Lockdown-Motorradtouren

Teil 1

Da ich aus aktuellem Anlass auf Motorradfahrten im öffentlichen Raum verzichte, habe ich mich auf Motorrad-Zeitreisen verlegt. Möglich sind sie mit einer Royal Enfield Bullet Baujahr 1938, einem Raum-Zeit-Krümmer des Physikers Sir George Paget Thomson und einigen Manipulationen am Vergaser.

Den Raum-Zeit-Krümmer habe ich auf eBay erstanden. Er wurde dort als ein „Apperat, von dem wir nicht wissen wozu er gut ist“, verkauft. Das Ding hat nur ein paar Euro gekostet, funktioniert aber vortrefflich. Einzig bei den Vergasereinstellungen habe ich dann etwas zu wenig Fingerspitzengefühl gezeigt. Das war fatal, denn meine Enfield hat mich innert Sekunden in die Zeit der Wikinger katapultiert. Zwei Faktoren erwiesen sich dabei als besonders problematisch. Zum einen waren die Jungs vom Anblick eines fahrenden Motorrades total überfordert. Zum anderen erzeugen Zeitreisen eine enorme Übelkeit. Ich habe deswegen dem Anführer im Vorbeifahren auf die Füße gekotzt. Retrospektiv betrachtet war das dann keine so gute Idee, denn der Anführer hat auf meinen Mageninhalt ziemlich sauer reagiert. Anders als seine Leute. Die fanden das mit dem Vollkotzen anfangs recht lustig. Aber nach ein paar markig gebellten Befehlen des Chefs wurden die Jungs total aggressiv. Die Pfeile und Sperre der Wikinger haben mir nicht nur meine gute Leuchtweste ruiniert. Mein Rückprotektor ist jetzt auch noch kaputt.

Und die Moral von der Geschichte:

1. Leuchtwesten erhöhen nicht immer die Sicherheit. Vor allem wenn man sie im finsteren Mittelalter trägt.

2. Menschen, die etwas erleben wollen, sollte an ihrem Motorrad nicht nur Orginalteile verbauen.

3. Wer sich an einem sonnigen Ostermontag an die Empfehlungen der Polizei hält und auf das Motorradfahren verzichtet, kommt mitunter auf die absurdesten Ideen. Insbesondere, wenn er in seinem Leben eine Überdosis Terry Pratchett und Douglas Adams abbekommen hat.

Tipps für Motorradzeitreisende

Motorradfahren ist gefährlich und Zeitreisen sind es ebenfalls. Als passionierter Motorradfahrer verfügst du aber über genügend Ignoranz, um beides zu verdrängen. Sollte dich jemand von einer Zeitreise abhalten wollen, argumentierst du am besten mit den gleichen Sätzen, die du schon vom Motorradfahren kennst:

1. Fahradfahren ist auch gefährlich.

2. Wenn etwas passiert, dann sind meistens die Autofahrer daran schuld. Das muss doch auch mal gesagt werden!

Der Einbau des Raum-Zeit-Krümmers

Der Raum-Zeit-Krümmer wird anstelle des Ampermeter eingesetzt und hat drei Anzeigen.

Mit der Datums- und Uhrenanzeige erkennst du den Zeitpunkt, an dem du dich gerade aufhältst.

Mit der Erdpositionsanzeige ermittelst du den Standpunkt der Erde im Sonnensystem und deinen eigenen Standpunkt. Beide Punkte sollten immer übereinander liegen. Andernfalls wirst du ins Leere stürzen und im Weltall sowieso nicht lange Überleben.

Bedenke: Unser Planet umkreist mit durchschnittlich 30 Kilometern pro Sekunde (108 000 km/h) im Laufe eines Jahres die Sonne. Da sich die Erde auf einer elliptischen Umlaufbahn befindet, schwankt die Entfernung zur Sonne im Jahresverlauf – und damit auch die Geschwindigkeit. Das macht die Sache fahrtechnisch etwas knifflig. Dafür ist aber das Fahrerlebnis sehr viel geiler als beim üblichen Kurvenfahren.

Mit der Erdrotationsanzeige erkennst du deinen Standpunkt auf der Erde. Er sollte sich während der Zeitreise nicht wesentlich verändern. Ansonsten kann es sein, dass du in einem Ozean ertrinkst oder in einem Bergmassiv feststeckst. In einem Lebewesen festzuhängen, das sich gerade zu der Zeit an dem Ort aufhält, wo du auftauchst, ist für dich nicht ganz so gefährlich, endet aber für das Lebewesen immer tödlich. Je nach der Größe des Lebewesens ist das Ganze dann auch eine ziemliche Sauerei. Einen kernigen Motorradfahrer sollte das aber nicht weiter stören. Bei einem massiven Verkehrsunfall hinterlässt du ja ebenfalls eine mächtige Sauerei. Also Schwam drüber.

