Von Zentraljava zum Äquator

Reisebericht aus dem Jahr 1993

Mit dem Motorrad auf einer unwegsamen Piste im Urwald Sumatras.
Zweitausend Kilometer auf einem kleinen Motorrad. Eine Tour in das vulkanische Hochland und durch die dicht besiedelten Regionen Javas. Abseits der touristischen Pfade über unwegsame Pisten in den Urwäldern des südwestlichen Sumatras. Beeindruckt von den grandiosen Seenlandschaften der Bukit Barisan Gebirgskette zu dem Land der Minangkabau, einem Volk, das den islamischen Glauben und das Matriarchat lebt.

Yogyakarta ist die Touristenmetropole Zentral-Javas. In der bunten und freundlichen Stadt gibt es gute Unterkünfte, leckeres Essen, viel Folklore und Souvenirs an jeder Ecke. Ich bin hier hergekommen um ein Motorrad zu mieten. Entschieden habe ich mich für einen 16,5 PS starken Einzylinder mit 145 ccm. Nicht viel, aber es war die stärkste Maschine, die ich gefunden hatte. Um die gesamte Ausrüstung zu transportieren habe ich eine Gepäckhalterung schweissen lassen. Dann konnte es losgehen. Zuerst in das zentrale Hochland Javas.

Frau mit dem Rücken zur Kamera. Marktstand mit Obst, Gemüse und Gewürzen.
Markt in Yogyakarta
Ein kleines Honda Motorad mit Taschen beladen.
Vorbereiten des Motorrades

Wohnsitz der Götter

Das Dieng, übersetzt Wohnsitz der Götter ist ein sumpfiges Hochplateau, das auf 2093 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Legenden ranken sich um diesen Ort, an dem die ältesten Tempelanlagen Javas stehen. Nachmittags, wenn dichter Nebel über das Dieng kriecht, werden diese alten Geschichten lebendig. Die romantische Landschaft verwandelt sich dann in eine gespenstische Schattenwelt. Trotz zunehmendem Tourismus hat das Plateau seine mystische Atmosphäre nicht verloren. Das Dieng ist durch einen Vulkanausbruch entstanden. Kochender Schlamm blubbert hier in kleinen Tümpeln. Beissender Schwefelgeruch liegt in der Luft. Seen schimmern in blaugrünen Tönen. 1979 stiegen giftige Gase aus dem Erdinneren und töteten 150 Menschen. Die Erde kann hier sehr tückisch sein.

Wasser blubbertin einer heissen Quelle
Heisse Quellen und Schwefelgeruch am
Dieng

Provinz Zentraljava

Ich fuhr auf einer landschaftlich reizvollen Strasse weiter gen Westen. Haarnadelkurven, starkes Gefälle und zahlreiche Schlaglöcher erforderten eine vorsichtige Fahrweise. Die Provinz Zentraljava gehört zu den am dichtesten besiedelten Gebieten Indonesiens. Intensive Landwirtschaft kennzeichnen die Region. Sattes grün wohin ich schaute und freundliche Bauern, die mir von den Feldern zuwinkten.

Motorrad mit Fahrer, Strasse, Brücke und tropischer Wald

Reizvollen Strassen auf Java

Das dritt bevölkerungsreichste Land Asiens
Mädchen an einem Stand mit Gemüse

Jedes Jahr zwei Millionen Menschen mehr

Auf dem Weg zur Sundastreet, einer Meerenge, die die Inseln Java und Sumatra trennt, bekam ich eine Vorstellung von der grossen Bevölkerungsdichte. Selbst kleine Ortschaften ziehen sich Kilometer in die Länge. Der Verkehr auf den überfüllten Strassen war für mich als zartbesaiteter Europäer gewöhnungsbedürftig. 183 Millionen Menschen schätzte man 1991 die indonesische Bevölkerung. Jedes Jahr sollen es über drei Millionen mehr werden. Nach China und Indien ist Indonesien das bevölkerungsreichste Land Asiens.

