2 Brüder – 2 Motorräder

Portrait #1

Bruno:
„Das Fieber hatte mich gepackt und ich konnte nicht auf dieses Teil verzichten.“

Bruno ist der Ältere der Brüder. Er fährt eine 750er Norton Comando. Das Motorrad ist extrem schön, extrem laut und es stinkt fürchterlich. Die Erstzulassung des archaischen Gefährts ist auf das Jahr 1970 datiert. Aber wahrscheinlich war das Ding schon damals nicht mehr zeitgemäss. So denke ich zuerst und täusche mich mit dieser Einschätzung. Bruno wird mich gleich eines besseren belehren.

Bruno:
„Das Handling ist für eine Maschine von 1970 sehr komfortabel.“

Wir haben uns in einem Café verabredet und warten auf ihn.  Aber Bruno kommt nicht. Irgendwann greifen wir zum Telefon und nach längerem Läuten nimmt er ab. Bruno atmet schwer. Die Stimme klingt, als hätte er gerade einen Marathon absolviert. Aber dem ist nicht so. Bruno versucht seit geraumer Zeit seine Maschine anzutreten – vergeblich. Also warten wir weiter und ziehen ein erstes Resümee:

Wer eine alte Norton Comando fährt, muss sportlich sein und ein entspanntes Verhältnis zur Zeit haben.

Bruno:
„Das Drehmoment aus niedrigen Tourenzahlen weckt Gefühle wie bei der ersten Liebe. Einfach fantastisch.“

Brunos Bruder Heinz ist schon da. Sein Motorrad ist auch nicht neu, aber im Gegensatz zur Norton ein modernes Fahrzeug. Heinz fährt eine Honda Shadow. Er ist schon ein Leben lang auf motorisierten Zweirädern unterwegs. Allerdings waren das bisher nur Motorroller. Mit dem 600er Cruiser hat sich Heinz einen alten Traum erfüllt. Es ist heute seine erste längere Ausfahrt.

Heinz:
„Leistung ist mir nicht so wichtig. Ich will gemütlich unterwegs sein.“

Sein Motorrad stammt aus dem Jahr 1994 und ist ein eher gemächliches Fahrzeug. „Schlappe fünfundvierzig PS aus siebenhundertfünfzig Kubik Hubraum“, urteilte die Presse 2003 über den Nachfolger der 600er und ein Motorradredakteur fragte sich, ob so ein »müder« Langgabler irgend wenn »hinter dem Ofen hervorlocken« wird. Die Antwort gab er sich gleich selbst: „Alle die, für die der Weg das Ziel ist.“ (1) Damit hat er ziemlich exakt die Fahrphilosophie von Heinz beschrieben. Für ihn ist die Leistung nur zweitrangig. Er will gemütlich unterwegs sein. Ein wenig Easy-Rider-Feeling, aber alles in allem möchte Heinz einen sanften Einstieg in die Welt des Motorrads. Da ist er ganz anders als sein Bruder Bruno. Der steht auf die harte Tour.

Heinz:
„Dieses Motorrad gehörte einem alten Mann. Es war sein ganzer Stolz. Sein Sohn wollte nicht mehr, dass er damit fährt. Deswegen hat er es verkauft.“

Das Wetter ist gut. Wir haben es uns vor dem Café bequem gemacht und schauen auf die Strasse. An den anderen Tischen sitzen verschiedene Leute.  Die meisten sind in unserem Alter. Manche auch älter. Ein junger Mann schaut in sein Smartphone und das Gerät gibt undefinierbare Töne von sich. Wahrscheinlich schaut er sich einen Film an.

Bruno:
„Trotz gestiegenem Umweltbewusstsein bezüglich des Lärms und der Luftverschmutzung will ich weiter mit meiner Norton fahren. Man möge mir diese Schwäche verzeihen!“

Bruno hören wir schon von weitem. Es ist ein beeindruckendes Geräusch, das da immer deutlicher in unser Bewusstsein dringt. Eine Mischung aus Brummen und Knattern. Ein Dröhnen, das von den Hauswänden reflektiert und dadurch bedrohlich verstärkt wird. Alle schauen in die Richtung, aus der der Lärm kommt. Alle, bis auf den jungen Mann. Der schaut weiterhin in sein Smartphone. Dessen Lautsprecher kämpfen tapfer gegen die Motorengeräusche an.

