Enfield Erotik

Jungfernfahrt: Royal Enfield Classic EFI 500 Battle Green

„Du wirst ein breites Grinsen im Gesicht haben“, prophezeite mir Chipsy Chimp. Ich werde misstrauisch. Beim letzten Mal als mir das jemand sagte war ich in der Pubertät. Der Spruch kam von einem Kumpel. Es war vor meiner ersten Liebesnacht und er gab mir gut gemeinte Ratschläge. In der praktischen Umsetzung waren die dann wenig hilfreich. Es kam alles ganz anders, als er es mir beschrieben hatte und nach vollzogenem Akt brach die junge Frau in Tränen aus. Irgendwie hatte das Ganze nicht ihren Erwartungen entsprochen. Während ich sie tröstend in meinen Armen hielt, dachte ich über das nach, was gerade mit meinem Körper passiert war: „Nicht schlecht diese Hormonausschüttung. Aber das Ganze muss quantitativ und qualitativ verbessert werden.“ Ich versuchte sie mit ein paar einfühlsamen Worten zu trösten. Dabei legte ich meinen Mund an ihr Ohr und hauchte: „Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.“ Sie schluchzte heftiger und stiess mich weg. War wohl der falsche Spruch. Ich setze „einfühlsam“ auf meine persönliche Learning-By-Doing-Liste. Das geschah vor Ewigkeiten in einer kühlen Aprilnacht. Jetzt ist ein warmer Apriltag. Ich sitze zum ersten Mal wieder seit langer Zeit auf einem Krad. Die militärische Bezeichnung passt, denn das Ding ist olivgrün. Chipsy Chimp hatte sich vor ein paar Tagen ebenfalls eine Royal Enfield gekauft, den Inbegriff eines kernigen Motorrades. Er hatte also einen Erfahrungsvorsprung. Hoffentlich läuft es mit meiner neuen Maschine genauso gut. Hoffentlich halten Chipsy Chimps Versprechen besser, als die des Kumpels von damals. Tief durchatmen. Ich drehe den Zündschlüssel herum und die Enfield macht ein Geräusch, das so gar nicht kernig klingt.

Den Zündschlüssel drehen: Ein Geräusch, dass so gar nicht kernig klingt

Leuchten, die auf elektronische Systeme verweisen kämpfen gegen das Sonnenlicht. Es ist meine zweite Enfield und hier ist das Cockpit irgendwie moderner. Nochmal tief durchatmen. Jetzt den Hebel für den Kaltstarter betätigen. Für einen Moment schliesse ich die Augen, den Daumen am Startknopf. Dann drücke ich. Der Anlasser röhrt vor sich hin. Ich gebe ganz wenig Gas und der Motor springt an. Ein sonores, tiefes Brummen erfüllt mich. Ein Vibrieren das Schenkel, Unterleib und Arme erfasst und von dort in das Innerste meines Körpers vordringt. Das ist sie, die Enfield Erotik. Würde jetzt die Frau meines Herzens hinter mir sitzen und ihren Körper fest an mich schmiegen – die Sache wäre perfekt. Vorerst bin ich aber froh, dass ich alleine auf dem Bock sitze.

Enfield Erotik: Ein Vibrieren das Schenkel, Unterleib und Arme erfasst

Ob mir das Motorradfahren nach so vielen Jahren noch gelingen mag? Ich ziehe am Kupplungshebel und lege den ersten Gang ein. Jetzt nur nicht zu schnell kommen, denke ich und schon ist sie wieder da, diese unangenehme Erinnerung an meine erste Liebesnacht. Die Melodie eines deutschen Popsongs geht mir durch den Kopf: Motorräder können nicht weinen. Oder waren es Eisbären? Ja es waren Eisbären und das passt, denn meine olivfarbene Enfield brummt wie ein Bär. Bär ist gut. Schon als Kind bin ich auf einem grossen Stoffbären durch imaginäre Wälder geritten. Inspiriert von einem Lederstrumpf-Film hatte ich die Pelzmütze meiner Mutter auf dem Kopf und einen abgebrochenen Besenstil als Waffe in der Hand. Aus diesen Kindheitserinnerungen heraus und in Anlehnung an den wunderbaren Roman „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ beschliesse ich dem Motorrad einen Namen zu geben. „Käpt’n Grünbär“ soll es heissen.

