Liebe & Konflikt

Es gibt viele schöne alte Motorräder, aber die sind teuer und oft reparaturanfällig. Ausserdem gibt es ständig Probleme mit den Ersatzteilen. Bei einer Enfield Bullet ist das anders. Enfields sind kostengünstig, unverwüstlich und die Ersatzteilversorgung ist auch kein Problem. Das liegt daran, dass eine Enfield Bullet alt und doch neu ist. Sie ist sozusagen ein lebendes Fossil. Ein urbritisches Motorrad, das nach alten Bauplänen im indischen Madras fast unverändert gefertigt wird. Zumindest war das 1994 noch so. In diesem Jahr hatte ich zum ersten Mal ein solches Motorrad gesehen und es war Liebe auf den ersten Blick. So ein Motorrad wollte ich haben. Ich flog nach Madras, kaufte eine Maschine frisch ab Werk und fuhr damit von Indien zurück in die Schweiz. Ein grandioses Erlebnis. Aber wie kam es dazu, dass eine englische Konstruktion, dessen Grundzüge aus den 1930er Jahren stammte in Indien in den 1990er Jahren fast unverändert hergestellt wurde?

Die in Grossbritannien gefertigten Enfield Motorräder waren in Europa zu dieser Zeit längst Geschichte. 1970 schloss dort die Enfield Cyle Company für immer die Tore. Die Konkurrenz durch japanische Motorräder war für das britische Werk zu gross. Das die Enfield in Indien weiterlebte lag an einem Konflikt. An einem handfesten Konflikt an dem zwei Atommächte beteiligt sind und der bis heute den Weltfrieden bedroht. Es geht um die Kaschmir-Region. Als es dort in den 1950er Jahren an der Grenze zu Pakistan kriselte suchte die indische Armee nach Möglichkeiten um ihre Truppen mobil zu halten. Die Wahl fiel auf das Enfield Bullet Modell mit 350 ccm. Das Militär orderte 800 der britischen Maschinen bei einer Importfirma in Madras. Um Zölle zu sparen wurden die Motorräder in England zerlegt, als Einzelteile verschickt und vor Ort wieder zusammengebaut. Das geschah in einem Fertigungsbetrieb mit dem Namen Madras Motors. Der Bedarf der Armee war damit aber noch lange nicht gedeckt und eine immer mobiler werdende Bevölkerung versprach satte Gewinne. Am 3. November 1955 gründete dann K. R. Sundaram eine Firma um Enfield Bullet Motorräder in Lizenz zu bauen. Indian Enfield wurden die Maschien genannt und erreichten auf dem Subkontinent bald Kultstatus. Das nicht als Militärmaschinen, sondern als Statussymbol des Mittelstands und in der Dieselausführung als fahrende Generatoren für Landwirte.

Das diese Uraltmotorräder lange Zeit unverändert gefertigt wurden hat wohl mit ihrer Robustheit zu tun und damit, dass sie sich als kostengünstige Fahrzeuge bewährt haben. Das Ende dieser altehrwürdigen Konstruktion hatte mit Europa zu tun, wo die indischen Motoradhersteller einen interessanten Absatzmarkt haben. Das Problem war, dass die Maschinen nicht mehr auf den europäischen Strassen zugelassen wurden. So musste Enfield das Motorrad modifizieren. Trotz Bremsen mit ABS und Abgasnorm ist es aber immer noch ein lebendes Fossil. In Gedenken an die britischen Wurzeln werden die Maschinen Royal Enfield genannt. Als ich 2018 zum ersten Mal eine solche Royal Enfield sah, war das wieder Liebe auf den ersten Blick.

 
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Quellenangaben

Köster (2009) Enfield - Die Legende lebt*
Wikipedia

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