Motorradhasen, Osterharakiri & Satteltaschen

Vollweider Hase: Hart an der Grenze, aber noch kein Harakiri

Es gibt zwei Termine im Jahr, die kommen jedes Mal völlig überraschend und entziehen sich all meinen Planungsversuchen: Ostern und Weihnachten. Und weil mich diese Termine immer so unvorbereitet treffen, gerate ich Jahr für Jahr in Stress. Das beruflich vor den Feiertagen viel zu tun ist, macht die Sache nicht besser. Während ich die beruflichen Verpflichtungen weitgehend im Griff habe, erledige ich die privaten Dinge grundsätzlich auf dem letzten Drücker.

An Ostern gehört dazu der Kauf des traditionellen Schokoladenhasen. Das Projekt stellt mich dieses Jahr vor besondere Herausforderungen. Der fragile Hase muss nämlich mit einer Royal Enfield transportiert werden. Entgegen meiner sonstigen Angewohnheit habe ich hier Wochen im Voraus akribisch geplant. Ich gebe zu, das lag nicht nur an dem Hasen, sondern vor allem an dem Umstand, dass ich Ostersonntag zu einer Motorradtour aufbrechen wollte. Ich beschloss, dass Hase und Reisegepäck mit Taschenhalterungen und Satteltaschen sicher transportiert werden sollten.

Die KSR-Group in Österreich ist der europäische Importeur von Royal Enfield und diversem Zubehör. Sie gab an, dass die Sachen auf Lager sind und mit einer Woche Lieferzeit in der Schweiz sein können. Nach einer Woche wurde das Falsche geliefert und dann gar nichts mehr. Über den Verbleib der Waren lässt die KSR-Group mich, den Händler und den Schweizer Zwischenhändler im Unklaren. Das Zürcher Motorradgeschäft, das die Sachen für mich bestellt hatte, versuchte sich diplomatisch auszudrücken: Die Zusammenarbeit mit der KSR-Group sei auch für sie nicht immer ganz einfach. Ich beschließe der Sache nach zu gehen und wende mich an den nationalen Zwischenhändler. Der arbeitet mit der gewohnten Zuverlässigkeit und Exaktheit eines schweizer Uhrwerks. Freundlich gibt er mir Auskunft, aber was jenseits der österreichisch-schweizer Grenze passiert, darauf hat auch er keinen Einfluss. Die KSR-Group bleibt für mich eine kafkaeske Blackbox. Sei es drum. Die Taschen sind nicht da und ich muss meine Motorradferien, die ich ab Ostersonntag geplant habe, auf Dienstag verschieben. Ausserdem stehe ich vor dem Problem einen zerbrechlichen Schokoladenhasen eine längere Strecke in einem Seesack auf dem Rücken zu transportieren. Es ist Samstag und somit die letzte Gelegenheit diese österliche Tradition in Schokolade zu erwerben. Ich befinde mich in Winterthur und widme mich dort der besonderen Herausforderung des Hasenkaufs. So ein Osterhase muss nämlich diversen Anforderungen genügen, um die Beschenkte nicht zu verärgern.