Heinz:
„Eine Harley wäre natürlich schöner.“

Bruno hält vor dem Café und dreht den Zündschlüssel um. Wir hören noch ein paar herzhafte Explosionen, dann liegen nur noch die üblichen Geräusche in der Luft.  Auch das Gedudel des Smartphones ist wieder deutlich zu vernehmen. Während der junge Mann für sein Recht eintritt auch lärmen zu dürfen, bockt Bruno seine Norton auf. Ein leichter Duft von Öl, Benzin und Abgasen weht uns in die Nase. Es ist das Eau de Cologne alter Fahrzeuge. Vor allem die über Fünfzigjährigen beobachten Bruno und sein Motorrad ganz genau.

Bruno:
„Das Knattern der Motorräder hatte es mir besonders angetan.“

Mit seinem Jethelm, der abgewetzten Lederjacke und der Jeans, sieht Bruno richtig cool aus. Er ist ein grosser schlaksig wirkender Mann. Vom Typ her könnte Bruno ein Altachtundsechtziger sein. Und bei diesem Gedanken scheinen die Augen der Frauen zu leuchten. Vor fünfundvierzig Jahren wäre er der Typ Mann gewesen, vor dem sie die Eltern immer gewarnt hatten. Die Augen der Männer ruhen auf der Maschine. Sie bestaunen ein Motorrad, das die Sehnsucht nach Jugend und Freiheit verkörpert. Damals, als der Geist von Flower Power die USA durchdrang, wurde das britische Fahrzeug in den Staaten zugelassen. Sie galt als Sporttourer, ein Naked Bike mit dem man hundertachtzig Stundenkilometer fahren konnte. Man könnte es als erstes Superbike der Motorradgeschichte bezeichnen. Produziert wurden die Maschinen zwischen 1967 und 1977, also in einer Zeit als Brunos wilde Jugendjahre begannen. Damals allerdings war er da noch auf einer 125er unterwegs. Die Möglichkeit ein schweres Motorrad zu fahren kam erst später. Das war im Jahr 1992. Bruno hatte damals eine Anzeige des Schweizer Tuners Egli gesehen. Und das, was dort in einer Zeitschrift abgebildet war, elektrisierte ihn sofort. Bruno beschloss ins aargauische Bettwil zu pilgern. Hier, bei der Firma Egli Racing, stand das Objekt seiner Begierde: Eine Yamaha Vmax. Dank dem Zutun der helvetischen Tüftler hatte das Motorrad hundertfünfundvierzig Pferdestärken unter der Haube. Standartmässig waren nur hundert vorgesehen.

Bruno:
„Von Beginn weg hat mich der Ton der Norton fasziniert. Kein Ton wie Norton!“

„Das Ding ging ab wie Schmidts Katze. Ein Dragster auf zwei Rädern!“

Bruno lacht und nippt an seinem Kaffee. Seine Gedanken schweifen zu den ersten Ausfahrten. Es waren Grenzerfahrung auf einem Höllenteil.

„Ich hatte keine Übung darin ein 280 kg Monstrum zu bewegen“, erzählt Bruno weiter.

Das hielt ihn aber nicht davon ab das Motorrad zu kaufen. Und es war eine gute Zeit, die er mit der Maschine hatte. Dann aber wurde Bruno Vater. Das Motorrad tauschte er gegen Wickelkomode und Kindererziehung ein. Auch das war eine prima Zeit. Nur halt ohne Motorrad. Er vermisste es nicht. Bis zu jenem Tag im Jahr 2007. In Safenwil fand damals der alljährliche Oldtimer Grand Prix statt. Bruno besuchte das Event und war vom Knattern der alten Motorräder begeistert. Es war wie damals mit der Vmax. Er war wieder elektrisiert. Vor allem der Sound der Norton hatte es ihm angetan. Und so kam es, dass er stolzer Besitzer einer 750er Comando wurde.  