Marktstand mit zwei Reishaufen. Ein Mann liegt lässig auf einem Stand. Eine Frau sitzt daneben. Beide lächeln.

Die Menschen auf Sumatra haben nie von ihrem reichen Land profitieren können

Sumatra

Ein Fährschiff brachte mich an den südlichen Zipfel der Insel. Sumatra ist fast so gross wie Deutschland, Österreich und die Schweiz zusammen. Ein fruchtbares und reiches Land liegt hier am Äquator. Schon im Altertum waren die Rohstoffe der Insel begehrt, was immer wieder Kolonialherren angezogen hat. Zuletzt mussten die Holländer abziehen, die sich über 300 Jahre an Land und Leuten bereichert hatten. Heutzutage fliessen die Gewinne, die mit Erdöl, Palmöl, Zinn und Kautschuk gemacht werden nach Java. Grosse Teile der Bevölkerung hingegen leben in Armut. Die Menschen auf Sumatra haben nie von ihrem reichen Land profitieren können. Immer haben andere das Geschäft gemacht.

Motorradfahrer mit Regenponcho, Jethelm und Motorrasbrille. Im Hintergrund ein See.
Regen auf dem
Trans-Sumatra Highway

Trans-Sumatra Highway

Ich fuhr auf dem Trans-Sumatra Highway, einer Allwetterstrasse die bis in den Norden der Insel führt. In meinem jugendlichen Leichtsinn kitzelte ich an die 110 Kilometer pro Stunde aus dem Motor heraus. Überholt wurde ich nur von den grossen klimatisierten Bussen, die die Besucher zu Sumatras Touristenattraktion Nr. 1 brachten, dem Toba See. Ich wollte den Highway schon viel früher verlassen um zum Danau Ranau zu gelangen, einem See von einmaliger Schönheit, der unter den Reisenden etwas weniger populär war. Dort angekommen genoss ich das kühle Klima und die heissen Quellen. Beherrscht wird das Landschaftsbild von einem imposanten Vulkan, an dessen Fusse man wunderbar baden kann.

Rauchender Vulkan und grünne Wälder.

Imposante Vulkane

Sumatras Westküste

Zu Sumatras Westküste sollte es als nächstes gehen. Die Strasse, auf der ich fuhr schlängelte sich durch den Primärdschungel. Vom Asphalt war nicht viel übriggeblieben. Nach einem heftigen Regenschauer standen ganze Abschnitte der Route unter Wasser. Die Fahrt im schlammtrüben Nass war tückisch, denn oft konnte ich Schlaglöcher und Hindernisse nicht erkennen. Die beschwerliche Fahrt hatte sich aber geloht, denn bald lichtete sich der Urwald und Türkis schimmerte das Meer vor mir. Ich sah Wellen, die sich an einsam wirkenden weissen Palmenstränden brachen. Es war paradiesisch.

Palmenstrand mit blauem Himmel und blauem Meer.
Traumhafte Palmenstrände
2 junge Indoniesier und ein Europäer am Strand
Begegnung
Mit dem Motorrad auf einer Lehmpiste an einer klapprige Brücken im Urwald.