Vollenweider:
Vollmilchschokolade und von guter Qualität

Er soll aus Vollmilchschokolade und von guter Qualität sein. Das ist wichtig um ihren Geschmack zu treffen. Er darf nicht zu gross und nicht zu klein ausfallen. Ersteres würde eine mangelnde Unterstützung beim Abnehmen und letzteres ein Mangel an allgemeiner Wertschätzung bedeuten. Zudem soll er klassisch schön aussehen und ethischen Minimalanforderungen genügen. Berücksichtigt man das Alles, scheiden die grossen Schweizer Schokoladenhersteller aus. Callier kommt grundsätzlich nicht in Frage. Denn dahinter steht der Großkonzern Nestle. Nestle betreibt Wasserausbeutung, die Zerstörung des Regenwaldes und verkauft ungesunde Babynahrung. Ethisches Handeln geht irgendwie anderes. Der goldene Hase der Firma Lindt ist ethisch machbar und aus qualitativ akzeptabler Schokolade gefertigt. Aber als Massenprodukt ist dieses Ding nun einmal der Inbegriff von Phantasie- und Lieblosigkeit. Ein solchen Hasen zu verschenken würde für mich so etwas wie ein österliches Harakiri bedeuten. Am liebsten verschenke ich Läderach-Schokolade. Im Bereich der industriell gefertigten Schokoladen ist das das qualitativ Beste, was man in der Schweiz finden kann. Zumindest nach meiner Einschätzung. Aber klassisch-schöne Formen in Vollmilch sucht man bei Läderach vergebens. Deren Osterhase wirkt, als hätte ihn ein gestresster Disney-Zeichner im Drogenrausch kreiert. Allerdings gibt es viele Menschen, die diese Einschätzung nicht teilen. Die österliche Läderach-Hässlichkeit verkauft sich sehr gut. Der einzige schöne Hase aus dem Hause Läderach wird leider nur mit dunkler Schokolade hergestellt. Die Schokoladenhasen der großen Schweizer Supermarktketten stehen sowieso nicht zur Diskussion. Sie würden ebenfalls ein Oster-Harakiri bedeuten. Zum Glück gibt es kleinere Unternehmen, die hochwertige Schokolade verarbeiten. In Winterthur ist der Chocolatier Vollenweider eine gute Adresse. Wenn ich vor Ostern in der Stadt zu tun habe, kaufe ich grundsätzlich dort meine Schokoladenhasen. Das Hasenmodell auf einem Motorrad sollte es dieses Jahr sein. Die Schokolade ist gut, die Grösse perfekt und das Design klassisch. Auch der hohe Preis drückt das rechte Mass an Wertschätzung aus. Leider nur ist dieser Hase in der Vollmilchversion ausverkauft. Das Hasenweibchen in Biedermeierkleidung macht auch einen guten Eindruck. Aber warum zum Teufel muss die Kleidung der Häsin in rosa sein. Die zu Beschenkende mag kein Rosa. Alle Hasen in guter fester Kartonverpackung scheiden damit definitiv aus. Die anderen Modelle gibt es nur noch in dunkler Schokolade. Da bleiben die einfacheren Hasen von Vollenweider. Sie sind in Cellophanpapier eingepackt und bringen mich hart an die Grenze der mangelnden Wertschätzung. Aber sie bedeuten noch kein Oster-Harakiri. Immerhin steht Vollenweider drauf und das Verpackungsproblem lässt sich sicher lösen. Bei Vollenweider gibt es nämlich feste Kartons. In die kommen alle die leckeren Törtchen, die man dort erstehen kann. Ich werde um so eine Verpackung bitten und so den unversehrten Motorradtransport garantieren. Die Mitarbeiterinnen des Geschäfts zeigen sich in der Regel distanziert höflich. Nicht sonderlich freundlich aber sehr kundenorientiert. Wünsche bezüglich der Verpackung wurden mir bisher immer erfüllt. Die ältere Dame, die mich heute bedient, wirkt für eine Mitarbeiterin des Hauses ungewöhnlich missmutig. An einem Samstag vor Ostern zu arbeiten ist wirklich nicht schön. Sie hat mein volles Mitgefühl und so begegne ich ihrem Missmut mit Freundlichkeit. Die prallt bei ihr gegen eine Wand aus Eis. Nein, eine Kartonverpackung bekomme ich nicht. „Es gibt keine Kartons in dieser Grösse“, sagt sie in einem Tonfall, als hätte ich ihr gerade ein unsittliches Angebot gemacht. Dann also ein kleinerer Hase, einer der mich ganz, ganz hart an die Grenze der mangelnden Wertschätzung bringt. Die werden aber alle von einer anderen Kundin gekauft – gerade in diesem Moment. Ich bezahle den Hasen und überdenke mein logistisches Problem. Da sehe ich, wie ein kleiner Hase den Weg zurück ins Verkaufsregal findet. Ich schildere der jungen Verkäuferin mein Transportproblem und flehe sie an den grösseren Hasen gegen den kleineren Hasen zu tauschen und mir dazu eine Kartonverpackung zu geben. Ich glaube so etwas wie Wegelagerer-Mentalität in ihren Augen zu erkennen. Kühl erwidert sie, dass das nicht gehe. Der Hase, den ich soeben bezahlt habe, ist nämlich teurer als der Kleine. Geld, das einmal eingenommen wurde, werde nicht wieder her gegeben. Juristisch gesehen ist das korrekt. Denn in der Schweiz gibt es für Kaufverträge kein Widerrufsrecht. Ich versuche an ihr österliches Mitgefühl zu appellieren. Es wäre doch schade, wenn ich zu Ostern nur Hasenbrösel verschenken würde. Ich brauche einen Hasen, der in einen ihrer Kartons passt. Sie hat Mitleid, vielleicht will sie mich aber einfach auch nur loswerden. Natürlich gibt es für den grösseren Hasen einen passenden Karton, sagt sie tadelnd und packt ihn mir ein. Ihre Kollegin, die mich zuerst bediente, straft sie mit Blicken. Mich funkelt sie böse an. Stumm gibt sie mir zu verstehen, dass betteln und herumlungern in diesem Laden verboten ist. Ich bin froh als der Hase verpackt ist und ich vor der Türe bin. Hier draussen in der Frühlingssonne werde ich vom lästigen Bittsteller wieder zu einem vollwertigen Menschen. Der Transport klappt vortrefflich und dann am Ostersonntag bekomme ich von ihr, der ich den Hasen gekauft habe, einen schönen Vollenweider-Hasen. Das männliche Pendant des weiblichen Hasen in Rosa. Ein strammer und schön gestalteter Osterhase in grüner Biedermeierkleidung und edlerer Kartonverpackung. Mein wesentlich günstigeres Modell in Cellophan wirkt daneben richtig mickrig. Sie gibt mir zu verstehen, dass der Hase in Rosa auch sehr schön war. „Ich dachte du magst kein Rosa“, entgegne ich. Sie antwortet: „Du denkst zu viel“, und ich überlege, wie man das mit dem Harakiri möglichst schmerzfrei hinbekommt. Mein Selbsterhaltungstrieb ist aber stärker. Zum Glück, denn am Dienstag nach Ostern sind endlich die Taschen da, hervorgezaubert aus der Blackbox KSR. Noch dazu in einer Grösse, in der sogar der Monster-Goldhase von Linth Platz hätte. Den hat mein Sohn bekommen. Seine österliche Devise lautet nämlich: Masse statt Klasse.

Linth Hase: Masse statt Klasse

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Comments

  1. Es macht immer wieder Spass deine kleinen Anekdoten zu lesen.
    Ich war quasi mit Dir im Laden beim Osterhasenkauf. 🙂 )))
    Köstlich…. sehr schön geschrieben.
    Lg Edi

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