Mit der Enfield von Indien nach Europa

TEIL 3: DAS FAHRENDE ASCHRAM UND DIE BRUTALE WAHRHEIT DES GURUS

Ich bin auf der Suche. Auf der Suche nach mir und dem Platz den ich im Leben einnehmen will. Wie so viele Andere führt mich diese Suche nach Indien. Manche der Indienreisenden finden Orientierung bei einem geistlichen Lehrer,  einem sogenannten Guru. Die unterweisen ihre Anhänger in Aschrams. In einem solchen klosterähnlichen Ort, wagt man sich dann auf spirituelle Entdeckungsreise. Bei meiner Spiritualität gibt es nicht viel zu entdecken. Dafür bin ich zu sehr mit weltlichen Dingen beschäftigt. Also erwähle ich kein geistliches Zentrum sondern ein Motorrad zu meinem Aschram und in einem zerfleddertem Werkstatthandbuch finde ich den passenden Guru dazu. 

Erleuchtung:
Werkstatthandbuch als Guru

Das Motorrad, meine zukünftigen Enfield Bullet habe ich bei einem Händler in Madras bestellt. Der lässt mich schon lange warten und so ist Geduld die erste wichtige Lektion, die ich Dank diesem „Aschram“ lerne. Der „Guru“ liegt vor mir auf dem Tisch und die Wahrheit, die er mir offenbart ist brutal. Beim Durchblättern der Seiten erkenne ich, dass mir ein grundlegendes technisches Verständnis fehlt.  Die, in dem Buch beschriebenen Zusammenhänge begreife ich nicht einmal ansatzweise. Das liegt auch an meinen beklagenswerten Englischkenntnissen. Denn in dieser Sprache ist das Handbuch verfasst. Der Guru aus Papier und Druckerschwärze führt mir so vor Augen, dass ich dringend an meiner Sprachkompetenz arbeiten muss. Das mit dem technischen Sachverstand will ich dann nach dem Prinzip „learning by doing“ angehen. In der Hoffnung, dass dieses Vorgehen so funktionieren wird, schiebe ich mein Guru-Handbuch beiseite und schnappe mir einen englischsprachigen Comic. Von den „Adventures of Tintin“ verstehe ich wesentlich mehr als von der Motorradtechnik. Die Geschichten sind mir aus meiner Kindheit bestens vertraut. Zusammen mit einem Wörterbuch lerne ich mit den Bildergeschichten Englisch. Am meisten Spass macht mir die Übersetzung der Flüche meiner Lieblingsfigur. Der grantige Seebär Haddock schimpft in englischer Sprache viel poetischer als in der deutschen Übersetzung. Insbesondere die Ausrufe „thousand thundering typhoons“ und „billions of blue blistering barnacles“ gefallen mir. Sie bringen mich auf die Idee unseren Motorrädern Namen zu geben. Meine Reisebegleiterin hat sich nämlich auch ein Motorrad bestellt und wir warten gemeinsam auf die Maschinen. Sie ist etwas älter als ich und hat ihre Suche schon hinter sich. Meine Begleiterin steht mit beiden Beinen fest auf dem Boden und ich glaube es ist reine Abenteuerlust, die sie hier sein lässt. Ich schlage ihr vor die Maschinen „Blistering Barnacle“ und „Thundering Typhoon“ zu nennen. Sie übersetzt die Begriffe und ist einverstanden. „Blasenbildende Seepocke“ und „stürmischer Taifun“ würden die Namen auf Deutsch heissen. Die englischen Begriffen klingen eindeutig besser.