Alte Küstenstrasse
Palmen, Meer

Sumatras Westküste

Panne im Urwald

Richtung Norden verläuft die alte Küstenstrasse, eine mit meinem Fahrzeug nicht einfach zu befahrende Piste aus der niederländischen Besatzungszeit. Der Untergrund bestand aus zerfurchtem Lehm und groben Geröll. Einige Brücken waren reparaturbedürftig und erforderten ein Minimum an Schwindelfreiheit. Ab und zu traf ich auf Bautrupps und andere Fahrzeuge. Meist war ich allein auf der Piste. Wieder kam ein kurzer tropischer Regenguss, der den Lehm in zähen Schlamm verwandelte. Die Räder blockierten oft. Meine mangelnde Erfahrung mit Schlammpisten gaben den Kupplungsscheiben irgendwann den Rest. Da lag ich ohne Ersatzteile mitten im Wald. Eine Militärpatrouille griff mich auf und ich wurde zum Stützpunkt gefahren wo ich ein paar Kupplungsscheiben bekam. Die Dinger passten nicht hundertprozentig und die Fahrgeräusche erinnerten mich an eine asthmakranke Nähmaschine. Steigungen machten dem Motorrad sichtlich Mühe. Teile der Strecke führten mich weiter durch den Dschungel. Im Kontrast zu Java fuhr ich oft viele Stunden ohne einer Menschseele zu begegnen. Ein Waldhüter stoppte mich und warnte vor einem Tiger, der wohl kürzlich einen Mopedfahrer auf den Speiseplan genommen hatte. Es gab zu der Zeit mehrere hunderte dieser Raubkatzen auf der Insel und ich schätzte also die Chance, dem dämmerungsaktiven Tier zu begegnen als eher gering ein. Aber was verstand ich schon davon und so war mir nach Sonnenuntergang nicht ganz wohl unter dem Motorradhelm. Spät in der Nacht erreichte ich einen Ort namens Bintuhan, wo ich in einer Unterkunft für Wanderarbeiter übernachtete. Am nächsten Tag gönnte ich mir einige ausgedehnte Pausen an den einsam wirkenden Stränden, die gar nicht so einsam waren. Denn kaum hatte ich mich niedergelassen kamen meist freundliche Menschen, die sich zu mir gesellten.

Lehmpiste
Panne im Urwald

Im Land der Minangkabau

In der verschlafenen Provinzhauptstadt Benkulu holte mich die Zivilisation wieder ein. Ich erholte mich in einem netten Hotel von den Strapazen der Fahrt und brachte das Motorrad wieder auf Vordermann. Der Motor schnurrt als ich in das Bukit Barisan Bergmassiv aufbrach. Dort findet man den Gunung Keriomci, der mit 3800 Metern der höchste Berg Sumatras ist. Ich verbrachte dort einige wildromantische Tage im grössten Nationalpark der Insel. Fast die gesamte Fauna der Sundainsel war dort vertreten, vom Tieflanddschungel bis zur alpinen Region.

Reisfelder am See
Die Häuser der Minangkabau gehören den Frauen:
Gut für die Menschen – schlecht für den Kapitalismus

Die Frauen haben das Sagen

Die Seen und Hochtäler des Bukit Barisan Gebirges gehören zu den faszinierendsten Landschaftserlebnissen Sumatras. Die Dächer der Häuser, mit den typischen hornförmigen Spitzen zeigten mir, dass ich im Land der Minangkabau war. Grundlagen ihrer Kultur ist der Islam und das Matriarchat – zwei Systeme, von denen ich bisher annahm, dass sie im Widerspruch zueinanderstehen. Das beides zu einer lebensfähigen Kultur verschmelzen kann wird hier eindrücklich bewiesen. Matriarchat bedeutet bei den Minangkabau nicht Frauenherrschaft. Die Entscheidungen werden von beiden Geschlechtern gleichberechtigt getroffen. Die wichtigsten Wirtschaftsgüter aber, die Häuser und Felder gehören den Frauen. Männer haben keinen Grundbesitz und gelten im Haus der Frau als Gast. Haus und Land dürfen nicht verkauft werden, sondern werden von der Mutter auf die Tochter vererbt. Solche Sitten stören natürlich in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem und die Zentralregierung förderte erfolgreich die Zerstörung dieser alten und bewährten Kulturform. Mittlerweile hatte sich eine Frauenbewegung dagegen formiert.


Bukit Barisan Gebirge: Romantische Seen

Niedergeholzt

Noch ein Besuch in der bunten und lebhaften Hafenstadt Padang , ein Abstecher zum Äquator und ich trat auf dem Trans-Sumatra-Highway die Rückreise an. Zu beiden Seiten war der tropische Regenwald niedergeholzt. Ein trostloser Anblick. Der Gedanke daran, dass die intakten Wälder der Insel das gleiche Schicksal erleiden könnten, machte mich traurig.

Verschwundene Urwälder

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Comments

  1. Hallo Thomas

    Ein fantastische geschriebener Beitrag über Deine Motorradtour durch Java.
    Nach dem Lesen will ich am liebsten gleich packen und dorthin reisen.

