Keine Haie in Schaffhausen

Jungbrunnen: Enfield und Schotterweg

Schweiss rinnt mir die Schenkel herunter und in meinen Beinkleidern etabliert sich ein Klima zum Pilze züchten. Ich befinde mich in einem überhitzten Büro und trage meine schwere Motorradhose. Zum Glück arbeite ich an einem Stehpult. Sitzen wäre wesentlich unangenehmer. Der Computer surrt leise vor sich hin und die Sonne knallt auf die riesigen Fensterscheiben. Draussen flüstert der Frühling: „Schon doof, wenn man so einen wunderschönen Tag in einem Büro verbringen muss.“ Ich teile dem Frühling mit, dass er mich mal kreuzweise kann und schwitze weiter vor mich hin. Dabei hatte der Tag für mich genauso wunderbar begonnen, wie es mir die Frühlingssonne versprach. Ich bin zum ersten Mal seit vielen Jahre mit einem Motorrad zur Arbeit gefahren. Käpt‘n Grünbär, meine nagelneue Royal Enfield brummte zuverlässig. Ich konzentrierte mich auf den Verkehr und sog die Morgenstimmung in mich auf. Das ist wie Meditation. Angekommen war ich relaxt und mein Geist gierte nach intellektuellen Herausforderungen. Dann kam die Ernüchterung. Ich hatte meine Bürokleidung zu Hause vergessen und mir wurde klar, dass ich bis zum Mittag in dieser steifen, unbequemen und mit Protektoren beschwerten Hose schwitzen würde. Noch bevor das große Transpirieren begann, freute ich mich auf die Dusche. Anders als der Schweiss floss die Zeit an diesem Morgen zähflüssig. Dann endlich hatte ich erledigt, was zu erledigen war. Ich konnte mich in die Mittagspause verabschieden. Das war an einem Dienstag. Der Mittwoch bringt Schnee und Kälte. Schweren Herzens lasse ich Käpt‘n Grünbär in der Garage und fahre mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Am Donnerstag und Freitag regnet es. Wieder nichts mit Motorradfahren. Ich bekomme Entzugserscheinungen.

Regen und Kälte: Entzugserscheinungen

Am Samstag ist das Wetter dann besser. Ich muss aber intensiv an einem Projekt arbeiten. Kurzerhand packe ich den Laptop ein und mache mich zu einer Motorradtour auf. Arbeiten kann man auch in einem Café und vorher den Kopf durchlüften, ist eigentlich eine gute Idee. Voller Erwartung sitze ich auf der Enfield. Ich sage zu Käpt’n Grünbär ein paar aufmunternde Worte, dann drücke ich den Anlasser. Nichts passiert, rein gar nichts. Nochmals von vorn. Den Zündschlüssel drehen und verflixt: Die Kontrollleuchte für den Motor leuchtet nicht. Antreten: Keine Chance. Für einen Moment glaubte ich Käpt’n Grünbärs hämisches Lachen zu hören. Es muss aber eine akustische Täuschung sein. Motorräder können nicht lachen – definitiv. Warum aber gibt dieser verdammte Anlasser keinen Laut von sich. In verfalle in hektischen Aktivismus und rufe den Händler an. Bei JB Töffhandel meldet sich ein freundlicher Mitarbeiter. Ich schildere ihm mein Problem und er schätzt mich als sachkundigen Menschen ein. Wenn ich sage, dass der Anlasser keinen Wank macht, dann muss die Batterie alle sein oder ein gröberes Problem vorliegen. Davon geht der Mann ruhigen Gewissens aus. Ich solle das Motorrad doch am Montag in die Werkstatt bringen. Mir wird klar, dass das ein Wochenende ohne Töff-Tour bedeutet und ich drohe in Depressionen zu versinken. Vielleicht kann ich das Problem selbständig löse

Mit flehender Stimme: Bitte um Telefondiagnose

Mit flehender Stimme bitte ich ihn um eine Telefondiagnose. Bis zu diesem Zeitpunkt muss mein Gesprächspartner geglaubt haben mit einem durchschnittlich intelligenten und geistig gesunden Menschen zu telefonieren. Doch jetzt scheinen ihm Zweifel zu kommen. Ich merke es, weil sich seine Stimmlage verändert und er mir die alles entscheidende Idioten-Frage stellt. Ist evtl. der Notschalter für den Motor betätigt wurden? Ich laufe knallrot im Gesicht an. Ich lege den Schalter um und brummend startet Käpt’n Grünbär. Schon wieder glaube ich das Lachen des Motorrades zu hören. Der Herr am Telefon bleibt aber freundlich und wünscht mir ein schönes Wochenende.