Bruno:
„Mein Fahrstil passte nicht zum Vatersein. So entschloss mich dazu das Motorradfahren aufzugeben.“

„Kein Ton wie Norton“, erklärt uns Bruno und damit hat er recht. Aber es ist nicht nur der Sound, der den Scharm dieser Maschine ausmacht. Es ist das klassische Aussehen, das Spartanische und die Aura, die von dem Gerät ausgeht. Als wir gemeinsam aufbrechen, ist Brunos Motorrad im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.  Für unsere Töffs interessiert sich kein Mensch. Alle schauen Bruno nach, der laut knatternd der Freiheit entgegen fährt. Alle, bis auf den jungen Mann. Der starrt immer noch in sein Smartphone. Die kleinen Lautsprecher kämpfen wieder gegen Brunos Motorlärm an. Der junge Mann lässt sich davon nicht irritieren. Gegen das Unterhaltungsangebot seines Mobilgerätes hat  Brunos Norton keine Chance. Das mag auch damit zusammenhängen, dass der Mann einer anderen Generation angehört. Man muss einfach ein gewisses Alter haben um dem Charme der 750er Comando zu erliegen. Denn damals in den 1970er Jahren war das Teil ein richtiges Biest. Ein wenig altmodisch in der Form, aber mit einer für diese Zeit beeindruckenden Motorleistung.

Bruno:
„Die Trommelbremse ist optisch ein Leckerbissen. Leider kann man das von der Funktion nicht behaupten.“
Heinz:
„Im Vergleich zu meinem alten Motorroller ist das Kurvenfahren traumhaft.“
Bruno:
„Meine Liebste ruft mich an und sagt mir, dass sie mich am Nachmittag besuchen komme. Ich denke mir das dauert noch und mache eine Tour. Zügig fahre ich den Benken hoch, eine meiner Lieblingsstrecken. Da ich etwas schnell unterwegs bin, schneide ich die Kurven. Es ist eine unübersichtliche Linkskurve. Da kommt mir doch tatsächlich ein Auto entgegen – ich auf der linken Spur. Ich habe nicht gewusst, wie gross die Augen meiner Liebsten sein können!“
Heinz:
„Einmal habe ich bei meinem Bruder hinten drauf gesessen und ich muss sagen: Selber fahren ist schöner“
Bruno:
„Die schönsten Momente erlebe ich beim Fahren in der Gruppe, in einer kurvenreichen Strecke oder einfach beim Cruisen.“
Bruno:
„Die Norton 750 kann man als erstes Supermoto in der Geschichte der Motorräder bezeichnen.“

Links

peffer.ch zur Norton Commando 750

Wikipedia zu Norton Commando 750

Motorradonline zur HONDA VT 600 C SHADOW

Wikipedia zur HONDA VT 600 C SHADOW

Bilderstrecke

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Comments

    • Herzlichen Dank für die Rückmeldung, lieber Jürgen. Vielleicht magst du die Idee aufgreifen. Du machst nämlich wunderbare Aufnahmen. Ich bin ein großer Fan deiner Fotokünste und natürlich deiner Blogbeiträge. Liebe Grüsse Thomas

  1. Unbedingt! Es währe mir eine Ehre. Gerne wäre ich dir jetzt am Bodensee auf der Motorradwelt begegnet. Aber leider war ich das ganze Wochenende beruflich absorbiert. Ein Porträt von dir kann – so glaube ich – nur im Kontext deiner Hausstrecke richtig gelingen. Vielleicht finden wir ab dem Frühjahr Zeit dazu. Was hältst du von der Idee, wenn wir uns an einem Wochenende am Stilfserjoch treffen und uns dort gegenseitig porträtieren.

  2. Super, Thomas! Toller Text, der mehr ist als nur eine technische Beschreibung von Motorrädern und der Darstellung von Lebensläufen. Ich kann mir Euer Treffen vor dem Café richtig gut vorstellen. Bei den Bildern, die alle sehr schön sind, gefallen mir die „natürlichen“ am besten, in denen die Brüder nicht in die Kamera schauen. Klar, sind die auch gestellt, aber sie wirken nicht so. Macht auch der Profi „moppedfoto“ gerne. Wie wäre es das nächste Mal mit Fahrbildern? Aber das ist natürlich sehr aufwändig. Auf jeden Fall ein riesiges Kompliment für die tolle Idee, Thomas!