Englisch lernen:
Keiner flucht so schön wie Captain Archibald Haddock

Meine Reisebegleiterin hat es sich neben mir bequem gemacht und amüsiert sich ebenfalls mit den Abenteuern von Tim & Struppi. Ein Viertel Jahrhundert später wird diese Frau, samt den Comicheften verschwunden sein. Sie wird weg sein ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen. Weder in der digitalen, noch in der analogen Welt. Ich werde sie suchen, weil ich gerne mit ihr Erinnerungen austauschen möchte. Aber ich werde sie nicht finden. Unsere Wege trennen sich ein Jahr nach der Reise. Sie wird dann einen jungen Mann kennen lernen der Klavier spielen kann. Von ihm wird sie behaupten, dass er, im Gegensatz zu mir ein guter Musiker und ein begnadeter Liebhaber ist. Wahrscheinlich hat sie mit beidem nicht ganz unrecht. Ein Musikinstrument beherrsche ich nicht und als Liebhaber habe ich mir in dieser Beziehung keine Lorbeeren verdient. Später wird mir klar sein, dass unsere Leidenschaft nie wirklich eine Chance hatte. Diese Chance war verspielt, noch bevor ich meine Reisebegleiterin überhaupt kennen lernte.

Emotionaler Ausnahmezustand:
Enfield Bullet und verheiratete Frau

Es war an jenem Tag, an dem zwei entscheidende Dinge in meinem Leben passierten. Ich hatte zum ersten Mal eine Enfield Bullet gesehen und ich hatte mich hoffnungslos in eine verheiratete Frau verliebte. Das Motorrad und die Frau verdrehten mir derart den Kopf, dass ich mich in einem emotionalen Ausnahmezustand befand. Fieberhaft plante ich die Reise, auf der ich mich jetzt befinde und immer wieder traf ich mich mit der Frau, der ich mit Haut und Haaren verfallen war. Es waren heimliche Treffen voller Intensität, Romantik und Leidenschaft. Dann kam ihr Mann dahinter und war ziemlich sauer. Der Frau war klar, dass ich dem Ruf der Bullet bis nach Indien folgen würde. Sie hatte kleine Kinder und wusste, dass sie nicht mitkommen konnte. Also entschied sie sich für ein Leben mit ihrem Mann und den gemeinsamen Kindern. Letzteres fand ich gut, auch wenn es sehr weh tat. Zumindest gab mir das die Illusion, dass ich eine grosse Liebe nicht wegen einem einzylindrigen Motorrad sausen lasse. Ich machte mir vor, dass es um einen höheren Wert geht. Nämlich um das Ideal der Familie. Wir nahmen Abschied und ich schaute mir schluchzend Casablanca an. Die Szene in der sich Humphrey Bogart und die Bergmann am Flughafen trennen spulte ich immer wieder zurück. „Eines Tages wirst du es verstehen und mir recht geben“, nuschelt Bogard und ich wäre am liebsten genauso cool gewesen. War ich aber nicht, denn mein Herz fühlte sich ziemlich gebrochen an. So durchlebte ich den Liebeskummer eines Cineasten in den Zeiten des VHS Rekorders. Der Filmklassiker und der Rekorder konnten mein Leiden etwas lindern, aber nicht heilen. Am Ende werde ich 22.000 Motorradkilometer und 2 Jahre brauchen um über die Sache hinwegzukommen. Während dieser Reise werde ich still dieser Liebe hinterher trauern. Meine Reisebegleiterin wird das irgendwie spüren und es wird unser Zusammensein beeinflussen.

Liebeskummer eines Cineasten:
In den Zeiten des VHS Rekorders

Sie hat gerade selbst eine langjährige Beziehung hinter sich gebracht und ihren Mann an eine junge Frau verloren. Dabei zeigt sie sich emotional robuster als ich. Sie scheint das ganz gut wegzustecken. Wir haben uns ein paar Monate vor der Reise kennen gelernt und sie fragte mich sofort, ob ich sie mitnehme würde. Diese Spontanität und diesen Wagemut bewundere ich an ihr. Sie ist klug, witzig und eloquent. Eigenschaften, die ich ebenfalls schätzte. Zu dem kann man sich auf sie verlassen. Sie handelt pragmatisch und zeigt Mut. Soviel Mut, dass sie die Strecke selbstständig mit dem eigenen Motorrad fahren will. Dabei beschränken sich ihre Motorraderfahrungen nur auf den Sozius einer Africa Twin. Und den hat sie einzig im europäischen Straßenverkehr kennen gelernt. Das der Fahrersitz einer Enfield Bullet etwas ganz anderes ist wird sie später erfahren. Auch die Unterschiede zwischen dem indischen und dem europäischen Straßenverkehr werden ihr dann deutlich. Sie wird fluchen wie Käpt’n Haddock und dann ihr Motorrad auf dem Seeweg nach Hause schicken. Gesunder Menschenverstand ist auch eine Eigenschaft, die ich an ihr mag.