Mein erster Bärenritt:
Mit der Pelzmütze meiner Mutter und einen abgebrochen Besenstil durch imaginäre Wälder

„Oh Capitan, my Capitan“ murmel ich vor mich hin. Jene ersten Worte des Gedichts von Walt Whitman, die immer dann gesprochen werden, wenn Respekt und Trauer zum Ausdruck kommen. Respekt für ein Motorrad, das mich heute genauso wie damals fasziniert und Trauer um all die Jahre, die ich nicht auf der Maschine gesessen habe. Ich lasse die Kupplung zu früh kommen, mache einen Satz nach vorn, Bremse ab und fahre wieder an. Nun den Blinker setzen und auf der Strasse einspuren. Hochschalten und sich vom Sound des Motors tragen lassen. Da ist es. Chipsy Chimp hat nicht zu viel versprochen. Da ist das breite Grinsen in meinem Gesicht. Ein Grinsen, das anhält, bis sich ein grösseres Insekt zwischen meinen Zähnen verkeilt. Angewidert spucke ich aus. Danach lächele ich selig. Sie ist wieder da, meine Jugend. Ich hatte ganz vergessen wie gut sich das anfühlt. Mein Lächeln gefriert. Ein Autofahrer, der von meiner gemächlichen Fahrweise genervt ist, überholt mich mit heulendem Motor, schert kurz vor mir ein, bremst mich aus und biegt rechts ab. Ich steige voll in die Klötze. Adrenalin ergiesst sich in meine Blutbahn. Jetzt ist Schluss mit der Sentimentalität. Ich will die Jungfernfahrt überleben und das heisst volle Konzentration. Jeder Verkehrsteilnehmer ist eine potenzielle Gefahr. In diesem Bewusstsein mache ich meine ersten 160 Kilometer, aber das Misstrauen gegenüber dem Rest der Verkehrswelt tut meinem Hochgefühl keinen Abbruch. Im Gegenteil. Der Adrenalinspiegel senkt sich auf ein angemessenes Mass und ich irre in meiner digitalen Demenz über die Landstrassen des Thurgaus. Die Orientierung ohne Navigationsgerät hatte ich in den letzten Jahren verlernt. Ja, das ist der Fluch des Fortschritts und dieser Fluch begleitet uns Menschen quer durch unsere Kulturgeschichte. So hat die Erfindung der Schrift unsere Merkfähigkeit dramatisch reduziert. Ein Vorgang, der mit dem Buchdruck nochmals verschärft wurde. Im Gegenzug konnte sich Wissen explosionsartig ausbreiten. Mit der Digitalisierung wird es ähnlich sein. Wir verlieren Fähigkeiten und erlangen dafür ungeahnte Möglichkeiten. Ich überlege wo ich ein Navigationsgerät anbringen könnte. Da meldet sich Käpt’n Grünbär in mir: „Wage es nicht mein Cockpit mit so einem neumodischen Zeug zu verschandeln. Ich bin schon sauer genug, dass ich anstelle des schönen Ampermeters elektronische Leuchten bekommen habe. Es gibt Bären, die haben Ingenieure aus weitaus nichtigeren Gründen zerfleischt.“

Elektronische Leuchten : Anstelle des schönen Ampermeters

Käpt’n Grünbär wirkt aggressiv. Vielleicht tut ihm das militärische Äussere nicht gut. Also erwidere ich: „OK, der Ampermeter hat schöner ausgesehen. Aber als Pazifist, Humanist und Menschenfreund bin ich grundsätzlich gegen solch drastische Reaktionen. Gewöhn dich dran.“

„Ich habe mir dich als Eigner nicht aussuchen können“, brummt der Käpt’n missmutig. In meinem Kopf entwickelt Käpt’n Grünbär ein beängstigendes Eigenleben als griesgrämiger Misanthrop. Gereizt entgegne ich ihm: „Noch ein Wort und ich gebe dich zurück. Danach gehe ich zum Psychiater, weil ein verdammtes Motorrad zu mir spricht.“

Käpt’n Grünbär: Vielleicht tut ihm das militärische Äussere nicht gut

Scherz beiseite, es ist der 1. April. Ich bin mir sehr wohl bewusst, dass ich auf einem seelenlosen Haufen Metall sitze. Ein Ding, das einzig dazu konzipiert ist, um mich umweltbelastend von einem Ort zum anderen zu bringen. Das ich diesen ökologisch problematischen Haufen Blech emotional auflade und ihm mit Pathos begegne, werden nur eingefleischte Enfield-Enthusiasten verstehen. Dass ich es sogar vermenschliche, in dem ich dem Gegenstand einen Namen gebe und ihm Charaktereigenschaften zuschreibe, ist durchaus vernünftig. Dieser Gedanke ist mir bei der Lektüre des Totenschiffs gekommen, einem Roman von B. Traven. Dort berichtet der Icherzähler über eine gefährliche Maschine, die er bedienen muss. In dem er mit ihr wie zu einem Menschen redet verändert sich sein Verhalten. Er wird durch seine Worte feinfühliger und auf diesem Weg gelingt ihm der Umgang. (1)