„Ja mein Junge. Das war der Royal-Enfield-Volltrottel-Test“, belehrt mich Käpt’n Grünbär in meinen Gedanken. „Den hast du nicht bestanden. Und was lernst du daraus? Die größten Motorradprobleme sitzen meist im Sattel.“ In diesem Fall hat er recht, aber das will ich jetzt nicht hören. Genervt frage ich: „Können wir endlich?“. „An mir soll es nicht liegen“, brummt der Käpt’n schadenfroh.

Royal Enfield: Wenn es ein Problem gibt, dann sitzt es im Sattel.

Für diejenigen, die es jetzt befremdlich finden, dass ein erwachsener Mann mit seinem Motorrad redet, habe ich vollstes Verständnis. Ich fand das zuerst auch merkwürdig. Aber Edi, ein Mann mit Lebenserfahrung und Bullet-Gespann, hat mich hier beruhigen können. Er meint das das ganz normal ist. Edi redet auch mit seinem Motorrad und da ich ihm in dieser Angelegenheit voll und ganz vertraue, habe ich beschlossen ungeniert weiter mit Käpt’n Grünbär zu kommunizieren.

Royal Enfield: Pures Glück in den Adern

Der Himmel ist bewölkt und ich friere ein wenig. Aber das ist egal, denn pures Glück strömt durch meine Adern. Das wärmt von innen. Käpt’n Grünbär brummt mit mir über die Landstrasse und es braucht viel Selbstdisziplin um nicht mehr aufzudrehen. Schneller als 60 km/h ist nicht erlaubt. Laut Handbuch ist das die Höchstgeschwindigkeit beim Einfahren. Ich will mich daran halten, denn dieses Handbuch ist voll östlicher Weisheit. Zum Beispiel ist dort nachzulesen, dass man rote Ampeln nicht überfahren sollte. Ein Hinweis, den man unbedingt berücksichtigen muss. Vor allem aber kann man dort erfahren – Schamröte steigt mir ins Gesicht – das man als erstes die Stellung des An-Aus-Schalters kontrollieren soll, falls der Motor mal nicht anspringt.

Ausflugsziel: Schaffhausen: Ferienstimmung am Rhein

Mein Ziel ist Schaffhausen. Ich suche nach einem schönen Café am Rhein und werde schnell fündig. Die Kantonspolizei verspricht auf einem Schild, dass der Ort sicher ist. Ausdrücklich wird darauf hingewiesen, dass es im Rhein keine Haie gibt. Das ist gut. Denn es wäre nicht auszudenken, wenn mich hier ein gigantischer Raubfisch von der Terrasse weg naschen würde. Die Stimmung in dem Lokal erinnert mich an Ferien und die Arbeit geht mir gut von der Hand. Zum Mittag gönne ich mir das typische Schweizer Ausflugsgericht: Wurst-Käsesalat garniert.

Klassisches Schweizer Ausflugsgericht: Wurst-Käsesalat garniert

Während man mir das leckere Essen serviert, denke ich an die Szene aus dem weissen Hai, wo das Tier sehr beherzt ein Boot zerbeisst. Im Gegensatz zu uns Menschen ist das eine erfrischend direkte und unkomplizierte Art der Nahrungsaufnahme. Das Tier, das hier zwischen den Käsestückchen und Salatblättern auf meinem Teller liegt, musste eine sehr viel perfidere Prozedur über sich ergehen lassen: Zuerst getötet, dann zersägt, dann durch den Fleischwolf gedreht und zuletzt in den eigenen Darm gestopft. Irgendwie sind Servelatwürste perverse Lebensmittel. Ich verdränge den Gedanken und esse mit Appetit. 

Die Polizei beruhigt: Keine Haifische in Schaffhausen

Anschliessend mache ich einen Verdauungsspaziergang. Dabei entdecke ich einen faszinierenden Trödelladen. Sofort werden Kindheitserinnerungen wach. Ich entsinne mich an die Geschichte mit Tim und Struppi, wie die beiden in einem alten Schiffsmodell eine Schatzkarte entdecken. Wenn es solche Schatzkarten wirklich geben sollte, dann ist hier der richtige Ort um sie zu finden. Ich verliere mich in den verwinkelten und vollgestopften Räumen. Einzig Käpt’n Grünbär hindert mich daran, dem Kaufrausch zu verfallen. Mein Motorrad hat nämlich weder Taschen, noch einen Gepäckträger. Das sieht cool aus, ist aber auf Dauer unpraktisch. Schweren Herzens verlasse ich den Laden und fahre weiter.