Hinweis: Vermeide es in Gebäuden oder anderen massiven Gegenständen festzustecken, denn das endet für dich meist tötlich. Und was noch schlimmer ist, das Motorrad könnte Schaden nehmen.

Höhenunterschiede bis zu einem Meter sind für dich kein Problem. Liegt dein Zielpunkt zum angesteuerten Zeitpunkt tiefer als beim Startpunkt, stecken das die Stossdämpfer locker weg. Liegt Dein Zielpunkt aber höher, ist es gut, wenn du einen Spaten zur Hand hast. Das Freibuddeln geht dann einfacher.

Die Position deines Motorrades im Kontext zur Erde steuerst du mit dem Gasgriff. Als Motorradfahrer solltest du genügend Feingefühl haben, um nicht dabei draufzugehen. Sei aber nicht zu ängstlich. Memen, denen das zu gefährlich ist, können sich ja einen Klapphelm kaufen und damit im Bett liegen bleiben.

Ausserdem passieren die meisten Unfälle im Haushalt. Ergo sind eine Zeitreise und eine Motorradtour sehr viel weniger gefährlich. Ein gutes Beispiel ist hier das Ausräumen der Spülmaschine. Sicherheitsbewusste Motorradfahrer und -fahrerinnen überlassen solche exiztenzbedrohende Tätigkeiten grundsätzlich dem Ehepartner oder der Ehepartnerin.

Das Zeitparadoxon und wie man hier ordentlich die Sau rauslassen kann

Nicht unerheblich ist die Frage, was passiert, wenn du in der Vergangenheit den Lauf der Geschichte und damit die Zukunft veränderst.

Mach dir deswegen keine Sorgen. So ein Raum-Zeit-Kontinum ist eine ziemlich robuste Sache. Kleinere Zeitparadoxen steckt das locker weg. Nur bei einem grösseren Zeitparadoxon wissen wir nicht was passiert. Es könnte sein, dass ein Paralleluniversum entsteht. Auch eine Zeitschleife, aus der keiner mehr rauskommt, wäre denkbar. In diesem Fall würde bis in alle Ewigkeit immer dasselbe passieren. Am wahrscheinlichsten ist aber, dass unser Universum explodiert und alle Erdenbewohner und Aliens mit einem Schlag vernichtet werden. Als konsequent individualistisch denkender Motorradfahrer wirst du allen drei Optionen mit der nötigen Gelassenheit begegnen. Schliesslich geht es hier ums Motorradfahren und da kann man ja nicht auf alles Rücksicht nehmen. Immerhin bist du geübt dadrin auf Umweltanliegen und Greta Thunberg zu scheissen. Auch das Ruhebedürfnis von lärmgebeutelten Anwohnern juckt dich wenig. Die sind doch selber schuld, wenn sie an einer Motorradstrecke leben. Genauso ist das auch mit den Bewohnern unseres Universums.

Also liebe Motorradzeitreisende: Born to be wild!

Zum Schluss noch ein Hinweis: Es schadet nicht, wenn man ein wenig den Vergaser aufbohrt. Man reist dann schneller durch die Zeit. Aber übertreibt es nicht. Vor gut 541 Millionen Jahren hat es schon ordentlich Leben gegeben. Die Erdatmosphäre war dort nicht mehr ganz so ungesund, wie in der Zeit davor. Deswegen gilt auch beim Zeitreisen die Devise: Macht aus eurer Enfield keine Rennsemmel. Tourenfahren ist viel erholsamer. Und für die Freunde der Motorradfernreisen sei gesagt, dass fleischfressende Dinosaurier ziemlich unangenehme Zeitgenossen sein können.

Reifen

Bezüglich der Bereifung wendet man sich am besten an Frank Panthöfer von den Kradvagabunden. Der kennt sich zwar nicht so mit Zeitreisen aus, weiss aber, welches Profil man bei schlechtem Untergrund verwendet.

Anmerkung

Der Tourenprofi Dominique von www.motorrad-und-touren.ch empfiehlt bei Reisen in die Kreidezeit, den höheren Sauerstoffgehalt bei der Vergasereinstellung zu berücksichtigen. (Siehe Kommentar unten) Auch weisst er darauf hin, dass in der Vergangenheit das Tankstellennetz nicht mit den Möglichkeiten von heute zu vergleichen ist. Ebenso kann man den Schweizer Automobilclub TCS erst ab 1896 aufbieten.