Seelenloser, ökologisch problematischen Haufen Blech:
Mit Emotion und Pathos aufgeladen

Mittlerweile habe ich mich endgültig verfahren. In der Schweiz ist Orientierungslauf ein Volkssport. Nur so kann ich mir die spärliche Strassenbeschilderung erklären. Ich halte um mein Smartphone zu befragen. Anschliessend will Käpt’n Grünbär nicht mehr anspringen. Ich gebe beim Starten zu viel Gas. Irgendwann habe ich dann den Dreh raus und das Motorrad beginnt wieder zu brummen. Aber das Schalten ist noch etwas harzig. Oft finde ich den Leerlauf nicht. Irritiert bin ich von den Rückspiegeln. Käpt’n Grünbär zeigt mir hier die kalte Schulter und zwar meine eigene. Von den Strassenverhältnissen hinter mir erkenne ich nur wenig – egal wie ich die Dinger einstelle. Der Ingenieur, der für diese Spiegel verantwortlich ist muss sehr schmale Schultern haben.

Rückspiegel: Für sehr schmale Schultern konzipiert

Irgendwann schmerzt mein Hinterteil. Ich bin längere Motorradtouren definitiv nicht mehr gewohnt und so bin ich froh, nach einer Orientierungsodyssee endlich die heimische Garage zu erreichen. Umständlich steige ich von Käpt’n Grünbär

„Nicht schlecht, diese Hormonausschüttung. Aber das Ganze muss quantitativ und qualitativ verbessert werden. Immerhin hatte ich das breite Grinsen und du hast nicht geweint“, sage ich zärtlich zu meinem Motorrad.

„Nur weil Grünbären nicht weinen können“, brummt der Käpt’n. Etwas versöhnlicher meint er dann: „Du brauchst mehr Einfühlungsvermögen, mein Junge. Schau doch mal ob „Einfühlsam“ auf deiner persönlichen Learning-By-Doing-Liste steht. Ach übrigens, du hast da noch einen Rest Fliege zwischen deinen Zähnen. Vielleicht sollten du und Chipsy Chimp über Zahnpflegesets für breit grinsende Enfield-Fahrer bloggen.“

Nebenwirkung der Royal Enfield: Breites Grinsen

Wer ist Chipsy Chimp ?

Chipsy Chimp bloggt zum Thema Motorrad und fährt seit neustem eine Royal Enfield. Seine Beiträge sind sehr lesenswert.

Literaturempfehlungen

Walter Moers (1999) Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär

Die halben Lebenserinnerungen eines Seebären unter Benutzung des ‚Lexikons der erklärungsbedürftigen Wunder, Daseinsformen und Phänomene Zamoniens und Umgebung‘ von Prof. Dr. Abdul Nachtigaller. Roman (Wikipedia-Artikel)

B. Traven (1929) Das Totenschiff

Der Seemann Gerard Gale verpasst in den Kneipen Antwerpens sein Schiff, wird mittel- und staatenlos durch Europa gejagt und heuert schliesslich in Barcelona auf dem Totenschiff ›Yorikke‹ an – einem jener schwimmenden Särge, die mit Fracht und Mannschaft zum Untergang bestimmt sind, um dem Besitzer die Versicherungsprämie einzubringen. (Wikipedia-Artikel)

Zitat

(1) «Darum auch hatte die Wische ihre Persönlichkeit, die respektiert werden wollte. Stanislaw erwarb sich den Respekt durch eine langgeübte Hand, ich musste es durch Worte machen.» Traven (1926) Das Totenschiff

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Comments

  1. Hallo u. guten Morgen Thomas,

    ein echt schöööner Bericht. 🙂
    Ich führe mit meinem 2016’er Bullet Gespann auch oft Zwiegespräche über allerlei Dinge.

    Bulletfahren ist für mich auch immer eine meditative Reise.

    Nach meiner Pensionierung mit 54 Jahren im August 2015, entschloss ich mich auch wieder mit dem Motorradfahren zu beginnen u. kann das geschriebene gut verstehen.
    Über Umwege versch. Motorräder kam ich dann zu einem 2001’er Ural-Gespann, dass ich gerne fuhr, aber ohne Scheibenbremse bei 320kg Lebendgewicht mir auf Dauer zu unsicher, was die Bremsleistung anging.
    Dann ergriff ich die Chance u. tauschte die Ural 1:1 kurzerhand gegen eine neue RE Conti GT, die passte aber irgendwie nicht richtig zu mir u. so hab ich mich von ihr getrennt. 🙂

    Jetzt geniesse ich wirklich jeden Kilometer mit meinem Bullet-Gespann u. freue mich auf jeden Tag mit Sonnenschein.