Trotzdem werde ich dann vor einem Problem stehen, denn sie wird die Reise auf meinem Sozius machen wollen. Mit diesem Anliegen konfrontiert werde ich ebenfalls laut fluchen und anschliessend kleinlaut unsere Ausrüstung reduzieren. Denn ich möchte sie dabeihaben. Sie ist eine Frau zum Pferde stehlen und das ist die perfekte Voraussetzung, um mit Sozia und einer Enfield Bullet auf grosse Tour zu gehen.

Fortsetzung: Teil 4 – Die Sehnsucht und der Kulturschock

Eine Frau zum Pferde stehlen:
Die perfekte Voraussetzung

Reisetipps für Enfield-Touren

Ein Motorrad als Aschram und das Werkstatthandbuch als Guru ist nicht jedermanns Sache. Wer mehr spirituelle Tiefe sucht, kann in Indien durchaus fündig werden. Immerhin sind indische Gurus ein Magnet für westliche Sinnsuchende. Berühmt geworden ist der 1990 verstorbene Guru Bhagwan Shree Rajneesh. Zu Lebzeiten hatte er sich protzige Autos und teure Uhren geleistet. Und das Dank dem gut geölten Geschäft mit der Spiritualität. Eine Anhängerschaft, die ohne angemessen Lohn bis zum Umfallen gearbeitet hat, war ebenfalls förderlich für das Einkommen des Gurus. Schon allein aus diesem Grund umgab den beganadeten Entertainer die Aura des Unseriösen. Seine westlichen Bewunderer hatten damit aber keine Probleme. Und auch in Indien gab es Menschen, die das mit den Autos und den Uhren eher unverkrampft sahen. Für sie waren diese Gegenstände die Symbole seines Erfolges. Osho, wie sich Bhagwan später nannte, hatte es zu etwas gebracht.

Ein Motorrad als Aschram:
Nicht jedermanns Sache

Für uns westlich geprägte Gemüter ist ja allein schon der Begriff Guru anrüchig. In Indien hingegen bedeutet das Wort vor allem Lehrer. Es ist dort kein spezieller Ausdruck für spirituelle Führer. Gurus können genauso gut indische Musik oder traditionellen Tanz unterrichten.

Egal ob sie nun im spirituellen oder im weltlichen Bereich tätig sind – mit den indischen Gurus verhält es sich genauso wie mit den Lehrkräften anderer Nationen: Es gibt solche und solche. Das Spektrum reicht von Lehrpersonen, die ihre Sache sehr gut machen bis hin zu denen, deren Handeln das Prädikat ungenügend verdient. Bei den Letzteren findet man dann auch Menschen, die aus einer zweifelhaften Haltung heraus agieren. Osho zum Beispiel befürwortete die Tötung behinderter Kinder. Ausserdem sprach er sich für die Ausgrenzung von Homosexuellen aus. Aber nicht nur das. Der Mann hatte noch andere krasse Ideen auf Lager.  Und auch seine Methoden waren eher zweifelhaft. Kritiker sprechen in diesem Zusammenhang von psychischer und physischer Gewalt. Ich persönlich finde, dass wir hier von Osho lernen dürfen. Als Merksatz gilt: Wer bei einem Guru geistige Führung sucht, tut gut daran dessen Weisheit immer kritisch zu hinterfragen.

Gurus sind Lehrer:
Es gibt solche und solche

Ansonsten spricht nichts gegen eine spirituelle Auszeit jenseits des Enfield-Sattels. Aber wie gesagt, in einem Ashram darf man das Gehirn nicht an der Garderobe abgeben. Es existieren universelle ethische Werte, über die sich keine Lehre, kein Guru und keine Religion erheben darf.