    • Vielen Dank, liebe Ulla für die schöne Rückmeldung. Ja, Die Bewegung des Motorrades und der Fahrenden möchte ich auch einfangen. Hier hat die Zeit gefehlt. Ich freue mich schon auf ein Shooting wo das möglich sein wird.

  3. Toll geschriebener Bericht mit eindrücklichen Bildern über die zwei Brüder und eine ihrer gemeinsamen Seiten, die sie bisher gar nicht so oft zusammen auslebten. Auf dass sie noch viele weitere Fahrten zusammen unternehmen können! Renate

    • Vielen Dank für die schöne Rückmeldung, liebe Renate.

      Ja, auf dass sie noch viele weitere Fahrten zusammen unternehmen können! Das wünsche ich den beiden Brüdern von ganzem Herzen.

  4. Hallo Thomas,

    die Bruno u. Heinz kommen wirklich sehr sympatisch rüber.

    Oh ja die Norton, ja das ist eine tolle Maschine, die das Herz anspricht. Wenngleich so ein Cruiser auch seine Berechtigung hat, ganz sicher.
    Bin schon gespannt auf weitere interessante Portraits, auch von Motorradladys.
    Hat dir Bruno eigentlich verraten, was das mit den beiden grünen Aufklebern auf dem Tacho u. Drehzahlmesser auf sich hat ?

    Nette Grüße,
    vom Mann mit dem Gespann

    • Jetzt bin ich aber gespannt, lieber Edi.Bitte kläre uns auf, was es mit den beiden grünen Kreisen auf dich hat. Ich habe auch schon gerätselt und bin zum Schluss gekommen, dass der Designer einfach nur einen schlechten Tag hatte. Herzliche Grüsse Thomas

      • Guten Morgen Thomas,
        da muss ich zugeben ich bin völlig ahnungslos. Ich vermute, das dort ev. wie bei unserer Bullet od. Classic 500 ein „ewiges Lichtlein“ mit Norton N drin thront, oder es was mit Beleuchtung der Instrumente zu tun hat. Ich suche noch weiter….. auf Werbeprospeten war dieser grüne Punkt übrigens auch schon zu sehen.
        Bei meinen Recherchen bin ich auf einen schönen Motorradfilm gestoßen: „One Week – Das Abenteuer seines Lebens“, gibts auch in YT.
        Hier mal der Link, falls Bruno den Film noch nicht kennt.
        Prädikat sehenswert.
        Link: https://www.youtube.com/watch?v=yvQa0Pfd8ZE

        Netten Gruß,
        Edi

  5. Once again, a wonderful story! So, wie aus dem Leben. Ein Freund von mir hatte eine sehr schöne Commando, und obwohl sie meistens gut lief, war meistens auch irgendwas nicht ganz in Ordnung. Wir nannten das Motorrad „The English Patient“. Ich war nur einmal mit dem Motorrad unterwegs, fand es aber sehr beeindruckend. Es war wie in einem alten Flieger zu sein.

  6. Hallo David. Es ist schön von dir zu lesen. Der englische Patient ist eine passende Bezeichnung. 😀 Die Commando hat etwas faszinierendes. Ich kann mir gut vorstellen, dass das Fahrgefühl darauf dem Fliegen ähnlich ist. Herzliche Grüsse Thomas

  7. Lieber Edi

    Herzlichen Dank für deine tolle Recherche!

    Du bist mein Motorrad-Guru.

    Ich freue mich schon, wenn ich etwas Zeit habe um den Links nachzugehen und um den Film anzuschauen.

    Liebe Grüsse
    Thomas

    • Oh ein Guru,
      nein, nein sowas bin ich sicher nicht. Hab nur mal etwas gestöbert im Netz, da mich das echt interessierte.
      In jedem Fall hat mich dein toller Blog wieder einmal gefesselt und zum nachdenken u. recherchieren angeregt.
      Das mag ich.
      Wennst Du jetzt nen Mädel wärst, würd ich sagen, Du bist meine Muse…… 😉 ))))

      Nette Grüße,
      Edi

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