Auf Dominiques Blog findet man weitere nützlich Tipps für Motorradreisen in unserer Zeit. Insbesondere seine umfangreichen und akribisch beschriebenen Tourenvorschläge sind für mich persönlich eine unerlässliche Planungshilfe. Dominiques Revier sind die Schweiz, Italien und die Philippinen. 

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Comments

  1. habe den winzigen krümel gras aufgeraucht, den ein partygast mal vergessen hatte. kam als lachgaseinspritzung zu deiner story gar nicht schlecht. grins.

    • Es gibt Texte, da braucht man etwas Doping. Wohl wahr! Trotzdem muss ich das nüchtern ertragen. Denn meine Partygäste vergessen nie so etwas bei mir – leider. Ich glaub ich sollte einmal meinen Umgang überdenken.

      Danke für die Rückmeldung. Ich freue mich darüber.

  2. Danke! Beim Lesen hatte ich vermutlich Zeitstillstand! Meine Bierweckerl sind jetzt auch fertig! In Nullkommanix 😉

    • Das liegt in der Natur der Bierweckerl. „Was eben noch gegenwärtig war, ist nicht mehr, und das Künftige ist noch nicht.“ Das schreibt Rüdiger Safrans in seinem beachtenswerten Buch „Zeit“. Er bringt damit mein persönliches Bierweckerl-Drama auf den Punkt. Die Dinger sind in Null-Komma-Nichts auf gegessen und dann beginnt das Warten darauf, dass es mal wieder neue gibt.

      Danke für deine Rückmeldung. Ich freue mich darüber.

  3. Na das nenne ich mal einen Touren Tipp. Thomas, danke dafür!
    Hoffentlich habe ich alles richtig verstanden. Eine Frage noch, wer war nochmal diese Greta Tuhndings?

    LIEBEn Gruß vom rüpel

  4. Mal wieder herrlich einfallsreich, lieber Thomas! Ich glaube der Film „Zurück in die Zukunft“ hat es Dir früher besonders angetan. 😉 Ich stelle mir gerade vor, wie Du als Doc Brown die Enfield bändigst! Dazu musst Du aber noch etwas an Deiner Frisur optimieren! Ist aber in Corona-Zeiten kein Problem. 😂

    • Ich liebe die Zurück-in-die-Zukunft-Filme! Und ich wage zu behaupten, dass ich im Moment noch abgedrehter als Doc Brown aussehe. Die Frauen in meinem Leben sind von meinem Äusseren zutiefst befremdet, wenn nicht gar schockiert.

      Danke für deine Rückmeldung. Ich freue mich darüber.

  5. Hallo Thomas

    Okay, am Morgen, und vor allem VOR dem ersten Kaffee, diesen Tourenvorschlag lesen . . .
    Mein Gehirn musste erst mal den Einstieg finden. 😀

    Als Leser hoffe ich, dass der Lockdown nie zu Ende geht, denn es wird uns viele neue Tourenvorschläge von Dir bescheren.

    Eine kleine Anmerkung hätte ich noch:

    Wer eine Motorradtour zu den Dinosaurier plant, sollte allenfalls die Düsen der Vergaser ändern.
    In der Kreidezeit lag der Sauerstoffanteil der Luft, mit 30%, um einiges höher wie heute.

    Was ich als sehr wichtig erachte ist, dass der Tank vor der Motorrad-Zeit-Tour randvoll ist, denn das Tankstellennetz war damals bestimmt noch nicht so gut ausgebaut.
    In einer anderen Zeit, ohne den passenden Treibstoff zu landen, kann erhebliche Störungen in der geplanten Route mit sich bringen – wie schon Marty McFly feststellen musste.

    Der TCS kann nämlich erst ab 1896 helfen. 😉

    Ich freue mich auf weitere fantastischen Tourenvorschläge von Dir.

    Liebe Grüsse
    Dominique

    • Lieber Dominique

      Auf das Problem mit dem Sauerstoffgehalts bin ich gar nicht gekommen. Aber du hast recht! Auch die Sache mit dem Treibstoff ist enorm wichtig und das Fehlen des TCS ist ein nicht zu unterschätzendes Sicherheitsrisiko. Hier zeigt sich, dass es immer gut ist, wenn man bei seinen Reisen, bei einem Tourenprofi wie dir Rat zu holen. Ich habe mir erlaubt, oben in einer Anmerkung darauf hinzuweisen. Vielen Dank für diesen Input.

      Herzlich Thomas

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