Mein Tipp: Recherchiert im Vorfeld auf was ihr euch da einlässt.

Spirituelle Auszeit:
Das Gehirn nicht an der Garderobe abgeben

Links

Bericht aus einem Aschram von 2014

Bericht aus einem Aschram von 2018

taz: Cashram statt Aschram

Comments

  1. Hallo Thomas,
    wenn ich so in deinem Blog hier herumlese, überlege ich oft, was ich zu dieser Zeit getan habe oder auch lieber getan hätte.
    Ja, das Leben ist zuweilen echt kein Wunschkonzert…..

    Du hast da was absolut besonderes erlebt damals, dessen warst Du dir zu dem Zeitpunkt vermutlich nicht ganz bewusst.
    Meine Erlebnisse zu der Zeit (1994-1997) waren nicht ganz so prickelnd und entspannend. Es sind prägende Zeiten gewesen, wohl für uns beide.
    Ich habe einige Kühlschrankmagnete in der Küche, auf zweien stehen folgende Dinge: „The best things in life, are the people we love, the places we’ve been and the memorys we made along the way“ der andere: „Don’t look back, you are not going that way“. Das war das erste was mir in den Sinn kam, nachdem ich diese Blog-Episode gelesen hatte und in der Badewanne darüber nachdachte. Warum auch immer. 😉 Hat mich wirklich gefreut, wieder eine kleine Episode zu lesen, von deinen vergangenen Abenteuern.
    Siddharthaq & Yoda meinen dazu: Machen wir uns auf die Socken, um neue interessante Abenteuer zu erleben.

    DlzG für den Abenteurer,
    Siddhartha, Yoda u. meine Wenigkeit

    • „Die besten Dinge im Leben sind die Menschen, die wir lieben, die Orte, an denen wir waren, und die Erinnerungen, die wir auf dem Weg gemacht haben.“

      Wohl war, lieber Edi. Das sind die wichtigen Dinge im Leben und damit die Erinnerungen nicht in Vergessenheit geraten, muss man sie pflegen, sich immer wieder aktiv erinnern oder die Erinnerungen aufschreiben.

      Nein, dass Leben ist kein Wunschkonzert. Aber jedes Leben ist ein einzigartiges Abenteuer. Egal, ob wir nun auf Reisen oder in der Heimat waren.

      Der Spruch „Don’t look back, you are not going that way“ greift mir zu kurz, denn nur wenn wir zurück schauen, können wir das was kommt angemessen einordnen.

      Danke für deinen Kommentar, lieber Edi. Ich freue mich, von dir zu lesen.

      Herzlich
      Thomas

  2. Ja, lieber Thomas, die Erinnerungen sind sehr wichtig. Zum Erfreuen, zum Belächeln, zum Herz erweichen oder auch um Stolz zu sein. Früher gab es dafür das Poesiealbum und das Tagebuch, seit den großen Reisen mit dem Motorrad führe ich wieder ein ganz kleines Reisetagbuch. Daneben jede Menge Fotos, FB und Blogberichte. Du hast übrigens tolle Fotos beigefügt!
    Parallel dazu bin ich froh, dass mir die Neugier auf etwas Neues nicht verloren gegangen ist!

    • Ich denke, dass diese Neugierde etwas ist was dich auszeichnet, liebe Ulla.

      Bei mir merke ich, dass ich nicht nur die Erinnerung pflegen muss, damit sie nicht verloren geht, ich muss mich auch auf neues Einlassen und aktiv daran arbeiten neugierig zu bleiben. Sonst ist die Gefahr gross, dass ich träge werde und meine Welt nur noch durch einen sehr eingeschränkten Themenfokus wahrnehme. Hier will ich mir an dir ein Beispiel nehmen.

      Vielen Dank, liebe Ulla für deine Rückmeldungen. Ich freue mich jedesmal sehr darüber.

      Herzlich Thomas

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