Kunst und Krempel: Faszinierender Trödelladen in Schaffhausen
Schaffhausen: Gemütlich am Rhein sitzen
Stadtbummel: Bemerkenswerte Häuser

An der Mörsburg entdecke ich einen Schotterweg. Ich kann nicht anders. Ich muss hier lang fahren. Enfield und Schotterpisten sind für mich wie ein Jungbrunnen. Es fühlt sich an wie damals, auf meiner grossen Enfield-Tour von Indien nach Europa. Guter Dinge beschliesse ich in dem Restaurant an der Burg einzukehren. Das Essen ist sündhaft gut und sündhaft teuer. Immerhin bin ich Dank der Idiotenfrage um den kostspieligen Transport der Maschine herumgekommen. Was hätte ich mich geärgert, wenn der Mechaniker dort auf den roten Knopf gedrückt hätte und alles wäre OK gewesen. Eine Aussage des technisch versierten Enfield-Fahrers Wolfgang Linneweber geht mir durch den Kopf. Ich hatte sie in Cypsy Chimps Blog gelesen:

„Ich habe das Modell gekauft, weil ich eine Art Tamagochi gesucht habe. Etwas, worum man sich kümmern muss, das meine angeborene Schlunzigkeit und ein gewisses, unseriöses Blendertum nicht tolerieren würde. Die Bullet 500 ist eine Charakterschule. Sie zu warten und zu reparieren erfordert meine volle Aufmerksamkeit. Ich musste dazu viel lernen, um ihr vertrauen zu können und lerne täglich dazu.“

Wolfgang Linneweber hat recht. Wenn man einfach nur Motorrad fährt, nutzt man das Potenzial dieser Leidenschaft nicht richtig aus. Es ist wie damals, als ich mit meinen Motorrädern um die halbe Welt gefahren bin. Da musste ich mich auch mit der Technik beschäftigen. Das will ich wieder tun. Als erstes möchte ich die technischen Zusammenhänge besser verstehen. Dafür werde ich mir ein Reparaturhandbuch zulegen. In Sachen Mechanik und Elektrik war ich nie sonderlich begabt. Motorräder, wie die Royal Enfield muss ich mir im Schweisse meines Angesichts verdienen. Ein bisschen Feucht im Schritt werden, genügt da nicht.

Quelle östlicher Weisheit:
Wer sich nicht blamieren will, sollte es lesen.

Lesenswertes Interview

Gypsy Chimps Motoradblog: „Die Bullet 500 ist eine Charakterschule.“ Begegnung mit Linie

Das Motorrad verstehen lernen: Mein altes Enfield Bullet Werkzeug

Routenvorschlag

Auf der Grand Tour of Switzerland lässt sich wunderbar die Schweiz erfahren. Die Strecke ist ideal für Royal Enfield Touren.

Royal Enfield
Grand Tour: Ideal für Ausflüge mit der Royal Enfield

Kunst und Krempel

Den genialen Trödelladen von Martin Hodel findet man in 8200 Schaffhausen, in der Bachstrasse 15. Öffnungszeiten sind Mittwoch bis Freitag, von 16.00 bis 18.30 Uhr und Samstag von 10.00 bis 16.00 Uhr. Telefon 0526243444. Mobiltelefon 0792219835.

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Comments

    • Lieber Gallus

      Ich kenne dich als intelligenten Mann, der Situationen mit der nötigen Ruhe und Gelassenheit analysieren kann. Es beruhigt mich ungemein, dass dir auch soetwas passiert ist.

      Herzlich
      Thomas

  1. Hallo Thomas,

    was für ein schöner Post. Hey, da komme ich ja auch drin vor, oh welche Ehre für mich, Danke 🙂

    Was mir noch an profanen Dingen einfällt, so ganz spontan bei Startverweigerung: der Leerlaufschalter hängt gerne mal, dann Kupplung ziehen zum Starten. Sonst hörst Du auch absolut nichts, trotz rotem Alarmknopf der auf „on“ steht. 🙂 )))
    Gegen schlappe Batterien hab ich mich gerüstet mit einem 12V 600A, 15AH PowerPack das ich immer spazierenfahre (das hat mehr Saft als die neue Starterbatterie nebst Taschenlampe u. USB Buchsen.
    Da ist ein Beiboot u. Satteltaschen schon gold wert.
    Du ahnst nicht, was man als ehemaliger Uralfahrer gerne dabei hat. 🙂 ))))

    Wenn Du das nächste mal nach Schaffhausen driftest Thomas, sag Bescheid, ich hab es ja nun wirklich nicht weit bis dahin. 🙂

    Einen netten Abendgruß,
    Edi

    • Lieber Edi

      Vielen Dank für die Information zum Leerlaufschalter. Gut zu wissen.

      So ein Beiboot ist was feines. Ich muss dich und dein Gespann unbedingt mal kennenlernen.

      Ich melde mich, wenn ich wieder in Schaffhausen bin.

      Herzlich
      Thomas

  2. Guten Morgen Thomas,

    das geht mir genau so, ich bin auch neugierig auf den Menschen hinter den Zeilen und möchte ihn gerne mal kennenlernen nebst dem rollendem Gefährten.

    Sonnige Grüße,
    Edi

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