    Ich war vor vielen Jahren auf Java und hatte die Idee, die Insel mit dem Motorrad zu erkunden.
    Danke, dass Du die Idee wieder aktuell gemacht hast.

    Mir gefallen die Bilder, zeigen sie doch so herrlich die andere Zeit und Deine Erlebnisse.
    Schade ist nur, dass man die Bilder nicht grösser ansehen kann.
    Oder mache ich da etwas falsch.

    Viele Grüsse
    Dominique

    • Hallo Dominik

      Vielen Dank für die schöne Rückmeldung.

      Ich denke oft an die diese wunderbare Tour zurück. Du wirst begeistert sein. Mittlerweile, so könnte ich mir vorstellen wird man auch ganz gute Motorräder mieten können. Lass mich wissen, wenn du fährst.

      Ich habe nun eine Bildergalerie eingerichtet. Dort werden die Fotos grösser dargestellt.

      Herzliche Grüsse
      Thomas

      • Hallo Thomas

        Nur zu gerne glaube ich Dir, dass Du oft an diese Tour zurückdenkst.
        Es sind Erinnerungen die Dir nie genommen werden können.

        Vielen Dank für das Einrichten der Galerie.
        Ich liebe es Bilder von vergangenen Zeiten zu betrachten.

        Gerade solche Bilder die ein grosses Abenteuer dokumentieren, welches heute so wahrscheinlich gar nicht mehr erlebt werden kann, üben auf mich eine grosse Faszination aus.

        Ich gehe auch davon aus, dass man heute ‚bessere‘ Motorräder mieten kann.
        Aber – ich weiss noch nicht, wann es mich nach Indonesien ziehen wird.
        Zur Zeit bin ich, wenn ich im südosteuropäischen Raum unterwegs bin vor allem auf den Philippinen und in Thailand unterwegs.

        Ich weiss jetzt gar nicht, ist nicht Indonesien eines der wenigen Länder das keinen internationalen Führerschein akzeptiert?
        Soweit ich weiss, muss man erst den indonesischen Führerschein erwerben.

        Weisst Du da per Zufall mehr?

        Viele Grüsse
        Dominique

  2. Laut TCS ist für 3 Monate der internationale Führerschein in Kombination mit dem Führerschein aus dem eigenen Heimatland gültig.

    https://www.tcs.ch/de/camping-reisen/reiseinformationen/laenderinfos/indonesien.php#anchor_96a7328f_Accordion-reiseinfo_detail_vorbereitung

    Zu meiner Zeit hatte niemand nach einem Führerschein gefragt. Ich glaube ich hatte einen Internationalen dabei. Kleinere Motorräder gab es nur in den Touristenmetropolen Bali und Yogyaka zu mieten.

    In Thailand war ich vor vielen Jahren unterwegs. Sowohl der Süden, als auch der Norden waren sehr schön. Die Philippinen stehen auf meiner Wunschliste.

    Ich wünsche dir eine gute Fahrt und freue mich auf weitere interessante und nützliche Routenbeschreibungen von dir.

    Herzliche Grüsse
    Thomas

  3. Salü Thomas

    Ich danke Dir für die Informationen.
    Nu ja, die Angaben des TCS sind etwas mit Vorsicht zu geniessen, da sie nicht zwischen den drei Internationalen Führerscheinen unterscheiden. 😉

    In Thailand gefällt mir der Norden wesentlich besser – aber ich bin ja auch ein Bergfanatiker.

    Die Philippinen kann ich Dir sehr empfehlen.
    In weiten Teilen ist die Natur unberührt und einfach fantastisch.

    Ich werde diesen Winter unsere Scooter-Touren auf den Philippinen auf meinem Blog ‚verarbeiten‘.

    Lass es mich wissen, wenn Du die Philippinen besuchen wirst.

    Auf jeden Fall wird es noch weitere Pässebeschreibungen und Tourenvorschläge geben.

    Liebe Grüsse
    Dominique

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