Busfahrer verursacht so etwas Unbehagen. Er sagt, das es Kurven gibt, ihn denen sein Bus einen Meter der Gegenfahrbahn beanspruchen muss. Ein Motorradfahrer der hier mit viel Spass seinen Helm zu nah an der Mittellinie spazieren fährt wird locker enthauptet. Nicht umsonst erzählt man sich am Zürichsee die Gespenstergeschichte vom kopflosen Nick. Der braust in nebligen Novembernächten, auf seiner BMW durch die Nacht. Es ist die ruhelose Seele eines deutschen Touristen, der zu viele Kurvenvideos geschaut und dann mit einem Fahrzeug des öffentlichen Verkehrs Bekanntschaft gemacht hat (2).

Was das Kurvenfahren anbelangt, bin ich nicht viel besser als der kopflose Nick. Ein Fahrlehrer krönt mich Zum König der Kurvenschneider. Es ist der zweite unrühmliche Titel, den ich heute erlange. Neben der eigenwilligen Linienführung fällt auch meine besondere Vorsicht auf. Ein Teilnehmer versucht es mir diplomatisch zu erklären. „Deine Reifen haben auch an der Seite Gummi“, witzelt er. Die junge Frau auf der Rennmaschine nimmt es nicht ganz so humorvoll. Sie fährt eines dieser Motorräder, die Ehemänner zu Witwern machen. Um nicht von mir vor der Kurve ausgebremst zu werden, wagt sie rasante Überholmanöver. Ich lasse ihr gern den Vortritt. Nach einigen Versuchen nehme ich die Kurven etwas sportlicher. An meiner Linienführung werde ich auch weiterhin arbeiten müssen.

Nach dem alle dann einhändig ein paar Runden im Kreis gemacht haben, geht es ans freie Üben. Hier treffen wir auf eine andere Gruppe. Eingewiesen werden wir von deren Fahrlehrer. Der kleine Mann mit den grauen Haaren wirkt resolut. Sein markiger Tonfall und die angedrohten Konsequenzen bei Regelverstößen schüchtern ein. Für Resozialisierungsmassnahmen bei spätpubertierenden Rasern wäre er der perfekte Sozialarbeiter. Hier im Motorrad-Basiskurs bin ich über unsere Kursleiter froh. Sie leiten uns ohne militärischen Drill an. Dabei sind sie freundlich und verständnisvoll. Neben ihrem Engagement beim TCS betreiben Sie eigene Fahrschulen. Bräuchte ich einen Führerschein, würde ich mich vertrauensvoll an die beiden Herren wenden.

Es ist nun bald Ende Mai. Die Temperaturen sind sommerlich. Ich fahre die 4-Pässe-Tour im Aargau. Das ist eine der vielen guten Routenempfehlungen, die man auf Motorrad-und-Touren.ch findet. Mit Genuss fahre ich die Kurven. Dank dem Motorrad-Basiskurs fühle ich mich sicherer. Vor allem fahre ich besser. Klar, immer noch gibt es Kurven, die ich nicht optimal nehme. Aber ich lerne. Auch wenn mein Motorrad die Bezeichnung Royal trägt, bin ich nun nicht mehr der König der Ungeschickten und Kurvenschneider.

Anmerkungen

(1) Die Fahrlehrer des TCS hatten mit der Online-Redaktion der deutschen Zeitschrift Motorrad Kontakt aufgenommen und auf die problematischen Videos aufmerksam gemacht. motorradonline.de hat nie auf die Kontaktaufnahme reagiert. Auf ein paar Leser, die die Kurvenfahrt nicht überleben scheint es der Redaktion nicht anzukommen.

(2) Kritische Leserinnen und Leser werden bei Gespenstergeschichten grundsätzlich misstrauisch. Das ist auch gut so, denn der kopflose Nick ist frei erfunden. Wer sein Haupt an einen Bus verloren hat, kann nicht mehr Motorrad fahren – definitiv. Für diejenigen, die sich trotzdem bei gepflegtem Schweizer Spuk gruseln wollen, sei diese Artikelserie empfohlen.

Auch an der Seite Gummi: Zu vorsichtig in die Kurve.

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Comments

  1. Trainings sind immer wieder gut. Es schleicht sich doch im Alltag immer wieder Unsauberes in den eigenen Fahrstil ein, und gerade Linienführung muss man immer wieder üben. Gut, wenn dann noch ein Coach draufguckt.

    • Vielen Dank für die interessante Rückmeldung, silencer137. Das was du schreibst, deckt sich mit meinen Erfahrungen. Fehler schleichen sich schnell ein und ein erfahrener Coach ist sehr hilfreich.

      Ich lese derzeit in deinem Blog:

      https://silencer137.com

      Spannende Texte gibt es da. Cool die Idee mit dem Wiesel.

      Herzliche Grüsse
      Thomas

      • Ist mir aufgefallen 😀
        Ich glaube, wir ticken ganz ähnlich… durch dein Blog bin ich auch schon durch. Diese Fernreisen! Echt toll, bitte mehr davon erzählen!

      • Ja, das glaube ich auch. Insbesondre dieser Satz von dir gefällt mir gut:

        „Motorradfahren ist für mich kein Selbstzweck, sondern nur Mittel zum Zweck. Ich bin als Brot & Butter-Fahrer groß geworden. Die ersten Moppeds wurden bei Wind und Wetter bewegt, weil sie schlicht ein Auto ersetzen mussten.“

        Motorräder nur als Selbstzweck finde ich langweilig.