    Die Linke zum Gruß,
    Edi

    • Hallo Edi

      Vielen Dank für deine schöne Rückmeldung. Es beruhigt mich, dass ich nicht der einzige bin, der mit seinem Motorrad spricht.

      Ein Ural-Gespann ist ein abenteuerliches Gefährt. Respekt, Edi. Ein Bullet-Gespann ist was feines. Für mich wäre es genau das Richtige, wenn ich viel Angel- Foto- oder Filmequipment dabei habe. Es wäre zu überlegen.

      Ich wünsche uns viele Tage, die wir mit unseren Motorrädern unterwegs sein können.

      Herzlich
      Thomas

  2. super text über das neue ding. indes: ich pflege und repariere weiter meinen indischen tamagochi. mein credo bleibt: „auf alten schiffen lernst du segeln.“

    • Vielen Dank für die Rückmeldung. Ja das stimmt: Auf alten Schiffen lernt man Segeln. Aus diesem Grund hatte ich mir meine erste Enfield in Indien gekauft und bin damit zurück nach Europa gefahren. Auf dieser Tour habe ich viel über das Motorrad und seine Technik gelernt. Eine echte Charakterschule, wie Sie es treffend in diesem spannenden Interview beschreiben.

      https://motorradblog.de/die-bullet-500-ist-eine-charakterschule-begegnung-mit-linne/

      Für die alte Enfield fühle ich mich heute, nach all den Jahren dann doch zu charakterschwach. Deswegen habe ich mir eine neue zugelegt.

      Für mich wäre eine Enfield mehr als nur ein indisches Tamagotchi. Denn das Wesen eines Tamagotchi liegt darin, dass es etwas virtuell simuliert, dessen Pflege und Wartung in real sehr viel mehr Kompetenz erfordert. Die Kompetenz, die man für eine Enfield von altem Schrott und Korn braucht, hatte mich damals an meine Grenzen gebracht und würde es auch heute tun. Für Sie, einem Menschen der Motorräder konzeptionieren kann, ist eine alte Enfield eine Fingerübung. Das ist beneidenswert. Respekt für Ihre Studienarbeit: Die Idee Ihres Reisemotorrades ist einfach toll.

      Herzlich
      Thomas Koch

  3. Herzlichen Glückwünsche zu der neuen Bullet! Viele glückliche Stunden and Pannen-freie Reisen wünsche ich dir. Wie immer, sehr kurzweilig geschrieben, und danke für den Link mit Gypsy Chimp. Auch sehr interressant! Die „digitalen Demenz“, die du beschreibst finde ich sehr gut dargestellt. Ist leider sehr verbreitet heutzutage!

    • Vielen Dank für die schöne Rückmeldung und die guten Wünsche.

      Ja, die Computer verändern uns. Wenn man dabei Fähigkeiten nicht verlieren will, muss man sie trainieren. Ich schreibe zum Beispiel oft mit der Hand.

      Gypsy Chimp macht super Texte. Ich finde seinen Blog sehr unterhaltsam und spannend.

      Herzlich
      Thomas Koch

  4. Haha! Wunderbar!

    Meine Orakelei ist nur sehr selten von Erfüllung gesegnet, aber in diesem Falle war es leichtes Spiel. Lächeln und Bullet sind wie Toast und Marmelade. Die gehören zusammen.

    Das Zahnpflegeset will mir nun nicht mehr aus dem Kopf. Das greife ich noch auf. So einen Autofahrer hatte ich übrigens auch bei meiner Jungfernfahrt. Ich denke, eine adäquate Reaktion könnte eine Tirade indischer Schimpförter sein. Wer da weiterhelfen kann, melde sich doch mal. Das verträgt sich auch mit einer pazifistischen Grundhaltung.

    Tatsächlich hat auch mich die digitale Demenz erwischt. Als ich meine Maschine aus München abholte, habe ich mich ebenfalls kapital verfranst. Und stimme Dir gänzlich zu, dass eine Bullet und ein Navi nicht zusammenpassen wollen. Ich teste als Kompromiss derzeit so ein kleines Ding von Beeline. Wenn es etwas taugt, gebe ich ein Zeichen.

    Weiterhin gute Fahrt

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