Royal Enfield: Ein Altherrenmotorrad?

Motorrad Royal Enfield Classic Crome
Royal Enfield: Way of Live

Brixton versus Enfield

„Das ist ein Altherrenmotorrad und nichts für mich.“ Meine Enttäuschung ist mir anzusehen. Wir sind beim JB Töffhandel im thurgauischen Happerswil, dem Generalimporteur für Royal Enfield. Ich möchte den Kaufvertrag für meine neue Classic 500 unterschreiben. Mein Sohn begleitet mich. Insgeheim hatte ich gehofft, ihn für so eine Maschine zu begeistern. Vater-Sohn-Motorradrouren mit zwei Enfields, dass war meine romantische Vorstellung. Während ich noch mit der Aussage meines Sohnes hadere, zeigt Jakob Bruderer, der Geschäftsinhaber, Verständnis. Royal Enfield ist nicht unbedingt etwas für jüngere Käufer, erklärt er uns. Mein Sohn schildert ihm seine Bedürfnisse. Er möchte nicht wie sein Vater ein Liebhaberobjekt durch die Gegend bewegen, sondern möglichst effizient von A nach B kommen. Das Motorrad soll günstig in der Anschaffung und im Unterhalt sein. Und er möchte ein leichteres Fahrzeug, das nicht allzusehr die Umwelt belastet. Ausserdem soll das Motorrad gut aussehen. Was Klassisches stellt sich mein Sohn vor. Herr Bruderer weiss Rat. Er zeigt uns eine Brixton BX mit 125 ccm, 8,3 kw und 9000 Umdrehungen pro Minute. Das kleine Motorrad ist eine Schönheit, klassischer Stil und moderne Elemente. Der Mix sieht irgendwie cool aus. Die Maschine hat Scheibenbremsen, LED-Beleuchtung und eine elektronische Kraftstoffeinspritzung. Der Viertaktmotor läuft sehr ruhig. Das Motorrad macht einen wirklich guten Eindruck. Mein Sohn findet das auch. Vor allem der Preis von 3690.- Franken überzeugt ihn. Er wird sich den Kauf überlegen. Ich hingegen werde stolzer Besitzer einer neuen Royal Enfield und von wegen Altherrenmotorrad. Im Sattel einer Enfield fühle ich mich ziemlich jung.

Brixton 125 ccm
Brixton:
Günstig in der Anschaffung und im Unterhalt

Hintergrund

Im Jugendzimmer meines grossen Bruders hingen Poster auf denen Motorräder zu sehen waren. Oft sass ich als Junge davor und träumte davon im Sattel sitzend die Welt zu entdecken. Meine Träume entsprachen dem Zeitgeist. Damals, in den 1970er Jahren waren Motorräder populär. Sie standen für ein Gefühl von Freiheit und Abenteuer. In den Maschinen drückte sich Protest und Rebellion aus. Das Fahren auf zwei Rädern, ohne Karrosserie, bedeutete einen unmittelbaren Kontakt zur Natur. Motorräder standen so für Zivilisationsflucht und einem Streben nach Ursprünglichkeit. (1) Ich erinnere mich noch an den Besuch von Dave. Dave kam aus den USA. Der bärtige Mann mit der bulligen Statur studierte Archäologie. Dave war für mich der Inbegriff des Abenteurers. Er jobte gelegentlich als Holzfäller in Kanada und tourte mit seiner Harley Davidson durch Europa. Dave war für mich so etwas wie ein Idol. In seinem Motorrad materialisierten sich all meine Sehnsüchte. Dave kam aus dem Umfeld meines Bruders. Der war aus seinem Jugendzimmer ausgezogen und lebte nun im studentischen Milieu der Kölner Südstadt. Oft entdeckte ich dort schöne Krafträder, Fahrzeuge die nicht nur der Fortbewegeung dienten. Motorradfahren war damals ein wichtiger Bestandteil des „Way of Live“.

Heute empfindet mein Sohn diesen Way of Live als antiquiert. Das Gefühl teilt er mit Vielen seiner Generation. Während der Lebensraum von uns auf der Strasse war, bewegen sich die Jungen von heute auf den Datenautobahnen. Bei uns diente noch der „Lonesome Rider“ als Vorbild. Heute setzen die Jungen auf Vernetzung und Interaktivität. Die Freiheit und die Abenteuer von damals sind anderen Werten gewichen: Anerkennung und Erfolg. Während wir Sex, Drugs und Rock ’n‘ Roll toll fanden, steht die heutige Jugend auf romantische Liebe. Ihre Hochzeiten inszenieren sie wie Staatsakte.

Bei all diesen unterschiedlichen Werten ist es kein Wunder das viele Junge eher aufs Smartphone als aufs Motorrad setzen. Aber auch das Smartphone hat als Statusymbol ausgedient, wie man in einem Artikel des Handelsblatt nachlesen kann.

Mein Sohn zum Beispiel benutzt ein uraltes iPhone 5. Ein neueres Modell will er aus ökologischen Gründen nicht haben. Zumindest solange das Alte noch funktioniert. Gebrauchtsgestände dienen ihm in erster Linie zum Gebrauch. Sich über einen Gegenstand zu definieren ist ihm fremd. Hier ist mein Sohn viel reifer als ich, denn ich habe mir heute ein Statussymbol von damals gekauft.

Quellen

Links

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Comments

  1. Ja heute sind bei der jüngeren Generation andere Dinge im Focus.
    Ich kam z.B. über mein erstes Mofa, eine blaue Hercules Prima zu den motorisierten Zweirädern u. schon mein Vater fuhr ne ordentliche Maschine (Horex), man fand den Sound geil u. den Fahrtwind ohne Helm. Das war schon ne dolle Sache.
    Heute undenkbar gefährlich.
    Auf den Fußtritten des Mofas hat man, Beine nach hinten Kumpels oder die erste Freundin mitgenommen.
    Die Jugend kennt das alles nicht mehr u. mein jüngster, ist nun auch schon über 30 Lenze, der kann Motorrädern nun gar nichts abgewinnen. Es interessiert ihn schlichtweg nicht.

    So lustwandelt man nun alleine mit dem persönlichen Traum on the road, irgendwo zwischen gestern, heute u. morgen u. hofft, dass es noch lange so bleiben möge.

    Servus u. die Linke zum Gruß
    Edi

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