        Ein toller Blog!

  2. Hallo Thomas

    Dein Beitrag ist herrlich geschrieben und es macht Spass ihn zu lesen.

    Ein paar Mal musste ich schmunzeln und manchmal fuhr ich schweigend hinter Dir her und war stiller Beobachter.

    Ich danke Dir natürlich auch für Deine postivie Erwähnung.

    Geniesse die Zeit mit Deinem Motorrad aus einer anderen Zeit, welches Dich vielleicht nicht ganz so schnell ans Ziel bringt, Dir dafür um so mehr Emotionen auf dem Weg beschehrt.

    Schön, dass solche Motorräder noch auf unseren Strassen unterwegs sind.

    Liebe Grüsse und eine unfallfreie Saison wünsche ich Dir.
    Dominique

    • Vielen Dank für die schöne Rückmeldung, lieber Dominik. Ich wünsche auch dir auch eine schöne und unfallfreie Saison. Nochmals Danke für die vielen tollen Tourenbeschreibung mit denen du das Motorraduniversum bereicherst.

      Herzliche Grüsse
      Thomas

  3. Lieber Thomas,
    ja da haben wir ja ein schönes Motorrad, ich weiß…. 😉 ))))

    Ich habe das auch schon oft für mich selbst gedacht, mit dem Teil wirst du nicht für voll genommen.
    Schaut ja an manchen Stellen eher aus wie ein motorisiertes Fahrrad. Aber was soll’s, es macht einfach Spass u. rumjuckeln mit 70-80 km/h finde ich persönlich am allerschönsten.
    Richtiges Motorradwandern.
    Zeit, ja Zeit haben wir doch auch und so passt die langsame Royal Enfield doch perfekt zu uns leicht ergrauten alternden Herren die niemandem etwas beweisen müssen.
    Ich gebe zu, so ein Sicherheitstraining hab ich noch nie absolviert. Nicht mal als ich auf’s Gespannfahren umgestiegen bin.
    Danke für den Input mit dem Sicherheitstraining. Ich denke mal darüber nach….. 😉

    Wünsche Dir eine unfallfreie Saison.
    Du hast dich ja wirklich gut vorbereitet.

    Lg vom Mann mit dem Gespann,
    Edi

    • Vielen Dank für deine Rückmeldung mit Beiwagen, lieber Edi. Der Begriff Motorradwandern trifft es gut. Mit der Enfield erfahre ich die Umgebung ganz anders, als mit einem schnellen Motorrad.

      Denk darüber nach. So ein Training ist auch für Motorradprofis eine gute Sache. Mit einem Gespann dort aufkreuzen ist sicher lustig.

      Herzliche Grüsse
      Thomas

  4. „Motorräder sind nichts für Leichtsinnige“ sage ich sehr oft wenn ich unterwegs bin. Und auch „Wer es eilig hat, hat auf einen Motorrad nichts zu suchen!“. Deswegen ist ein Enfield, diese „Anachronismus mit ABS“ genau richtig für mich, und anscheinend für dich auch. Sehr kurzweilig geschrieben!

    • Vielen Dank für die schöne Rückmeldung. Ja, ich bin überzeugter Langsamfahrer und möchte kein anderes Fahrzeug als den Anarchronismus mit ABS. Da teilen wir die Selbe Leidenschaft. Der Satz ist gut: „Wer es eilig hat, hat auf einem Motorrad nichts zu suchen.“

      Herzliche Grüsse
      Thomas

  5. Herzlichen Glückwunsch zur frisch erlangten Königswürde 😁
    Manchmal braucht es den Blick eines anderen, um die eigenen Unzulänglichkeiten zu erkennen. Gut, wenn man einen Trainer an der Hand hat, der einem da weiterhilft.

    Dass man allerdings kopflos nicht (mehr) Motorrad fahren kann, ist einfach nicht wahr. Ich habe zu viele Beispiele von drastisch zu hoher Geschwindigkeit und kompletter Fehleinschätzung der Strassen- und Verkehrsverhältnisse erlebt, wo unter diesen Helm ganz sicher kein Kopf stecken kann. Schon gar kein kluger.

    Von daher begrüße ich jeden RE-Fahrer, der solche Freizeitrennfahrer wenigstens temporär ein wenig ausbremst. Auch wenn die behaupten, SEINE Fahrweise sei verkehrsgefährdend.
    Und ausserdem sehen die Dinger einfach geil aus 😎

    • Vielen Dank für die schöne Rückmeldung, lieber Rainer. Vielleicht ist es ja bei den kopflosen Motorradfahrern wie bei dem kopflosen Hahn Mike.

      https://de.m.wikipedia.org/wiki/Mike_(Hahn)

      Die Entscheidungen mancher Fahrer kann man sich nur durch Restaktivitäten im Stammhirn erklären. 🙂

      Dein neues Projekt hat mich emotional sehr berührt. Es sind schöne Erinnerungen. Diese Texte und Bilder waren Anlass für mich, alte Urlaubsfilme aus meiner Kindheit anzusehen. Danke für diese Anregung.

      https://schanfiggreloaded.home.blog/

      Herzliche Grüsse
      Thomas

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